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Die Wahrheit · 1899-02-26 · Heft 8 (26.2.1899) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 8 (26.2.1899)
Date
1899-02-26
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 6. Die Wahrheit. Seite ö. erwärmten und sie dahin führten, wo sie jetzt stehen: an die Spitze Oesterreichs, als Besieger ihrer Sieger! j Der biedere Lueger, der edle Lichtenstein, der fromme ' Jünger Loyolas, Pater Scheicher rufen die holden Weiber des I Naschmarktes zu Hilfe und Anhang — wir wollen die gebildete Damenwelt unseres Volkes zur Unterstützung aufrufen, auf dass sie gleich Nirjs.ru der antiken Vergangenheit, ihre Gatten Väter und Brüder zu einer muthigen und rücksichtslosen Gegenwehr aneifern und begeistern. Leo Herzberg-Fränkel. Wochenschau. Erst vor Kurzem hörten wir den Präsidenten der Wiener Cultusgemeinde mit Bedauern konstatieren, dass die früher so glänzend manifestierte Opferwilligkeit der Gemeindemitglieder im Schwinden begriffen sei, und dass der Vorstand bei den Sammlungen für den Fond des Siecheuhauses manch' trübe Erfahrung nach dieser Richtung gemacht hat. Um so freudiger überrascht uns die großartige Spende, welche vor einigen Tagen der Gemeinde für die Errichtung eines Kinderspitales zur Verfügung gestellt wurde. Freilich erscheint es uns auffällig, dass der unbekannte Wohlthäter eine Mittelsperson zwischen sich und den Vorstand stellte, und es mag auch eine gewisse Absicht darin liegen, dass er zu diesem Behufe einen Mann wählte, der vor Jahren zu den verdienstvollsten Mitgliedern des Cultusvorstandes gehörte und au die glanzvolle Epoche erinnert, da Alles, was Wien an großen, nicht nur durch Reichthum, sondern auch durch Wissenschaft, Geist und sociale Stellung hervorragenden Männern besaß, persönlich an der Leitung der jüdischen Gemeinde Antheil nahm, oder auch außerhalb des Vorstandes richtunggebend einwirkte. Das scheint eine Lehre für den Cultusvorstand zu enthalten. Seit Jahren geht ein stark demagogischer Zug durch die Wiener Cultusgemeinde. Das Streben des Vorstandes muß nun darnach gerichtet sein, von diesem Zuge die Gemeinde loszuringen und die Verbindung zu suchen zu jenen Kreisen, welche die Intelligenz und den Adel des Geistes repräsentiren. Die Mannigfaltigkeit der Fragen, die im Gemeindeleben auftauchen, gibt hiezu reichliche Gelegenheit, und für die Behandlung derselben wird es, wie wir an einzelnen Beispielen demonstrireu könnten, von großem Vortheile sein, wenn nicht Alles im Schoße des Vorstandes ausgekocht und oft auch — verdorben wird. Hat der Vorstand einmal die Intelligenz und den Geistesadel zurückerobert, dann werden auch die besitzenden Kreise aus ihrer Zurückgezogenheit hervortreten und jenes Interesse bezeugen, das einst so schöne Institutionen in der Wiener Cultusgemeinde gezeitigt hat. # Nach dem beachtenswerthen Hirtenbriefe des Fürsterzbischofs von Wien, der sich jüngst so entschieden gegen den nationalen wie gegen den confessionellen Hader richtete, wollen wir heute auf den nicht minder bedeutungsvollen Hirtenbrief des Bischofs von Linz Hinweisen, in welchem folgender Pasius enthalten ist: „Ein falscher Prophet ist, wer im öffentlichen Leben die Nationalität über alle anderen Verhältniße stellt. „Gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist," sagt der Heiland. Auch wir lieben die Nation, der wir angehören, der staatsrechtliche Verband aber, in dem wir mit verschiedenen Nationen unter dem Scepter unseres erhabenen Kaisers vereinigt sind, ist heiliger als der der Nationalität. Uebrigens müffen wir alle Menschen, daher auch alle Nationen lieben, gleichviel welche Sprache sie reden, gleichviel ob Heide oder Jude, ob Barbar oder Scythe." Das sind Worte, die jeder Mensch, ob Deutscher oder Czeche, ob Christ oder Jude,rsoferne er nur sein Vaterland liebt, unterschreiben muß. $ Die Rundreise Nordau's durch Deutschland scheint für die zionistische Propaganda keine besonderen Erfolge gebracht zu haben, denn alltäglich werden in jüdischen und nichtjüdischen, deutschen Blättern Protestrufe gegen den Zionismus laut. So schreibt