Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 7 (18.2.1899)
- Date
- 1899-02-18
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 12. Die Wahrheit Nr. 7. staube wurde nach gemüthsvoller Ansprache des Obmannes Herrn Jsak Rosner das Absolutorium erthcilt, ebenso Herr Rabbiner Fürst einstimmig zum Ehrenmitgliede ernannt. Neu gewählt wurden die Herren Jsak Rosner, Wilh. Morgenstern, Prof. I. Hosfmann. Frommer, Beckmann, Hermann, Ad. Friedmann, Ludw. Warkany, Jacob Adler, Jacob Löw Beer, Th. Pappenheim und Langer. Herrn Frommer gebührt besonderer D^nk für die gütige Ueberlassung des Locals. Wien. (Oesterr.-israel. Union.) Donnerstag, den 23. d. M. Abends y28 Uhr findet im Saale des Hotel Central II., Taborstraße 8,1. Stock eine Bereinsversammlung statt. Tages- Ordnung: 1. Mittheilungen des Vorstandes. 2. Vortrag des Herrn Redactenrs Siegfried Fleischer: „Die letzte Vertreibung der Juden aus Wien 1670". 3. Vortrag jüdischer Dichtungen durch Herrn Raphael F a e l b e r g. 4. Anträge und Interpellationen. Budapest. Der Bikur - Cholim Krankenbesuchs- und Unierstützungsverein hielt dieser Tage unter Vorsitz des Dr. Jakob Schächter seine ordentliche Generalversammlung, in welcher der Jahresbericht und die Jahresbilanz zur Verlesung gelangten. Der Verein hat im abgelaufcnen Jahre 6620 Mittagmähler an isr. Spitalskranke verabreicht. Sowohl der Bericht als auch die Bilanz wurden zur Kenntnis genommen. Vermischte Nachrichten. Vrrsonaluachrichk. Fräulein Jda Elias, Tochter des Großhändlers Herrn Heinrich M. Elias in Wien, hat sich mit Herrn Friedrich Perutz, Mit-Chef der Firma Brüder Perutz in Prag, verlobt. Seminiscenx an Salomvn Sulzer. Sonntag, der 19. d. M. ist ein bemerkenswerther Tag in den Annalen der Wiener Judenschaft, denn an diesem Datum werden es 25 Jahre, seitdem dem Altmeister des Synagogen-Gesanges, Obeccantor Professor Salomon Sulzer s. A., das taxfreie Bürgerrecht der k. k. Reichshaupt- und Residenzstadt Wien zuerkännt wurde. Das Diplom, welches in einem schwarzen Lederetni ruht, trägt die Unterschriften: Bürgermeister Dr. Cajetan Felder, Dr. Wilhelm von Mauthner, Gemeinderath und Schriftführer, Leopold Paffrath, Gemeinderath und Obmann der II. Sektion, fürwahr Namen, die unserer Stadt-zur Ehre gereichten. Das Dokument, das namentlich in unseren Tagen besonderes Jntereffe beansprucht, ferner mehrere auf Sulzer bezughabende Reliquien, wie die letzte Ornatskappc, das Gebetbuch, ans welchem der Altmeister die Gläubigen zu fesseln wusste und das er bis zu seiner letzten Funktion am 2. April 1887 benützte, der Schreibtisch, an dem der „Schir- Zion^ geschaffen wurde rc., sind im Jüdischen Museum, I, Rathhausstrasse 13, exponirt, das jeden Samstag von 11—1 Uhr Mittags geöffnet ist. Wien. Am 13. d. M., ist Frau Elisabeth Benedikt gcb. Mauthner, die Schwiegermutter von Carl Emil Franzos, in ihrem 72. Lebensjahre nach langem Siechthum sanft entschlafen. Tie Dahingeschiedcne ist eure geborene Pragerin, ihr Lehrer war Moritz Hartmann, der ihr in einer seiner schönsten Novellen ein Denkmal gesetzt hat. Er blieb ihr sein Leben lang in verehrnngsvoller Freundschaft ergeben, ebenso Carl Beck, Leopold Kompert, Ludwig August Frankl und viele andere Dichter. Ihr einziger überlebender Bruder ist der österreichische Reichsraths-Abgeordnete. Max Mauthner, von ihren Söhnen sind der vor drei Jahren verstorbene Wiener Professor der Chemie, Prof. Dr. Rudolph Benedikt, und der niederösterreichische Landtags-Abgeordnete Advocat Dr. Edmund Benedikt auch in weiteren Kreisen bekannt geworden. Wien. Sonntag, den 12. d. wurde der in weiteren Kreisen als reeller Geschäftsmann bekannte und angesehene frühere Vorsteher des poln. Bethauses, Herr Abr. David Hift, im Alter von 71 Jahren zur Erde bestattet. Der Verblichene hiuterlässt sieben Söhne und zwei Töchter; er war sieben Jahre leidend und ertrug diese Heimsuchung Gottes in frommer