Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 8 (26.2.1899)
- Date
- 1899-02-26
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Geite 6. Die Wahrheit. Nr. 8. mag, nicht mitgetheilt ist. Ich will das Versäumte nachholen und dieses bisher ungedruckte Manuscript hier veröffentlichen. Es lautet: Akademisches Urtheil über C. F. Selles Abhandlung vom Sceptizismus uub dem Axiom, dass alles dem Zweifel unterworfen. Wenn die alten Sceptiker ihre Meinung vortrugen, dass alles dem Zweifel unterworfen sei, so pflegten sie aus Vorsicht hiuzuzuthun, auch dieser Satz, dass alles ungewiss sei, ist selbst noch ungewiss. So wünschte ich Herrn Selles Erklärung zu wissen, ob er den Satz selbst, dass es keinen reinen Vernunftbegriff gebe, nicht für einen Vernunftbegriff halte? Oder schließt er chn vielleicht deswegen vom Vernunftbegriff aus, weil er mathematisch demonstrirt worden und also, wie Herr Selle sich ausdrückt, identisch sei? Wenn alle mathematisch erweislichen Sätze als identisch betrachtet, nicht als reine Vernunftbegriffe gelten sollen, so bleiben freilich keine anderen Sätze zurück als solche, die sich zum Theil auf Erfahrungen gründen, und der Satz, es gibt keine Vernunstbegriffe, insoweit Herr Selle eigentlich Bernunftsätze darunter versteht, ist im Grunde selbst identisch und will nur soviel sagen, alle Sätze sind entweder mathematisch erweislich, also auf identische Sätze zu reduciereu, oder gründen sich auf Erfahrung oder sind ans beiden Arten zusammengesetzt. Ich denke nicht, dass jemand wider diese Behauptung etwas einzuwenden haben kann; er möchte über die Art und Weise, wie sich Herr Selle über den Satz des B.-G. ausdrückt, zufrieden oder nicht zufrieden sein. Verschiedene Einwürfe des Herrn Zöllner beruhen, wie mich dünkt, auf einem bloßen Wettstreit. Er nimmt Synthesis oder Analysis in anderer Bedeutung als Herr S. und führt die Mathematik zum Beweise an, dass es von der Erfahrung unabhängige Synthesis gebe. Ihre Synthese, wird Herr S. antworten, aber nicht die meinige. Es kommt hier nicht darauf an, auf wessen Seite der Sprachgebrauch sei, genug, Herr Selle nimmt einen Satz nur dann als synthetisch, wenn das Prädicat nicht aus dem Subjecte erwiesen werden kann, und dergl. kann es in der Mathematik nicht geben. Noch hätte ich gewünscht. Herr Selle hätte eigentliche Begriffe von Urtheilen und Sätzen unterschieden. Sein Thema ist: es gibt keine reellen Vernunstbegriffe, und sein Beweis spricht nur von Sätzen. Wiewohl die Begriffe als das Material des Denkens offenbar ihren Ursprung nicht von der reinen Vernunft Haben können, welche sich blos auf das Formale des Denkens beziehen könne. Indessen kann die Seele das Formale selbst zum Gegenstand ihres Nachdenkens nehmen und insoweit reine Vernunftschlüsse herausbringeu, die aber, wie in der Logik, abermals blos identisch sein werden. Ueberhaupt habe ich die größte Verehrung für identische Sätze dieser Art; wenn man sich in methapysisch-moralischen Dingen nach mathematischer Evidenz sehnt, was will man anders, als dass man dieselben auf Identitäten dieser Art hinführeu könne." Ich erwähne schließlich noch, dass noch jetzt, fast anderthalb Jahrhunderte nach der Niederschrift der Briefe und Manuscripte Mendelssohns, diese sich durch die Klarheit und Schärfe der Schriftzüge auszeichnen, denn der Philosoph war nebenbei beknintlich auch ein tüchtiger, correcter Kaufmann, der stets streng darauf hielt, kaligraphisch schön zu schreiben? Zur Geschichte der jüdischen Tradition von Lektor I. H. Writz« Frei aus dem Hebräischen bearbeitet von Dr. I. Kahan. (Fortsetzung.) Wenn wir nun die