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Die Wahrheit · 1899-02-18 · Heft 7 (18.2.1899) · page 15

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 7 (18.2.1899)
Date
1899-02-18
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 7. Die Wahrheit. Seite 15. valle der Quint und der Terz zu unterscheiden, als die engeren der Secunde; auf diesem Standpunkt müssen wir uns zunächst alle Völker des Alterthnms denken. Bei der eigeuthümlich engen Beziehung, in welche Grundton und Quint von Natur aus gebracht sind, ist anzunehmen, dass diese beiden Intervalle die ersten waren, welche aus der unendlichen Reihe der möglichen und bisher noch ungeschiedeneu Töne sich absetzteu. Das Nächste war, dies Intervall zu theilen und mau kam auf die Terz, und zwar auf diejenige, welche auch ungeschulteu Sängern nächst der Quint bequem ist, auf die große Terz. Dies Intervall ließ sich wieder theilen, und so kam mau ans das Intervall der großen Sekunde. Die andere Hälfte der getheilten Quint, die kleine, obere Terz ließ sich nicht so bequem theilen und manche Völker des Alterthnms scheinen diese Theilung überhaupt nicht oder doch erst sehr spät versucht zu haben, weshalb sie nur zu dem Resultate unvollständiger Tonleitern gelangten. Reich, fest geschlossen und' streng gegliedert war das griechische Tonsystem. Auch bei den Chinesen, bei den Indern und Arabern finden wir schon frühe musikalische Organisationen. Die Juden des Alterthnms dagegen und die Aegypter sind bis zu einem vollständigen System, in welchem sie die Töne zusammengefasst hätten, nicht gelaugt; sie hatten keine Tonleitern und konnten demgemäß die Intervalle derselben weder kennen noch darstellen. Von diesem rein technischen Standpunkt aus betrachtet, sind es falsche Hypothesen, welche dem Trop musikalische Phrasen unterlegt wissen wollen, denn derselbe Trop, der beispielsweise die Psalmen interpretieren soll, steht auch in historischen Büchern, ja selbst bei lieber schriften, die doch sicher nicht gesungen wurden. Es bleibt daher nichts Anderes übrig, als von der vollständig unbegründeten Behauptung, den Trop für eine Notenschrift der altjüdischen Musik zu halten, zu abstrahieren, und ihn in die Kategorie der Sprächaccente zu verweisen, für die ihn die Massorethen als Empfindungs-, Declamatious- und Interpunktions-Zeichen bestimmt haben. In solchem Sinne ist es nicht zu beanständen, dass der Trop auch in historischen Büchern und bei Ueberschriften steht, und seine gesangliche Ausführung an Sabbathen, Festtagen n. s. w. bei der Thoravorlesnng und Haphtara ist daher nur ein Zugeständnis, das mau erst Jahrhunderte nach den Massorethen ihm gemacht hat. _ Versöhnung. von Bernhard Loewenthal. (3. Fortsetzung.) „Geht ihr schon in Schul'? s' ist noch zu früh." „Nein", sagte Mosche. „Ich komme zu Euch. Habt ihr gehört von Beers Sohn?" Reb Jossef's Stirn zog sich in Falten, „Ihr müsst nicht Nachreden, was die Leute sagen, es ist awade gelogen." Mosche Chossid aber mochte glauben, dass Grandel falsch unterrichtet sei und, um ihm die Wahrheit zu berichten, vielleicht auch damit Lea, die noch immer im Zimmer beschäftigt war, es erfahren sollte, begann er Baruch's Neuigkeit noch einmal auszukramen. Reb Josscf vertiefte sich in ein großes Siddur, um dem Schwätzer seine Unaufmerksamkeit zu zeigen, Lea aber, die von allem, was Mosche Chossid hier erzählte, noch nicht das Geringste wusste, war auffallend bleich geworden. Sie sah nicht, wie Mosche sich erhob und hinausgieng, sie hörte nicht, wie der Vater sagte, dass sie aufgeben sollte, sie fühlte nichts. Mit einem Mal war es so ruhig, so still in ihrer Brust geworden, und mit wankenden Knieen stützte sie sich au die Stuhllehne. Plötzlich raffte fie sich zusammen, der Vater brauchte nichts zu