Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 7 (18.2.1899)
- Date
- 1899-02-18
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 14. „Beilage: Oesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung." Nr. 7. Anfertigung von Gelegenheits- (Trau-, Grab-, Cousirmations-) Reden gegeben werden, auch sollen sie der Reihe nach bei dem am Sabbath-Nachmittag statrsindenden Jngendgvttesdienst kurze Vorträge halten, ad II wird bemerkt, dass beaulagte Schüler Privatunterricht bei Musikern und Gesangslehrern genießen. Dies reiche allerdings für Cantoren von Großgemeinden nicht aus, dafür genüge aber auch der gewünschte Nachcnrsus nicht, gegen den noch folgende Bedenken erhoben werden: Die jungen Leute müssen sofort nach bestandenem Examen Lehrerstellen annehmen, da sie nur als Volksschullehrer die Begünstigung einer kürzeren Militärdieristzeu genießen; auch in Hinblick auf das nach Verlauf weniger Jahre abzulegende Nachexamen ,ift ein möglichst schleuniger Uebergaug zur Praxis nöthig. Den gewünschten Zwecken würde durch eine besondere Cantorenschnle am besten gedient sein. Das Berliner Seminar verhält sich ad I ablehnend. Das homiletische Moment zu berücksichtigen, liege nicht im Ausgabenkreise des Lehrerseminars. Die gewünschte Befähigung zum Abhalten religiöser Vorträge werde dennoch, wie zahlreiche Beispiele ans der Erfahrung beweisen, durch die Art, wie der Religions- und der deutsche Unterricht im Besonderen und der Gesammtnnterricht im Allgemeinen ertheilt werde, vollständig erreicht, ad II dagegen wird das Bedürfnis nach einer Fortbildung anerkannt, es könne aber nicht innerhalb der Seminarorganisation befriedigt werden, da die Zöglinge durch Bestehen der Entlassungs- Prüfung vor der Königl. Prüfungskommission ein abschließendes Zeugnis über ihre Befähigung als Volksschul-, Religionslehrer und Cantoren erhalten und aufhören, Zöglinge des Seminars zu fein. Es soll daher innerhalb des Semiuarcnrses die bisherige cantorale Ausbildung erweitert werden. Jüdische Synagogenmelodien. Sehr geehrter Herr Redacteur! Den lieblichen Blüthenstrauß von Cömplimeuten, den mir Herr Prof. Breslauer in seiner Zuschrift an Sie vom 28. Januar zu widmen die Güte hatte, kann ich wirklich in seinem ganzen Umfange weder beanspruchen noch annehmen. Zog ich doch nur aus der mitunter recht seltsamen Beweisführung des Herrn Professors die äußersten Couseqnenzeu, welche ja in der Sache mit seinen Schlussfolgerungen sich decken. Ich war in der That von der Ueberzeugungskraft seiner aus Seite 49 geführten Argumentation derart überwältigt, dass ich mich bewogen fand, diese meinen staunenden Zuhörern gewissermaßen in bengalischer Beleuchtung vorzntragen. Dieselbe Wirkung hätte ich allerdings auch erzielen können mit dem Vortrage der auf Seite 48 u. 64 befindlichen Auseinandersetzungen. Allein ich musste befürchten, dass meine Hörer von der Wucht mehrerer solcher Beweisführungen zum mindesten niedergeschmettert würden, das wäre aber jammerschade gewesen; denn ich hatte doch nicht nur für Amüsement zu sorgen, es oblag mir ja auch die selbstverständliche Pflicht, ernst zu nehmende Partien vorliegender Broschüre ernst zu behandeln. Den Lesern Ihres geschätzten Blattes ist es zur Genüge bekannt, dass ich nachwies, wie Herr Prof. Breslauer, ausgehend von falschen Voraussetzungen zu falschen Schlussfolgerungen gelangen musste, wie er das, was auf Einzelheiten zutrifft, ohne einen Schein logischer oder wissenschaftlicher Berechtigung zu verallgemeinern gesucht hat. Gegen eine solche Beweisführung, die geeignet ist, diejenigen irrezuführen, welche uur eine mangelhafte oder oberflächliche Kenntnis besitzen von dem Wesen und Inhalt