Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 7 (18.2.1899)
- Date
- 1899-02-18
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 7 . Die Wahrheit. Seite 7. der Zusage blieb die Mitwirkung des Seminardirectors und der Professoren aus. Als daun der Obmanu der zweiten Sectio» des Cultusvorstandes in das Curatorium covptirt wurde, scheint die Frage iu's Rotten gekommen zu sein. Was den Lehrplan anbelange, glaube er, dass mau nicht zu viel verlange» dürfe. Wir brauchen Lehrer und nicht Gelehrte. Einen speziellen Wunsch hätte der Redner, und zwar den, dass der Geschichte der Inden im Lehrplane ein größerer Spielraum eingeränmt werde. Vorsitzender nimmt das Curatorium gegen die vorgebrachten Bemerkungen in Schutz. Die Frage wurde vielfach und eingehend erwogen, und eine Enquete abgehalteu, welcher Vorsitzender selbst angehörte. Das Resultat dieser Enquete sei nun das vorliegende Project. Der Obmann der Finauzsection Hirsch bedauert, in die begeisterte Stimmung einen Mission bringen zu müssen. Vorher sei es nothwcndig, sich die Frage vorzulegen, wo die Gemeinde die 2000 st. hernehmen sott, die ihr heute nicht zur Disposition stehen. Er beantragt darum, die Beschlussfassung heute zu vertagen und die Angelegenheit an die Finanzsectiou zu leiten. Salo Cohn hält ebenfalls, trotz seiner Sympathien für das Project die vorausgehende Erörterung der Bedeckungssrage in der Finanzsektion für selbstverständlich. Dr. Spitzer nimmt entschiedene Stellung gegen diese Auffassung. Er hätte eher eine Erhöhung des Stipendienbetrages als einen Vertagnngsantrag erwartet. Für solche Zwecke muß die Gemeinde immer Geld haben, und wenn sie es nicht hat, dann möge sie ihr Geschäft schließen. Auch Sv. Grnnfeld findet die Vertagung unbegreiflich, da die Angelegenheit, wie die meisten Redner erklärten, den Vorstand schon viele Jahre beschäftige.. Nunmehr sei man zu einem Resultate gelangt, und da wäre es gewiss nicht am Platze, durch Ueberweisuug an die Finauzsection die Sache ad calendas graecas zu vertagen. Die Gemeinde löse mit der Unterstützung des Neligionslehrer-Curses eine alte Ehrenschuld ein, die keinen Aufschub zulässt. Zur Behebung der formellen Bedenken.sin finanzieller Beziehung stellt Dr. Kohn folgenden Antrag: „Die Plenarsitzung genehmigt den Antrag der zweiten Section und beauftragt das Vertretercolleginm, für die finanzielle Bedeckung desselben Sorge zu tragen." (Der Antrag wird angenommen.) Vicepräsident Dr. Stern referirt namens der fünften Section über das Antwortschreiben des Wiener Magistrates auf die ablehnende Haltung des Vorstandes gegen dieprojectirte Straßenfnhrnng durch den alten Währinger Friedhof. Nach einem Hinweis ans die Thatsache, dass das Schreiben des Magistrates von dem diesbezüglichen Beschlüsse des Wiener Gemeiuderathes in der Sitzung vom 13. December 1898 in seinem Schlusspassus abweicht, beantragt der Referent namens der Rechtssection, in dieser Angelegenheit vorläufig nichts zu thnn und erst zu geeigneter Zeit auf Grund der Bestimmungen des Gemeindestatutes den Standpunkt der Gemeinde mit aller Entschiedenheit zu vertreten. Hirsch befürwortet eine sofortige Eingabe an die Regierung, da man sonst über Nacht von einem Expropriationsgesetze überrascht werden könnte. v. G old sch und t wendet sich dagegen, da erstens ein neues Expropriationsgesetz in naher Zeit nicht zu erwarten sei und, selbst wenn diese Eventualität eintrete, man nicht so ohneweiters expropriiren kann. Zudem wäre es nicht zweckmäßig, heute schon gegen etwas Einsprache zu erheben, was vielleicht erst in Jahrzehnten eintreten kann. Der Antrag der fünften Section