Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 7 (18.2.1899)
- Date
- 1899-02-18
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10. Die Wahrheit. Nr. 7. u HL Ei ' Zr> . . -L-r dl«,? PV: T Mi?? sK SrD dl'.I B jü! vc?k di. Z R k <5:! r'? fc. i ui. g« * 3! ■ P B % m I ge, | m < di; 1 er \ I 1 J * ii, j uv 1 k1 fi-;: j fflT i i ’? reiner Zufall. . . Nein, aber, fiel er sich selbst in die Rede, es gibt nichts Zufälliges. Das ist Atavismus, mon eher. Etwas wie ein Instinkt sagt mir, dass ich Kol-Nidre spielen solle, gerade heute, gerade setzt, als Sie ans der Synagoge gekommen sind. Seltsam, wirklich seltsam, ich wusste nicht, dass heute Jom-Kipür ist, und plötzlich kam mir in den Sinn, Kol-Nidre zu spielen; etwas wie Jugend-Erinnerungen tauchte in mir auf, inspiriite mich plötzlich. Es gibt nichts Zufälliges, glauben Sie mir! In demselben Augenblicke näherten sich Sophie Meuter und Davidoss dem Clavier, an welchem «noch Rnbinstein saß und Accorde hervorzulocken sortsetzte. Was spielten Sie soeben, Maestro! fragte Frau Meuter. Es ist etwas Anßergewöhliches, das ich zum erstenmale hörte. Wessen Composition ist es? — Liebe Sonitschka, antwortete Rnbinstein lächelnd, es würde zu lange dauern, wollte ich Dir die Bedeutung dieses Stuckes anseinandersetzen, das schon tausend und vielleicht noch mehr Jahre alt ist und dessen Autor so bescheiden war, kein Genosse der. heutigen Componisten, dass er seinen Namen verheimlichte. Das verstehst Du nicht mein Kind. Und weißt Du Sonitschka, warum? Weil Du eine „Gose" bist, und als solcher ist Dir Vieles unzugänglich, was uns Drei (auf sich, ans Davidoss und mich zeigend) ganz klar ist. Du bist Katholikin, ich bin neugriechisch, er (auf Davidoff hinweisend) Protestant und dieser, unser gemeinsamer Freund (auf mich deutend), ein rechtgläubiger Jude. Für ihn spielte ich diese Melodie, die Dir so gefallen hat. Allein, wie soll ich Dir erklären, was das war? Und wenn ich Dir schon'sagen werde, es sei heute Jom-Kipur. der Versöhnungstag bei den Juden, so wirst Du dann, liebe Sonitschka, erst recht nicht verstehen, sowie Du, im Grunde genommen, die Schönheit der Kol-Nidre-Melodie nicht verstehst. — Ich bedaure sehr, Anton Grigorewitsch, sagte ich, dass ich des Stenographirens nicht mächtig bin, um ihre wundervolle Kol-Nidre-Jmprovisatiou aufzeichneu zu können. Ich bin sicher, sie würde kolossales Furore machen, besonders die Inden würden sich dafür begeistert haben. Dachten Sie jemals daran, etwas Jüdisch-Nationales zu compouireu? In meinen musikalischen Werken «Puden Sie sehr viele jüdische Gesänge und Motive, die ich in meiner Kindheit hörte und die dann nach dreißig Jahren in meinem Gedächtnis wieder auslebten, sagte Rnbinstein nachdenklich. Ich selbst wundere mich oft, woher kommen diese traditionellen Gesänge und Melodien, die mich verfolgen und nie in Ruhe lassen? Es summt mir immer im Hirn und hört nicht aus, bis ich das Zeug auf dem Papierfertig habe. Es sollte doch scheinen, dass zwischen mir und dem Judenthum nichts Gemeinsames mehr vorhanden wäre, da ich noch in frühester Kindheit das Geburtsdoif verlassen habe, -als ich mit der Mutter nach Moskau übersiedelte, wo wir mit den Inden gar keine Berührung hatten. So war es auch später, und das Judenthnm wurde mir mehr und mehr fremd. Nichtsdestoweniger konnte ich die Traditionen der Vergangenheit nicht los werden, ja das Judenthum wurde mir allmälig wieder lieb und theuer, iu dem Maße, als meine Kindheits-Erinnerungen wieder wach wurden. Mit ganz besonderer Kraft und Intensität regten sich diese Kindheits-Erinnerungen in den achtziger Jahren, als die Judenverfolgungen in Südrnßland ansbrachen. Niemals fühlte ich meine Verwandtschaft mit den Juden so lebhaft, wie in jenen Tagen, wo dieser furchtbare Sturm gegen sie losbraeh. Ich fühlte mich persönlich erniedrigt und beleidigt und mein Herz blutete beim Lesen jener traurigen Ereigniße . . . Dasselbe war auch bei meinem Bruder Nicolai der Fall, bei ihm vielleicht noch im größerem Maße als bei mir. Je älter ich wurde, desto wärnter war meine Sympathie für meine Stammesgenossen. Ich muß aber gestehen, dass auch sie sich mir gegenüber immer theilnehmend verhielten und mich als den „Ihrigen" betrachteten. Ja, setzte Anton Grigorewitsch nach einer kurzen Pause fort, das ist eine ganz