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Die Wahrheit · 1899-02-18 · Heft 7 (18.2.1899) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 7 (18.2.1899)
Date
1899-02-18
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 7. Die Wahrheit. Seite 5. „Verehrter Vorstand! Indem ich für die Einsendung des Fürthcr Memorbnches, das ich anbei zurücksende, wiederholt danke, beehre ich mich ntttzutheilen, dass ich von den, die Geschichte Ihrer Gemeinde vor dem Jahre 1670 betreffenden Blättern eine kalligraphische Copie habe anfertigen lassen, und damit ist es mir gelangen, die im Verlöschen begriffene Urkunde noch rechtzeitig zu retten und zu bergen. Was ich längst vermuthet habe, bestätigt sich nunmehr. Dieses Memorbnch ist das Seelengedächtnisregister von Wien und 1670 von der Familie Frankel nach Fürth gebracht worden, wo es zu ferneren Eintragungen benützt wurde, bis sein wahrer Ursprung in Vergessenheit gerieth. In der Hanptsynagoge von Wien, die jetzt als Kirche dient, ist ans diesem ehrwürdigen Zeugen, der dort vor 1670 erblüthen Gemeinde an Sabbathen und Festen das Andenken der Todten verkündet und festgehalteu worden. Mit dem anderen, in Mislitz (MähreiO vorhandenen, von mir bereits heransgegebenen ältesten Memorbuche der Zacharias Lewi'schen Klause hilft diese werthvolle Reliquie eine wissenschaftliche Nendelebnng einer darauffolgenden Epoche anzubahnen. Ich hoffe, die Schatten, die da an uns vorüberziehen, in Helles geschichtliches Licht setzen zu können. Doch ich möchte dem verehrten Vorstande weder einen Zwang noch ein Opfer auferlegen und werde für eine Edition dieser Geschichtsquelle Sorge tragen, wie es mein unablässiges Streben ist, die Steine des Friedhofes in der Seegasse dereinst nach ihrem wahren, oft geschichtlich überaus werthvollen Wortlaute sprechen zu lassen. Zu diesem Behnfe hatte ich mir erlaubt, vor mehr als einem halben Jahre um freundliche Lieferung eines getreuen Abklatsches ergebenst anzusuchen. Den Verfall und das Schwinden authentischer Kunde unserer Geschichte illustriert der von Anfang bis zu Ende sagenhafte und falsche Bericht über Samson Wertheimer, von dem ich durch Ihre Güte eine Abschrift erhielt. Mit dem Wunsche, dass von einzelnen Ornamenten des Memorbnches Photographien angefertigt werden mögen, empfehle ich mich als des verehrten Vorstandes allzeit bereitwilliger und ergebener Professor Dr. David Kaufmann." An die Verlesung dieses Briefes knüpft Vkcepräsident Dr. K o h n die Bemerkung, dass der Wunsch des Professor Kaufmann bereits erfüllt wurde, indem schon früher Photographien von den Grabsteinen in der Seegasse angefertigt worden sind. v. M i s e s macht dieergänzende Mittheilnng.dassbisher 700 Photographien fertiggestellt sind und im Ganzen circa 1000 zur Verfügung gestellt werden. Secretär kaiferl. Rath Dr. Lieben bringt die in unserem Blatte bereits mitgetheilte Entscheidung des Verwaltungsgerichtshofes betreffs der Süßermann'schen Stiftung, die durch den Cultusvorsteher Dr. Stein vor dem genannten Gerichtshöfe vertreten wurde, zur Kenntnis. Hierauf gelangen die Namen jener Damen und Herren zur Verlesung, die sich bereit erklärten, in das Ueberwachungscomitv des Versorgungshanses einzutreten. Vor Uebergang znr Tagesordnung verweist Architekt Fleischer aus die dem Präsidenten der Cultnsgemeinde, Herrn kaiferl. Rath Heinrich Klinger, von Sr. Majestät verliehene Auszeichnung. Wenn auch die einzelnen Mitglieder des Vorstandes dem Präsidenten schon einzeln ihre Glückwünsche aus diesem Anlässe dargebracht haben, so halte er es dennoch fürgeeignet, von dieser Stelle aus in öffentlicher Sitzung die Sympathien des Vorstandes für den Präsidenten zum Ausdruck zu bringen. Die Auszeichnung sei wohl nicht Herrn kaiferl. Rath Klinger als Präsidenten der Cultnsgemeinde, aber immerhin dem Präsidenten verliehen worden, und es erscheine ihm wichtig, die Freude darüber in der öffentlichen Sitzung zu betonen und den Ausdruck der Sympathie in das Protokoll aufzunehmen. (Allgemeine lebhafte Zustimmung.) Der Präsident dankt für die Sympathiekundgebung der Vorstandscollegen, ebenso auch sämmtlichen Corporationen und Instituten, sowie der Beamtenschaft und' insbesondere dem Vorstande der türk.