Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 8 (26.2.1899)
- Date
- 1899-02-26
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Wahrheit. Seit? 9. Nr. 8. Wie ist es möglich, dass ein Gesetzbuch aus einer Hand hervorgegangen, sei es aus der des ersten Gesetzgebers, sei es aus der des letzten Redacteurs, einander widersprechende Gesetze enthalte? Wie hat man cs in der Praxis gehalten, ohne die Widersprüche auszugleichen? Allerdings sagt Rabbi Jsmael, bei einem solchen Widerspruch gäbe ein drittes Gesetz die ausgleichende Entscheidung. Aber thatsächlich gibt es viele Widersprüche in der Thora, ohne dass ein drittes Gesetz die Entscheidung brächte. Hier muß doch die Entscheidung mündlich überliefert worden sein! Wenn wir aber diese nicht mehr kennen, so hat uns die Thora den Weg gezeigt, indem sie selbst manchmal durch ein drittes Gesetz unter zwei sich widersprechenden Gesetzen vermittelte, wie wir überall es zu machen haben, nämlich den Mittelweg einzuschlagen. Die talmudischen Weisen haben es immer gethan, ohne zu fürchten, ihr Verstand könnte sie irreführen, den richtigen Sinn der Thora zu verfehlen. Denn wozu hätte uns Gott den Verstand verliehen? Oder was sollten wir denn sonst ansangen, wenn sich zwei Gesetze widersprechen? Warten, bis die Thora durch ein drittes Gesetz die Erklärung selbst gibt? In vielen Fällen warten wir vergebens daraus. Sollen wir nun unter den sich widersprechenden Gesetzen das eine befolgen und das andere verwerfen? Da würden wir aber am Ende doch unserem Verstände die Wahl überlassen müssen. Demnach ist es wohl richtiger, unseren Verstand dazu zu benützen, einen Mittelweg zu finden, dass beide Gesetze ihre Geltung behalten, und sollten wir dabei irren, so ist doch unser Bestreben aufrichtig und der Wille gut. Aus unseren Erwägungen ergibt sich nun folgendes: Schon zur Zeit, als die Thora ausgeschrieben wurde, waren verschiedene Ueberlieferuugen bekannt, durch welche nicht nur manche Gesetze verständlich, sondern auch begründet sind. Diese Ueberlicferungen sind aber nicht ausgeschrieben worden. Ebenso haben wir gesehen, dass schon damals die Gesetze eine mündliche Erklärung erfuhren. Die Worterklärungen wurden nicht ausgeschrieben, dagegen wurden diejenigen Erklärungen ausgeschrieben, welche das geschriebene Gesetz näher bestimmen, begrenzen oder erweitern, ohne dass dies im Wortlaut des Gesetzes enthalten wäre. Solcher Art sind die Erklärungen im Deuteronomium (5. Buch Moses) und zum Theil in den anderen heiligen Büchern. Danach können wir das Alter einer Erklärung bestimmen und genau wissen, ob sie überliefert oder neu ist. Jeder Freund der Wahrheit muß dies zugeben. Wenn aber trotzdem manche es leugnen, so liegt die Schuld an den übertriebenen Aeußerungen des Talmud über die mündliche Ueberlieferung. Man nahm die Behauptungen, dass der ganze Talmud mit seinen Gesetzen und Erklärungen schon dem Moses auf Sinai geoffenbart wurde, wörtlich, ohne zu bedenken, dass solche Behauptungen nicht wahr sein können, und dass sie höchstwahrscheinlich auch gar nicht wörtlich gemeint waren! Allerdings haben es auch manche Gaonen (nachtalmudische Schulhäupter) wörtlich verstanden, so dass selbst die Controversen der Amoräer (Erklärer der Mischna) alte Ueberlieferungen wären (R^ Scherira), ebenso seien die 13 Regeln zur Erklärung des Gesetzes vom Sinai überliefert (Naschi im Namen der Gaonen und Maimonides). Aber man darf nicht übersehen, dass die Gaonen ihre Meinung darüber nicht aus einer alten Ueberlieferung schöpften, sondern aus den betreffenden