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Die Wahrheit · 1899-02-26 · Heft 8 (26.2.1899) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 8 (26.2.1899)
Date
1899-02-26
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Nr. 8. Seite 4. Die Wahrheit. 3i.-£ bii, 1 pi'i Al nn,.. i bi.ti R:| at'.- P Ei! f 9«' g 9e. I m j di! er * in •; ui h>! kr . »!; vr % er ft: I a v; st; d l - f seine Liebe dem Fortschritte, der Gerechtigkeit und der Menschlichkeit in gleichem Maße geweiht hat." Wenn nun in Frankreich das Princip der Gerechtigkeit zum Durchbruche gelangt ist, so dürfen wir aus den Vorgängen daselbst die Hoffnung schöpfen, dass auch in unserem Vaterlande endlich eine Gesundung der Verhältniße eintreten und die von gewissenlosen Hetzern genährte Verwirrung auf nationalem und confessiouellem Gebiete einer besseren Einsicht Platz machen wird. Der gesunde Menschenverstand eines gebildeten Volkes lässt sich nicht auf die Dauer in Fesseln schlagen, und kein modernes Staatsleben kann ohne erheblichen Schaden für seine Existenz Hass und Zwietracht unter seinen Bürgern auf längere Zeit vertragen. Es mehren sich die Anzeichen, dass diese Ueberzeugung sich immer mehr Geltung verschafft, und bemerkenswerth nach dieser Richtung sind die entschiedenen Worte, mit welchen der Erzbischof von Wien und der Bischof von Linz in ihren letzten Hirtenbriefen die nationale und confessionelle Unduldsamkeit verurtheilten. Mögen die Mahnungen dieser hohen Kirchenfürsten in jenen Kreisen Beherzigung finden, an welche sie gerichtet sind, dann ist auch die Zeit nicht mehr so ferne, da auch in unser Vaterland der bürgerliche Friede wieder einkehrt. Seid einig! Die slavische Hochfluth, die aus Galizien und Böhmen gegen die deutsche Bevölkerung Oesterreichs vorgedrungen, hat diese zur kompakten politischen Partei verdichtet und — abgesehen von jenem allerdings leider nicht unbedeutenden Theile, der unter der Herrschaft der Jesuiten steht — sind nun die Deutschen Schulter an Schulter geeint zur gemeinsamen Abwehr. Druck erzeugt Wärme und bringt Bewegung in die Stagnation. Der Antisemitismus hat ähnliche Erscheinungen bewirkt.. Bevor diese scheußliche Hydra ihr Haupt erhob, lag der Jndifferentismns wie ein dichter Nebel schwer über dem Judcnthume, und häufige, ganz unmotivierte Desertionen waren tägliche. Erscheinungen. Die Söhne drängten die Väter, die Männer be-. redeten die Frauen und das Weihwasser sprudelte fleißig über schwarzkrause Köpfe. Da kam der Ausbruch des Judenhasses dem Judenthume zu Hilfe. Der Uebertritt wurde zur Feigheit und brachte keine Vortheile mehr, weil der Rassenfanatismüs der Gegner Wache stand und die Ueberläufer zurückdrängte. Die Abtrünnigkeit nahm ab. die Juden rückten zusammen, und wie in den denkwürdigen Märztagen 1848 die akademische Jugend an der Spitze der Freiheit marschierte, so schloß sich die von Intelligenz, Stammesbewusstsein und gerechter Entrüstung getragene jüdische Jugend zu Vereinen zusammen, einen lebendigen Wall um ihr bedrohtes Volk bildend. Ihr Eifer riss auch ältere, bedächtigere Männer mit, ihr Feuer erwärmte selbst träge Naturen. Vereine entstanden, Pläne wurden entworfen, Congresse eiuberusen und man dachte und denkt daran, den verfolgten,, in ihrem Erwerbe geschädigten und depossedierten Juden ein völkerrechtlich gesichertes Refugium zu schaffen. Doch dies genügt nicht. Die bestehenden nationalen und confessionellen Vereine, so löblich ihre Ziele und anerkennenswerth ihre Thätigkeit, sind, nur vereinzelte Bataillone, die blos plänkeln, nicht aber schlagen