ein Herr A. Gumbel in der ,.Heilbr. Ztg." wie folgt: „Wenn ein Fremder von ungefähr in das hiesige evangelische Bereinshaus getreten wäre und dort den Bortrag „über den Zionismus oder das Erwachen der jüdischen Nation" gehört hätte, so hätte er ohne Zweifel während desselben einmal seinen Nachbar gefragt: ,.Jst der Redner ein Agitator des Zionismus, ein Abgesandter des großen Herzl oder des noch größeren Nordau?" Mit einer Liebe und mit einer Breite und Gründlichkeit, die einem zionistischen Agitator gut augestanden hätte, schilderte Herr Stadtpfarrer Stähle die Bestrebungen der Zionisten und er nahm diese Sache so ernst, dass er sogar gründliche staatsrechtliche Belehrungen darüber gab, wie die Juden sich in dem neuen Staate in Palästina zu verhalten hätten Er ließ bereits Gesandte des zionistischen Staates aus der Bildfläche erscheinen und konnte sich gar nicht genug thun im Lob dieser „großen Idee", der er die menschliche und sogar die „christliche Tyeilnahme" zusicherte. Er sprach von der „Wucht des ausgesprochenen Gedankens", von dem riesigen Anklang, den die Sache unter den Juden finde, so dass ohne Zweifel nicht wenige der Zuhörer und Zuhörerinnen gestern Abend heimwärts pilgerten im Glauben, dass nächstens der Auszug der Kinder Israels nach Palästina beginne. Dem gegenüber freut sich der Schreiber dieses, dem Stadtpfarrer sagen zu können, dass wir deutsche Juden, oder richtiger wir jüdische Deutsche — abgesehen vielleicht von ein paar Dutzend Merspannten Köpfen — den Zionismus für ein leeres Hirngespinst betrachten, für das wir nur ein Lächeln haben. Der Herr Stadtpfarrer sprach von der „Verbannung", in der wir Juden jetzt lebten. Möge er sich daher gesagt sein lassen, dass wir Juden uns trotz alledem und alledem durchaus nicht als Verbannte fühlen. In der Verbannung wären wir — in Jerusalem. In Deutschland aber sind wir in unserer lieben Heimath, die uns aus Herz gewachsen ist, so gut wie unseren christlichen Mitbürgern. Wir sagen mit ihnen aus Herzensgrund: „Hie gut Württemberg allweg" und singen so gut wie sie: „Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der Welt." Kommt aber eiuer, der uns die Süßigkeiten eines neuen Judenstaates in Palästina schildert und uns zur Auswanderung dahin verlocken will, so weisen wir ihm einfach die Thür. Der Herr Stadtpsarrer verzweifelt an der Möglichkeit der Assimilierung zwischen Juden und Christen und weiß deshalb keinen anderen Rath als — Zion. Möge er sich doch darüber nicht die Köpfe von uns Juden zerbrechen! Die letzten Reichstagswahlen brachten dem lauten Antisemitismus, dem politischen Antisemitismus eine schwere Niederlage. Bei den nächsten Wahlen in 5 Jahren wird er zweifellos vollends eingesargt werden. Und dem Lauten Antisemitismus wird sein Bruder, der stille, langsam und deutlich allerdings, aber auch er wird ihm Nachfolgen. Dafür gibt es schon Anzeichen genug! Auf der anderen Seite, auf der Seite von uns Juden war die antisemitische Bewegung nicht vergebens: man sucht dem, was an dieser Bewegung berechtigt war, Rechnung zu tragen. Die Juden wenden sich mehr und mehr nützlicher Thätigkeit zu und stellen ihren Mann auf dem Gebiete der Industrie, Kunst und Wissenschaft. Wer aber wird einen tüchtigen Industriellen, einen bedeutenden Künstler oder Gelehrten noch gering schätzen, nur deshalb weil er ein Jude ist? Man sieht: auf beiden Seiten werden die Wege geebnet zur Verständigung und es braucht keine Prophetengabe, um vorauszusehen, dass in einer nicht gar fernen Zeit der alte Streit begraben und Christen und Juden im lieben Deutschland sich als Brüder die Hände reichen werden. So stehen die Actien, Herr Stadtpfarrer! Nach Palästina gehen wir nicht!" Durch die Wahl Loubet's zum Präsidenten ist der Jubel der französischen Antisemiten über den Sieg, den sie in der Kammer durch die Annahme des Gesetzes über das Revisionsverfahren errungen haben, gedämpft worden. Aber das hält sie nicht ab, in der Dreyfus-Äffaire immer weiter zu schüren, und jetzt zerbrechen sie sich gar die Köpfe über die Frage: „Wo

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