talmudischen Aeußerungen, welche sie wörtlich nahmen Eine Ueberlieferung darüber gab es durchaus nicht. So kam es, dass man selbst den nachtalmudische» gesetzlichen Bestimmungen ohne Bedenken die Autorität einer sinaitischen Ueberlieferung zufchrieb. Aber eine solche Uebertreibung war durchaus nicht geeignet, den Glauben an die mündliche Ueberlieferung zu befestigen. Im Gegentheil. Jeder Einsichtige musste sich einem Glauben widersetzen, der von solchen Stützen getragen wurde. Dagegen tragen unsere Beweise für das Vorhandensein einer mündlichen Ueberlieferung die zwingende Gewalt der Wahrheit in sich und könnnen jede Kritik vertragen. — Wieviel aber solcher uralter mündlicher Erklärungen haben sich erhalten? Bestimmt können wir es nicht wissen, da uns die Nachrichten aus jener Zeit fehlen. Aber das wissen wir bestimmt, wie wir weiter sehen werden, dass die Gesetze zu verschiedenen Zeiten verschieden erklärt wurden. Daraus folgt aber, dass unmöglich alle Erklärungen überliefert waren. Für jetzt genügt es aber, festgestellt zu haben, dass eine mündliche Ueberlieferung sich jedenfalls in den ältesten Zeiten Nachweisen lässt, und das bildet den Grund zum Glauben an eine mündliche Lehre überhaupt. II. Abschnitt. Die Zeit der Richter bis Samuel. Nachdem die Kinder Israels das Land Canaan in Besitz genommen hatten, waren sie noch lange nicht zu Ruhe und Behaglichkeit gekommen. Sie mussten sich gar oft ihrer zahlreichen Feinde erwehren und nicht immer waren sie Sieger geblieben. In dem Maße, als sie sich vom Ziele entfernten, welches der göttliche Gesetzgeber ihnen gesteckt hatte, verschlimmerte sich ihre Lage. Die Einheit des Volkes war geschwunden, die gesellschaftlichen Verhältniße zerrüttet. Sie fielen wiederholt von Gott ab, und Gott ließ sie fallen. Ihre Gesetze und Bräuche waren ein Gemisch aus den Gesetzen der Thora und denen ihrer heidnischen Umgebung. Je größeren Umfang diese Verwirrung nahm, desto weniger ^begegnen wir den Spuren göttlichen Gesetzes in dieser Zeit. Nur selten erhellt ein Funken die herrschende Dunkelheit, aber nur matt und trübe ist sein Licht, welches gar bald der vollständigen Finsternis weichen muß. Und doch entdeckt unser spähendes Auge manche Anhaltspunkte, um zu erkennen, wie man zu dieser Zeit manche Gesetze der Thora verstanden hat. Es erfordert große Vorsicht, da es eben schwer fällt, welche Handlungen dieser Zeit man auf Rechnung der Thora, und welche auf Rechnung der fremden Einflüsse setzen soll. Zudem sind manche Begebenheiten poetisch ausgeschmückt. Aber eine sorgfältige Untersuchung wird uns den richtigen Weg zeigen, das Wahre vom Falschen, das Echte vom Unechten zu unterscheiden. Manche Erzählung aus der Zeit der Richter würde uns unverständlich bleiben, wenn wir nicht annehmen, dass einige dunkle Gesetze der Thora damals nicht dunkel waren, sei es, dass eine mündliche Ueberlieferung oder sachgemäße Erklärung das Dunkel aufhellte. Solange Josua und seine Zeitgenossen lebten, blieben die Israeliten nach dem Zeugniße der Schrift treu ihrem Gotte und seiner Thora. In ihren religiösen Handlungen haben sie sich nach dem göttlichen Gesetze gerichtet. Aus einer solchen Haudlung können wir also genau entnehmen, wie damals das betreffende Gesetz verstanden wurde. (Fortsetzung folgt.) Gemeinde-Bote. Aus der Sitzung des Vorstandes der israel. Cultusgemeinde vom 19. Februar 1899 unter dem Vorsitze des Präsidenten, Herrn kais. Rath Heinrich KLinger. Nach Verlesung der Einläufe macht der Präsident die Mittheilung, dass ihm unmittelbar vor Beginn der Sitzung