merken, was sollte fie ihm den Jom Kippur noch schwerer machen? Sie ging nach der Küche, um das Abendmahl zn bringen, aber da wurde ihr wieder so weh ums Herz, ein Thränenstrom stürzte ans ihren Augen, und schwer sank sie aus die Küchenbank nieder. Sie konnte es nicht glauben, was Mosche erzählt hatte, es konnte ja auch nicht wahr sein. Gott, sollte er vergessen haben, seinen Glauben verlassen? Nein, nein cs ist nicht möglich, er müsste ja gelogen und das Versprechen, das er gegeben, gebrochen haben. An jenem unseligen Abend, als er die Heimat verließ, hatte sie spät noch einen Gang zu machen. Ein leichtes Tuch über ^die runden Schultern geworfen, eilte sie leichtfüßig, fast tänzelnd über die nur spärlich erleuchtete Gasse. Ein leichter Wind hatte sich erhoben, und während sie über den Marktplatz schritt, bemerkte sie nicht, dass ihr das Tüchelchen säst von den Schultern geweht worderr wäre, wenn eine fremde Hand es nicht festgchalten hätte. Erschrocken drehte sie sich um, Josua stand vor ihr. „Ich bin's Lea," und trotz der schlechten Beleuchtung sah sie, dass er ausfallend bleich war. Sie wusste, dass eine Spannung zwischen Josua und dem Vater bestand, und eine böse Ahnung bemächtigte sich plötzlich des Mädchens. Sie konnte nur die Worte hervorbriugen: „Josua, wie siehst Du ans, mein Gott, was ist denn vorgefallcn?" Er reichte ihr die Hand. „Nichts, gar nichts von Bedeutung, ich wollte nur von Dir Abschied nehmen, eben war ich auch bei Deinem Vater, ich werde fortgehcn von hier." Trotz aller Beherrschung zitterte doch Erregung und schmerz durch seine Worte. Lea prallte zurück, seine Hand noch immer in der ihrigen, sah sie ihn fast bittend an. „Geh' Josua", redete sie ihm zn „mach' keine Geschichten, was heißt das, Du wirst sortreisen, mit einem Mal willst Dn fort, so plötzlich, sag' mir Josua, was ist passiert?" „Nichts, gar nichts" wiederholte er, dann leise, wie zu sich selbst sprechend, fuhr er fort: „Dn weißt doch Lea, dass es einmal hatte kommen müssen, Du kennst mich genau. Du kennst auch meinen Vater, er ist nicht zu bewegen, mich Musik stndieren zu lassen, und ich — nun ich -- muß hinaus, die kleine Stadt, die engen Verhältniße erdrücken mich, sie pressen mir das Herz zusammen; hier bleiben, hieße mich moralisch tobten, und das, nun siehst Dn Lea, das geht nicht, das kann ich nicht. Mein Kopf ist voll mit Plänen und Idealen, ich muß ihnen nachjagen und ich will es, ich werde Großes erreichen, ich will Sänger werden, ich muß es. Heruntersingen von der Seele will ich es dann, ans dem Herzen heraus, Glück und Wonne, Freud' und Wehe, und dann — dann Lea, wenn ich es erreicht habe, dann werde ich zufrieden sein mit mir, und versöhnt mit allem, was in mir lebt. — Jetzt aber bin ich zerrissen, in mir selbst zerstückelt, ja siehst Du, ich muß Hinalls, ich muß fort, ich will frei werden!" Lea hatte den Kopf gesenkt — „Und Dein Glauben, Deine Jüdischkeit?" Er hob die Augen zum Himmel. „Meinen Glauben, meinen Gott Lea, den werde ich in mir tragen, überall, wohin ich gehe, wohin ich auch kommen mag, mein Gott und mein Glauben sollen meine Begleiter sein, stets und immer. Die erhabensten Töne will ich ihnen entgegenjnbcln. die schönste Lieder ihnen weihen, glaube es mir, ich werde wissen, dass ich Jude bin. und werde es bleiben. Wenn ich auch nicht scheinheilig bin und wie so viele andere meine Frömmigkeit öffentlich zilr Schau trage, wenn ich auch nicht mich rüttle und schüttle beim Beten, wie Dn es von so Vielen gesehen und wie Du es vielleicht für einzig richtig hältst, so bin ich doch ein echter, rechter Jude und habe von meinem Judenthum vielleicht einen um so höheren und besseren Begriff, je weniger ich es zeige." (Forts. folgt.)

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