Ueberzeugung gewonnen haben, dass bei einer großen Anzahl von Gesetzen eine mündliche Ueberlieferung vorangegangen sein muß, so gibt es noch außerdem Wahrscheinlichkeitsbeweise, welche die Talmudisten für die Echtheit der Ueberlieferung erbracht haben. Aber da müssen wir sehr vorsichtig sein. Denn manche solcher Beweise genügen wohl Manchem, weil sie alt sind. Dem Forscher aber genügen sie nicht, obwohl sie alt sind. Wir wollen uns einen solchen Beweis ansehen. Aus den Worten der Thora: „So sollst du schlachten von deinen Rindern und deinen Schafen — sowie ich dir geboten", (5. M. 12, 21), folgert der Talmud, dass Gott dem Moses genaue Befehle ertheilte, beim Schlachten die Speise- und Luftröhre durchzuschneiden (Chullin 28a), ebenso über die sämmtlichen Einzelheiten beim Schlachten. Es ist klar, dass die Worte „sowie ich dir geboten", nur besagen: Ich habe dir schon einmal geboten, zu schlachten. Das Wie ist hier durchaus nicht enthalten. Eine talmudische Autorität sagt es gerade heraus: „Wie die Opfer geschlachtet werden müssen, so auch die profanen Thiere" (Sifre z. Stelle). Woher also der Beweis, dass die „fünf Schlachtregeln" schon dem Moses am Sinai mitgetheilt wurden? Offenbar liegt hier nur eine Bermuthung vor. Solcher Beweise gibt es viele, und wir müssen sie bei vielen Gesetzen annehmen, welche in der Thora allgemein gehalten sind. So heißt es beim Sabbath allgemein: „Du sollst keine Arbeit verrichten." Außer Feueranzünden ist in der Thora nur Pflügen und Ernten ausdrücklich verboten,*) und dennoch ist es klar, dass auch andere Arbeiten verboten wurden, da an den Feiertagen die Zubereitung von Speisen erlaubt wird, folglich waren sie am Sabbath verboten. Gewiss war also schon bei Verkündigung des Gesetzes bekannt, welche Arbeiten am Feiertag erlaubt und am Sabbath verboten sind. Selbst das Anflesen des Holzes war schon zu Moses Zeit als verbotene Arbeit bekannt, und als man einen Mann dabei ertappte, da griff man ihn aus und brachte ihn zu Moses (4 M. 15, 32). Im Wortlaute des Gesetzes war dies nicht zu finden, aber die Leute wussten, dass das Holzlesen als eine Arbeit angesehen wurde. Aehnliche Beweise für eine mündliche Ueberlieferung gewinnen wir aus den anscheinend sich widersprechenden Gesetzen. Denn in einem einheitlichen Gesetzbuche können Unmöglich widersprechende Gesetze bestehen. Wir müssen unbedingt annehmen, dass solche Widersprüche in der Praxis zu irgend einer Zeit ausgeglichen wurden. Und wenn wir auch nicht angeben können, wie ein solcher Ausgleich in der ältesten Zeit ausgesehen habe — was schadet es? Genug, dass wir wissen, dass zu den geschriebenen Gesetzen auch mündliche Erklärungen vorhanden waren. Allerdings gilt dieser Beweis nur dann, wenn, wie wir glauben, die Thora von Anfang bis zu Ende von Moses auf Befehl Gottes . niedergeschrieben wurde. Es gibt aber Männer, welche glauben, dass die Thora nicht aus einer Hand hervorging, sondern erst nach und nach, zu verschiedenen Zeiten und aus verschiedenen Gesichtspunkten. Ja sie wollen sogar diese Meinung in dem talmudischen Satz erblicken: die Thora sei rollenweise, in einzelnen Abschnitten, gegeben worden. Demnach wären auch die Widersprüche aus der Verschiedenheit der Gesetzgeber zu erklären. Aber selbst nach dieser irrigen Meinung muß man doch zugeben, dass die verschiedenen Bestandtheile der Thora zu irgend einer Zeit von einer Autorität zusammengefasst und zu einem Gesetzbuche vereinigt wurden. Nun entsteht unsere Frage von Neuem. *) Der Verfasser führt auch das Säen und Beschneiden des WeinstockS an, aber dort (3 M. 25, 4) ist nur vom Sabbatjahr die Rede.