Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 7 (18.2.1899)
- Date
- 1899-02-18
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 7. Die Wahrheit. Seit'' 9. doch nicht aufhörten, sich als Juden zu fühlen und in ihrem Innern das unauflösliche, unablösbare Band anzuerkennen, das sie mit dem Hause Israels verbindet. Mau kann die Religion wechseln, man kann sogar die Ueberzeugungen ändern, unmöglich ist es aber die Nationalität abzustreifen, die Beschaffenheit der Lymphkörperchen umzugestalten, das Band der viertausendjährigen Tradition zu zerreißen. Anton Rubinstein bekannte sich immer als Jude und verheimlichte niemals seine Gefühle, die in jenem allbekannten Ausspruche beißender Ironie ihren Ausdruck fanden: „Die Deutschen sehen in mir einen Russen, die Russen — einen Deutschen; die Juden betrachten mich als einen Christen, die Christen als Juden." Nur der letzte dieser Sätze entspricht der Wahrheit; der vorletzte ist nicht ganz richtig; die Juden hörten niemals auf, Anton Nubinftein als den Ihrigen zu betrachten, sie waren immer stolz auf ihn, und er wusste es und fühlte eine aufrichtige Anhänglichkeit an seine gewesenen Glaubensgenossen, deren Leiden gegenüber er sich nicht nur mitempfindend verhielt, sondern er war auch nach Kräften bemüht, sie einem günstigeren Geschicke entgegenzuführen. Was Davidosf betrifft, so war dieser bebeutcubc Künstler dem Judenthume mehr fremd, als Rubinsteiu. Jener kurländische Jude enstammte einem Milieu, das immer dem Judenthume gegenüber indifferent - war, von welch letzterem daher auch Karl Juljewitsch (Davidosf) nur einen oberflächlichen Begriff hatte. Er wich sorgfältig jeder Mahnung an seine jüdische Abstammung aus und nur in intimen Kreise, besonders in den Gesprächen mit Rubinstein und mir, erwähnte er seine im „Ghetto" verlebten Kinderjahre, ja er paradirte sogar damit, indem er angebliche Verfolgungen in übertriebenem Maße darstellte, als ob er dieselben wirklich auszustehen gehabt hätte. Ja in Mitau, die Geburtsstadt Davidoff's, exiftirte überhaupt niemals ein jüdisches Viertel, das Erbstück des Mittelalters. Niemals gab es dort ernstliche Verfolgungen gegen die Sohne Israels, und die Judenfrage nahm dort niemals einen so akuten Charakter an, wie in den anderen Theilen Rußlands und des übrigen Europa. Kurland kannte nie Kinder des Ghetto, desto besser war Rubinstein mit ihnen bekannt, er war oör Nachkomme Berdyczewer Juden, die unsäglich viel von der Herzlosigkeit der Polnischen Adeligen zu leiden hatten. Darin bestand der Unterschied zwischen diesen beiden hervorragenden Semiten. Davidosf wuchs in einer reichen jüdischen Familie in Kurland auf, wo zwischen den Juden und der christlichen Bevölkerung seit undenkbareu Zeiten erträgliche Verhältnßie obwalten, und die Juden überhaupt auch aus einem höheren Kulturniveau standen als ihre unterdrückten, von den Polen und Lithauern verfolgten Stammesgenossen. Dadurch ist die Lebensfreude Davidoff's und die pessimistische, schwermüthige Stimmung Rubinsteiu's zu erklären, der in einer armen Umgebung ausgewachsen war und an allen Ecken und Enden Zeuge der Beleidigungen und Erniedrigungen seiner Brüder sein musste; der in Entbehrung und Noth auferzogen war und von seiner frühesten Kindheit an das schaudererregende Schauspiel des schweren Kampfes ums Dasein unter nahezu unmöglichen gesellschaftlichen und geistigen Bedingungen mit eigenen Augen ansah. Diese Kindheitserinnerungen, in denen die von Anton Grigorewitsch vergötterte Mutter die Rolle einer wirklichen Heldin spielte, eine echte „Escheth Chajil", von welcher in den Hymnen gesungen wird, und die Rußland zwei große Söhne wie Nicolai und Anton schenkte, drückten einen unauslöschbaren Stempel auf Rnbinstein, und sogar auf dem Gipfel seines Ruhmes, inmitten von Reichthum und Ehrenbezeugungen, mit welchen Fortuna ihn reichlich beschenkte, als wenn sie ihn belohnen wollte für all jene Entbehrungen und Leiden seiner Kindheit, verließ ihn nie die Melancholie, die traditionelle, tausendjährige Schwermuth, die den Juden eigenthümlich ist, wie sie denn auch aus seinen unsterblichen Werken zum Vorschein kommt. Soeben beendete Sophie Menter auf dem Klavier glänzend und mit wunderbarer Kunst