-israelitischen Gemeinde, der feine Glückwünsche ihm in so überaus herzlicher Weife dargebracht habe. Diese Auszeichnung sei ihm wohl nicht für fein Wirken in der Gemeinde verliehen worden, aber es sei trotzdem für uns Inden ein erhebendes Gefühl, dass Seine Majestät der Kaiser bei der Verleihung von Auszeichnungen keinen Unterschied der Confessioneu kenne. Diese Auszeichnung werde ihm neuerdings ein Ansporn fein, alle seine Kräfte in den Dienst der Gemeinde zu stellen. Der Vorsitzende theilt mit. dass das Dr. Sam. H. Goldschmidt'sche Legat nunmehr flüssig geworden sei. Dies sei von der Zustimmung des preußischen Königs abhängig gewesen die bereits erfolgt ist. (Dr. Goldschmidt war nämlich ein geborener Frankfurter. Anm. der Red.). In einem diesbezüglichen Schreiben der Testamentsexecntoren wird der Cultnsgemeinde der ihr zukommende Antheil zur Verfügung gestellt. Die jährlichen Zinsen des großen Legates sollen nach den letztwilligen Verfügungen des Testators für wohlthätige und namentlich Lehrzwecke verwendet werden. Der Vorsitzende fordert schließlich den Vorstand auf, dem verstorbenen Philanthropen ein ehrendes Angedenken zum Ausdruck zu bringen. (Geschieht durch Erheben von den Sitzen.) S a l o Cohn beantragt mit Rücksicht auf die große Schenkung dem Andenken des Verblichenen eine besondere Ehrung dadurch zu bereiten, dass sein Name in das Maskirbnch der Gemeinde eingetragen wird. Dr. Berger berichtet über einen Beschluss des Vertretercollegiums, laut welchem 700 fl. zur Ausspeifung armer jüdischer Schulkinder verwendet werden sollen. In Gemäßheit dieses Beschlusses werden seit 5. Februar 1. I. über 100 Schulkinder in Brigittenau täglich ausgespeist. Heber die Genesis dieser Action bemerkt Dr. Berger, dass die zweite Sectio» sich schon seit Jahren mit der Frage der Ausspeisung armer Schulkinder beschäftige, uub man habe sich bisher damit geholfen, dass man Speisemarken zur Vertheilung brachte. Aber hieraus haben sich mannigfache Uebelstände ergeben und Heuer wurden besonders viel Klagen laut. Auf die Anregung des Vorstandsmitgliedes Dr. Steiner, der diese Angelegenheit mit großem Interesse verfolgte, wurde eine Enquete einberufen, in welcher beschlossen wurde, in der Brigittenau, wo die Noch am größten sei, Schulkinder auszuspeisen. Dem Redner wurde die Mission zutheil. in einer am 22. Jänner abgehaltenen Versammlung mit den maßgebenden Persönlichkeiten der Brigittenau in Fühlung zu treten, und er habe überall das größte Entgegenkommen und Förderung gefunden. Nur durch die Mitwirkung dieser Persönkeiten ist in so kurzer Zeit die Ausspeisnng ermöglicht worden, und er habe dabei die Ueberzeugung gewonnen, dass derartige Actirmen überhaupt nur unter Mitwirkung weiterer Kreise der Gemeinde mit Erfolg durchgeführt werden können. Aus diesem einen Falle möge der Vorstand eine Lehre ziehen, die vorhandenen Wohlthätigkeitsorganisationen für die Zwecke der Gemeinde dienstbar zu machen. Besondere Unterstützung fand diese Action von Seiten des Vorstehers des Brigittenauer Bethausvereines, Herrn Heinrich Weiner, und der Präsidentin des Frauen-Wohlthätigkeitsvereines, Frau Therese Spitz. Bei der Ausspeisnng werden nachfolgende Principien verfolgt: Zunächst sind jene Kinder zu berücksichtigen, die nur rituelle Kost genießen; jüngere sind älteren vorzuziehen; jedes Kind ist mindestens 7 Tage anszuspeisen; die Verwendung von Speisemarken ist ausgeschlossen. Die Vorschläge zur Ausspeisung werden von den Religionslehrern erstattet, worauf das Armenamt eine Prüfung derselben vornimmt, und es ist dadurch die größte Garantie geboten, dass nur Dürftige berücksichtigt werden. In der Brigittenau gibt es 1599 jüdische Schulkinder, hievon haben sich 174 Kinder, also ll°/b zur Ausspeisung augemeldet. Mit Rücksicht auf die beschränkten Mittel konnten bisher nur 120 Kinder berücksichtigt werden. Interessant sei, dass bisher viele sehr arme Kinder aus religiösen Bedenken aus Speisemarken verzichteten und es vorzogen zu hungern, als die religiösen Vorschriften zu verletzen. Die Vertheilung von Speisemarken sei bisher durch die Commune und die Communal-

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