wird hierauf genehmigt und. die öffentliche Sitzung geschlossen. In darauffolgender vertraulicher Sitzung wird dem Vereine „Machsike Thora" im fünften Bezirke eine Subvention von 100 fl, bewilligt und gelangen sodann mehrere Stiftungen zur Erledigung. Das ungarische Iudenthum. Es ist noch nicht lange her, dass hierzulande das Judeuthum, in Stucke zerklüftet, gar viel zu leiden hatte an den Wunden, welche die blindwüthende Orthodoxie in erbarmungsloser Weise demselben geschlagen hat. Von allem Anfang galt es, dem Vorwärtsdringen der Bildung und Aufklärung einen Damm eutgegenzustellen, und wie dies bei der unwissenden Masse schon üblich ist, dass die Marktschreierei bei ihr leicht Eingang findet und dass sie ein willfähriges Werkzeug ist in der Hand geschickter Arrangeure, so ließ sie sich auch von dem Chassidismus blindlings leiten, ohne zu fragen oder zu wissen, wohin die Obscuranten rennen. Unter der Devise, der jüdische Glaube sei in großer Gefahr, wenn man nicht dem Fortschritte mit allen Kräften Halt gebietet, wurde der verhängnisvolle Beschluss gefasst, mit der Gemeinsamkeit einfür allemal zu brechen, und so mehrten sich die Gegensätze, und so brach der Sturm los, der jedes friedliche Streben vernichtete und dem einheitlichen Judenthume den letzten Todesstoß versetzte. Jetzt ging die offene Feindseligkeit mit rasender Wuth einher, und was nicht den orthodoxen Stempel trug, sollte mit Stumpf und Stiel ansgerottet werden; aber der erbitterte Kamps aus beiden Seiten hatte „statt der Weinbeeren nur Berlinge" getragen. Dass unsere Feinde von außen aus dem inneren Streite Muth und Kraft schöpften, dass der Antisemitismus durch die Zerklüftung der Judenheit immer größere Nahrnng gewann, dass die Orthodoxie dabei sich die Hände voll Unschuld rieb, dass sie blind gegen die eigenen Interessen in schäumender Wuth den Kolben gegen den Bruder erhob, das alles scheint denen lucht unbekannt zu sein, die im Getriebe der Zeiten die Wirrniße alle miterlebten. ' Nach einem mehr als 30jährigen Kriege scheint nun auf eine Weile Waffenstillstand eingetreteu zu sein. Hat vielleicht die bessere Einsicht gesiegt, oder ist man des erfolglosen Kampfes endlich müde geworden? Genug, wir fühlen das Wehen eines säuselnden, kühlen Windes und athmen nach der sengenden Hitze des' Kampfes wieder frei auf. Die Gegensätze sind wohl noch nicht ausgeglichen, doch ihre Spitzen scheinen abgestumpft zu sein. Mau erhebt schon nicht mehr kleiner Dinge wegen ein Zetergeschrei, man sieht in dem Fortschritte nicht mehr den Zerstörer der Religion, man weiß auch im orthodoxen Lager die Rechte zu schätzen, welche ausschließlich durch den Fortschritt erreicht worden sind, und man ist auch dort schon zur Einsicht gelangt, dass die Mechable Kromim nicht bei uns zu finden sind. Schule und Gottesdienst werden bei den fortschrittlichen Inden derart gepflegt, dass jeder ehrliche Israelit sie als die echten Pflanzstätten der Religion ansieht. Thora und Abodah werden derart vereint, dass der scrupeloseste Conservativismus an ihnen nichts auszusetzen hat. Und weil die bessere Einsicht bei unseren orthodoxen Brüdern die Oberhand gewonnen hat, haben Bildung und Wissenschaft anch bei ihnen sich Eingang verschafft. In ihren Schulen wird der Bibeluuterricht nicht mehr wie ehedem im jüdischen Jargon ertheilt, sondern in der reinen, wohlthuenden ungarischen Sprache; in ihren Tempeln herrscht zwar noch immer der alte Ton. doch langsam und stetig dringt auch dorthin der Sonnenstrahl der Aufklärung. Die ueuattgestellteu orthodoxen Rabbiner sind allesammt von moderner Bildung gesättigt und sprechen ein reines