merkwürdige Thatsache. Ich erinnere mich immer an die spanischen Marannen, welche während mehrerer Generationen officiell als Katholiken galten; sie kamen auch als solche zur Welt, heimlich aber predigten sie das Judenthnm, und bei der ersten besten Gelegenheit kehrten sie zur Synagoge zurück Ich persönlich träumte niemals davon, zum Judenthnm wiederznkehren, nur das Band des Blutes zwischen mir und den Juden war niemals zerrissen. Gern besuchte ich die Synagoge an Feiertagen wie Neujahr und Versöhnnngslag. Ich erinnere mich sogar, dass ein solcher Synagogenbesnch mir den Anlass zu einem musikalischen Werke gab, das später sehr populär wurde, und zwar das „Oeffnet mir die Kerkerpforte". Erzählen Sie. lieber Anton Grigorewitsch, wie sich das zutrng, baten wir alle Drei unisono. Und Rnbinstein erzählte uns folgende interessante Episode: Jedes Jahr besilchte ich meine Mutter in Odessa und da geschah es einmal, vor vielen Jahren, dass ich gerade zu den jüdischen Feiertagen „Jomim Nenrojim" (diese Worte sagte er hebräisch; überhaupt benützte er sehr oft hebräische Worte und manchmal, wenn er in guter Lärme war, wandte er sich an die Gesellschaft, die aus Juden bestand, mit den Worten: „Nun wollen wir mauscheln nach Herzenslust", denn er konnte auch im jüdischen Jargon sprechen) nach Odessa kam. Am Vorabend des Versöhnniigstages gedachte ich in die Synagoge zu gehen, um den Vorbeter das Kol-Nidre singen zu hören, von dem man sagte, dass er eine wundervolle Stimme habe und sie recht gut anszunützen verstehe. Dieses Gebet war mir immer sympathisch, seines seltsamen Inhaltes (der übrigens zu vielen Beschuldigungen gegen die Inden diente), sowie des merkwürdigen Gesanges wegen, dessen Ursprung unbekannt ist, obwohl er ohne Zweifel einer weit entfernten Periode angehört, da er nichts Gemeinsames mit den musikalischen Werken der zwei letzten Jahrhunderte hat. Das ist etwas Ursprüngliches, Originales und bei all dem sehr melodisch und musikalisch schön. Es ist über alle Zweifel erhaben, dass der Autor dieser Melodie — sei er, wer er auch sein mag — von ungewöhnlichen musikalischen Fähigkeiten war und großes componistisches Talent besaß. Und da wollte ich also Abends iu die Synagoge gehen, um Kol-Nidre anznhören, aber zu meinem größten Bedauern konnte ich dieses Vorhaben nicht ausführen, da viele unaufschiebbare DiiMmich verhinderten. Am nächstfolgenden Abend gegen 6 Uhr begaben wir uns, ich mit einem Verwandten, nach der Synagoge, wo wir gerade zum Schlnssgebet (Tefilat Neila) ankamen. Als wir den Tempel betraten, war er übervoll von Betenden, auf deren Gesichtern, zugleich mit religiöser Exaltation, auch physische Uebermüdung und zweifellose Spuren quälenden Hungers zu sehen waren. Es brannten unzählige wächserne und Stearinlichter, die zur Erhöhung der mich sonst in der Synagoge herrschenden afrikanischen Temperatur beitrugen. Das Innere des Tempels war von eindrucksvollem Aussehen. Alle Betenden waren in weiße Leichengewänder gehüllt, über denen noch das besondere Gebetkleid („Talis") lag. Bei mehreren war dieses Gebetkleid mit Gold oder Silber gestickt. Iu der Synagoge herrschte ein unbeschreiblicher Lärm und Tumult. In dem Maße, als der Tag seinem Ende nahte, wuchs auch die religiöse Ekstase, in welcher, sozusagen, all das Flehen um Verzeihung der Sünden, um das Kommen eines besseren, glücklicheren Jahres, sowie einer rosigeren und erfreulicheren Zukunft sich resumirte. Viele weinten laut, schlugen sich an die Brust und wehklagten um Verzeihung. Laute, herzzereißeude Klagen waren von der Galerie hörbar, wo die Frauen ihren Sitz haben, und diesen Klagen antwortete das Stöhnen der Männer, über deren bärtige Gesichter Thränenströme raunen. Für das an Aehnliches nicht gewöhnte Auge war es ein außergewöhnlicher, schwerer, erdrückender Anblick. Und auf mich, obwohl ich schon mehr als einmal dem Gottesdienste beigewohnt habe, machten diese Thronen, dieses Flehen, Beten, Stöhnen, und Klagen einen tiefen, erschütternden Eindruck. Nun aber geht das Schlnssgebet zu Ende. Die Thräueu trocknen, das Weinen hört ans, und eine fröhliche Stimmung stellt sich ein, als der Vorbeter laut das Gebet vorsingt, in welchem er den Allerhöchsten anfleht, die Stimme der Gläubigen zu vernehmen, ihnen jetzt, da der Tag zur Neige geht, zu verzeihen. Und Plötzlich,