Fassung und Geduld. Im Trauerhause versammelten sich viele Leidtragende und Rabbinats-Assessor Josef Baumgarten widmete dem Dahiugcschiedencu einen ehrenden Nachruf. Wien. Der bisherige Chordirigent am Tempel nach polnisch-jüd. Ritus in der Lcopoldsgasse, Herr Jacob Weiß, ist einstimmig zum 1. Cantor an der Fugbachsynagoge gewählt worden. Derselbe hat am 15. Februar seine Stellung angetreten. Iglau. Als Nachfolger des nach langjähriger, verdienstvoller Wirksamkeit nunmehr pensionirten Obercantors Simon Löw wurde in der letzten Dienstag stattgehabten Plenarsitzung des Vorstandes Herr Obercantor David Weiß aus Floridsdorf gewählt. Kopreinitz. Am 6. d. M. starb in Lndbreg Herr Bezirksrabbiner Benjamin Wolf. Die Theilnahme an dem Trauerfall gab sich in allen Kreisen der Bevölkerung ohne Unterschied der Confession in lebhafter Weise kund. Der Trauerfeier im Tempel wohnten die Vorstände aller Aemter, die Feuerwehr und ein zahlreiches Publikum bei. Herr Bezirksrabbiner Dr. Ernst aus Warasdin, hielt die Trauerrede. Hierauf wurde der Sarg auf den Leichenwagen gehoben und unter imposanter Begleitung nach dem Kopreinitzer Friedhof überführt Dort hielt Herr Bezirksrabbiner Hessel einen tiefempfundenen, ergreifenden Nachruf. Gebet und Segen in kroatischer Sprache schlossen die Trauerfeier, worauf die sterbliche Hülle des verewigten, allgemein beliebten Rabbiners in die Gruft gesenkt wurde, in welcher bereits seine ihm im Tode vorangegangene Gattin ruht. Mögen die trauernden Söhne Genngthuung und Erhebung finden in dem Bewusstsein, dass ihr theuerer Vater allgemeine Anerkennung und Würdigung gefunden, und mögen sic sein Andenken dadurch ehren und heilig halten, dass sie seinen Glauben zum Leitstern ihres eigenen Lebens machen. Der Nihilist. Ein Zeitroman ans dem russisch-jüdischen Leben Von Moritz Scherbel. (Nachdruck verboten.) (5. Fortsetzung.) HI. Deborah. Eine alte, aber überaus rüstige Frau, der Kleidung nach dem jüdischen Mittelstände angehörig, zieht die Klingel an dem stattlichen Wohnhause des Kaufmannes Gebhard Wandelowicz in Mitau. „Nun sind Sie da, Deborah!", ruft ihr das Dienstmädchen beim Oesfnen des Hausthores entgegen. „Wie geht's mit der Madame, Mitka?" fragte die also Begrüßte unL.'!ohne eine Antwort abzuwarten, stieg sie rasch die Treppe empor, eilte durch eine Flucht elegant eingerichteter Zimmer, für deren Pracht sie kein Auge hatte, zum Schlafzimmer des Ehepaares Wandelowicz, in das sie unangemeldet eintrat. Ein Mann von ungefähr 50 Jahren erhob sich bei ihrem Eintritte vom Rande des prachtvollen Himmelbettes, in welchem eine etwas jüngere, tiesblasse Frau lag. Sein mürrischer Blick verrieth, dass er für die Angekommene keine besondere Verehrung hege. Deborah schien für den Hausherrn von gleichen Gefühlen beseelt; ohne ihn eines Grußes, ja nicht einmal eines Blickes zu würdigen, schritt sie auf die Kranke zu und fragte mit liebevollem Tone: „Wie geht es Dir, Estherchen?" „Schlecht, ach sehr schlecht, Muhme Dore, mir ist wehe, o sehr wehe!" „Wehe? — pah, die jetzige Welt kann gar nichts vertragen: ein Stich in den Finger, ein Druck auf die Zehe ist ihr schon unausstehlich. Ich sage Dir, Estherchen, es hat nichts auf sich, eine Tasse Kamillen, einige Baldriantropfen — und es wird besser." „Der Doctor hat mir dort die Flasche mit Medicin verschrieben." „Hat er dies? Nun dazu ist er ja da, aber ob es helfen wird, ist eine andere Frage. Weißt Du denn jetzt, da er fort ist, was Dir fehlt? Nein, Du weißt es nicht. Wie recht hatte doch mein Großvater, als er sagte: der Arzt ist schlimmer als ein Dieb, denn wenn der Dieb fort ist, weiß man wenigstens, was einem fehlt, aber nicht also, wenn der Arzt fort ist." „Fauler Witz," warf der Herr des Hauses hin — „damit hätte Euer Großvater bleiben können unter dem Kisseh hakowed." „Und ich, wo wäre ich geblieben?" erwiderte jene, auf die Anspielung eingehend. (Fortsetzung folgt.)