eine der schwierigsten Lißt'schen Rhapsodien, und wir applaudirten lebhaft der sympathischen Künstlerin, als sich Rubinsteiu an das Klavier setzte und zu phantasiren begann. Anfangs war ganz schwer zu verstehen, was er eigentlich spielte. Das waren unbestimmte Akkorde, aus welchen sich hie und da eine Melodie herauszuarbeiten begann, um aber gleich wieder von einem reißenden Strom wirrer Klänge übertönr zu werden. Allmälig aber ging Rubinslein zu einem eigenthümlichcn, melancholischen Adante über, und zu meinem größten Erstaunen und zu nicht minder großer Freude ertönten die ersten erhabenen, von einer unendlichen Melancholie und rührendem Flehen erfüllten Noten des Kol-Nidre. Er spielte die ganze Melodie in ihrer wundervollen Einfachheit und unübertrefflichen Schönheit, dann begann er auf dieses Thema (der Name seines Autors ist in der Vergangenheit verschollen und nie zu uns herübcrgcrcttct worden) zu phantasiren, aus dessen Canevas er gleichsam Muster von wundervoller Schönheit stickte. Das war eine Kaskade voll erstaunlicher Klänge, ähnlich einer Symphonie, ausgeführt durch den großen Künstler mit all dem Glanze seines unnachahmlichen Spieles, in welches er trotzdem eine wirklich rührende Zartheit hiueinlcgte. Und das Lallen der Kinder und das Stöhnen der Männer und das Weinen der Frauen und das begeisterte Gebet und das Leiden und die Verzweiflung und die Freude und die Hoffnung; alles dies, die ganze Geschichte des unglücklichen Stammes Israels, lag in diesen Klängen, deren Verbindung als ein wahrhaft erhabenes Werk des musikalischen Genies erschien. Niemals in meinem Leben hörte ich eine ähnliche Improvisation, denn aus Allem war zu ersehen, dass es eine Improvisation war, eine Improvisation des Momentes. Das Instrument wehklagte oft unter der kunstfertigen Hand des Virtuosen, bald drückte es grenzenlose Verzweiflung, bald wieder ein maßloses Jauchzen und Jubeln aus. Und in dieser wunderbaren Symphonie tauchte die originelle Melodie des Kol-Nidre niemals völlig unter; sie wiederholte sich in unendlichen melodischen Aenderungen, bald im Bass, bald im Diskant, bald im stürmischen, chaotisch erscheinenden Strome der Klänge, bald in der, durch ihre naive Einfachheit, feierlichen und ruhigen Melodie, die an die Chopin'sche Nocturne und au den ersten Theil der berühmten Beethoven'scheu Sonate quasi una fantasia erinnerte. Und der prachtvolle Salon im „Hotel Bellevue" verwandelte sich plötzlich in eine große Synagoge, in einen Tempel voll Betender, und in meine Ohren drangen die jubelnden Klänge des in das weiße Leichengewand gehüllten Vorbeters: „Wajomar adonoj, solachti kidworecho% und tausende von Stimmen wiederholen diese fröhlichen, alle Hoffnungen belebenden Worte. Und brennen sah ich tausend Lichter, deren Flammen, wie cs schien, soeben in grenzenloser Melancholie, zu verlöschen drohten, da aber nun plötzlich wieder frohlockend aufstrahltcn und mit ihrem unerwarteten, neuerwachenden Glanze die verweinten Gesichter der Betenden erhellten, wie ein durch das graue Gewölle feierlich hervorbrechender, goldener Sonnenstrahl eine wehmuthsvoll-düstere Landschaft bescheint. Die Illusion war eine vollständige, obwohl sie nur einen Augenblick währte. Ich bin nun wieder im Salon der Sophie Menter und der Zauberer am Klavier fährt fort, den Salon mit wundervollen Kol-Nidre- Bariationen zu erfüllen, und auf dem wie aus Marmor gehauenen Gesichte Rubinstein's erscheint etwas Lichtes, Ruhiges, Fröhliches, etwas diesem außergewöhnlichen, melancholischerhabenen Gesichte ganz Fremdartiges. Wir Zuhörer waren tief erschüttert. In den Augen Davidofss glänzten Thränen, Sophie Menter war in Aufregung, ich aber näherte mich Rubinstein. — Wissen Sie, Anton Grigorewitsch, fragte ich, dass heute Jom-Kipur ist, dass gestern Abends Kol-Nidre gesungen wurde, dieselbe Melodie, die Sie so wundervoll reproduzirten? Ich kam hieher direkt aus der Synagoge und erwartete nicht hier zu hören, was ich zu hören das Vergnügen hatte. Rubinsteiu sah mich ganz seltsam an. Ist denn wirklich heute Jom-Kipur? sagte er mit leiser Stimme. Wahrhaftig, ich wusste es nicht, und wenn ich eine Phantasie-Jmproviiatiou auf die Melodie des Kol-Nidre-Gebetes hier vortrug, so war es