können. Statt der vielen Vereine bedarf es eines großen Vereines, der das gesammte österreichische Judenthum umspannt mit einer Centrale, die ihre Polipenarme über alle jüdische Gemeinden beider Reichshälsten streckt. Eine Repräsentanz von nahe zwei Millionen zur Solidarität geeinter Menschen ist nicht leicht wegzuwinken; sie bildet vermöge der Zahl, der Intelligenz, des Wohlstandes und der Wahlberechtigung einen nicht zu verachtenden Factor in der Staatsmaschine, mit dem die Regierung rechnen muß. Quantitativ und qualitativ überwiegen wir doch die slovenische und italienische Bevölkerung Oesterreichs, die so viel Berücksichtigung findet, während wir ignorirt werden. Welche Bedeutung haben unsere eilf Abgeordneten, von denen sechs als gänzlich unselbstständig im Polenclub verschwinden? Nach dem Zahlenverhältniße der diesseitigen Reichshälfte würden uns 22 Abgeordnete zukommen, welche als jüdischer Reichsrathclub eine stattliche Figur in der reichsräthlichen Mosaik des Sitzungssaales bilden würden. Es sind dies keine Utopien. Wer erinnert sich nicht der kleinen schüchternen Anfänge der katholischen Partei unter Pater Greuter — der verschämten Versuche der unverschämten Antisemiten unter Schönerer — des ersten Lallens der Slovenen? Und nun sind sie zu mächtigen und einflußreichen Parteien ausgewachsen, vor denen die Regierung knixt! — Das Material wäre da, es fehlt blos die Organisation, die Vereinigung zu gleichen Bestrebungen, das Schwergewicht einer festgeschweißten Solidarität. Um dies zu bewirken, wäre ein Congress von Vortheil. Palästina zu gewinnen ist schwer, eine gute Position in Oesterreich zu erobern, viel leichter. Stehen wir zur Abwehr, erforderlichenfalls zum Angriff geeint und gerüstet da, dann wagt nicht wieder ein Gerichtspräsident den jüdischen Juristen die Gerichtsstuben seines Sprengels zu sperren, wagt nicht ein Bürgermeister, von dem ärztlichen Bewerber einen Taufschein zu fordern, wagen nicht gescheiterte Existenzen sich an Juden zu rächen! In ruhigen, normalen Zeiten, als man noch die Juden friedlich ihrem Erwerbe und ihrem Glauben leben ließ, trat in Wien ein Verein unter dem Namen „Israelitische Allianz" zusammen, der seine Zweige nach allen Seiten ausstreckte und zur Ausgabe hatte, moderne Bildung ins Judenthum zu tragen. Diese schönen Zeiten des Friedens sind vorüber, wir leben im Kriege und müssen ein verschanztes Lager beziehen. Nun muß es die Aufgabe der isr. Allianz sein, die Juden zu einer strammen Einheit zu organisieren, aus dass sie mit vereinten Kräften die Sturmfluth von Niedertracht und Bosheit eindämmen, welche verheerend und zerstörend über uns einbrechen. Die politische Gesinnung darf hier kein trennendes Hindernis sein und muß nicht egalisiert werden. Es bleibe Jedem unbenommen sich als Deutscher, Czeche, Pole oder Ungar zu fühlen, wenn er in erster Linie dem Judenthume angehört und sich solidarisch mit ihm fühlt. Weder der Deutsche, noch der Czeche werden es ihm verargen, wenn er sich mit seinen Brüdern verschanzt, um den gemeinsamen Feind abzuwehren und seine Menschenrechte gegen eine Bande von Strolchen im Frack und mit Titeln zu schützen. Um diese so nothwendige Solidarität zu bewirken, bedarf es zweier Motoren, die noch niemals ihre treibende Kraft versagten — die Jugend und die Frauen. Als im Jahre 1863 die jetzt mächtigen Polen politisch darnieder geworfen und selbst wetterfeste Männer entmuthigt wurden, da waren es die Frauen und Jünglinge, welche ihren Patriotismus bis zum Fanatismus

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