unserer synagogalen Gesangslitnrgie, musste Stellung genommen werden. Den Glauben des Herrn Professors, dass ich seine Schrift gänzlich missverstanden habe, will ich gar nicht erschüttern, nur hinzufügen möchte ich, dass die Schuld au der Möglichkeit solcher missverständlicher Auffassung nicht auf meine r Seite liegt. An wen mag wohl Herr Prof. Steiuthal gedacht, welchen bedanernswerthen Autor mag wohl auch er so gänzlich missverstanden haben, als er kurz nach Erscheinen der Breslaperschen Broschüre folgende Zeilen niederschrieb: (Allg. Ztg. d. Jdth. Nr. 51). „Wer von uns die Siebzig erreicht und überschritten hat und, versteht sich, den feierlichen Gottesdienst als Knabe in einer altfrommen Gemeinde durchlebt hat, dem strömen überwältigende Erinnerungen an jene Tage des beginnenden Herbstes und allerlei Betrachtungen zu. Da tönt schon vier Wochen vor dem Neujahr mit dem Beginn des vorangehenden Monats täglich der mahnende Nollotar-Ton ins Ohr. Aber ganz eigentlich beginnt die Zeit der Erweckung mit dem Abend des Sabbath vor dem Roschhaschana. Da wird der einleitende Vers, der sonst in wochentäglicher Stimmung gesprochen wird, w?h.u rachum, in feierlicher Melodie gesungen — ja in einer Melodie, die man nur in der Synagoge hört; ja, was man auch unverständlich sagen mag, in einer Melodie, die nur ein I u d e erfunden haben kann und k e i u S l a v o n i e r u n d Z i g e u n e r. 8 Sind denn diese Festmelodien nicht aus einem Guss? | Tragen sie nicht für jeden Tag und Theil des Tages und I jeden Abend, kurz für jeden Gottesdienst, ihr Leitmotiv in « sich? Und das soll aus allerlei Bä nkelsän ge reiß zusammeng era fft sein?" I Ueber den Trop?) Bon Hermann Zivr, Canlor der Syoagogen-Gemeinde Elberfeld. Ebensowenig wie die Musik ist die Notenschrift die Erfindung eines einzelnen Mannes oder eines Volkes, sie ist vielmehr wie die Kunst selbst, wie Sprache und Gesittung ein Product organischer Entwicklung. Man darf deshalb nicht glauben, die alte Notenschrift sei eine im modernen Sinne vollständige gewesen, ausgerüstet mit allen Arten von Zeichen, um die Töne nach Höhe, Dauer und Dynamik zu fixieren und so die Intervalle, den Rhythmus und vielleicht gar den Takt einer Melodie anzugeben. Diejenigen Völker, welche sich am einzelnen Tone und seiner Naturgewalt ergötzten, unterließen es überhaupt, ihn in besonderen Zeichen auch dem Auge zugänglich zn machen. Ganz getreu dieser Anschauung waren es die Griechen, welche zwar mit ihren Buchstaben den Ton zum Gegenstände verständiger Speculation machten und so ein ganzes Tonsystem entwickelten, die aber trotzdem noch lange kein Bild von dem Gange ihrer Melodien zu geben vermochten. In Bezug auf die Musik des jüdischen Alterthnms muß das um so mehr zutreffend sein, weil von dieser Seite her keine Silbe davon spricht, dass auch nur ein Minimum jener Kunstgattung in specnlativer Weise zur Erörterung gelangt wäre. Und was speciell den sogenannten Trop betrifft, so dürfte es in Anbetracht vorerwähnter Thatsache bald einleuchtend erscheinen, dass wir in den Häkchen, Ringchen u. s. w. der hebräischen Schriftpunktation nicht die Notenschrift der altjüdischen Musik zn erblicken haben, denn um melismatische Figuren darzustellen — und um solche kann es sich bei der gebräuchlichen musikalischen Ausführung des Trop nur handeln — sind es die Intervalle der vollständigen Tonleiter, die in Vordergrund der Operation treten. Es ist wohl unzweifelhaft, dass kein Volk der Erde zuerst die Intervalle der Tonleiter unterscheiden lernte, sondern erstund sehr allmählig die des Accordes. Dem ungeschnlten Ohre wird es leichter, die weiteren Jnter- *) tropus (rQOrtog) — Gesangstvcise.