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Die Wahrheit · 1899-02-18 · Heft 7 (18.2.1899) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 7 (18.2.1899)
Date
1899-02-18
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seile 4. Die Wahrheit. Nr. 7. überlegt, geht Sagunt zu Grunde". Mit anderen Worten: Der Religionsunterricht würde weiterhin empfindlichen, kaum gutzumachendeu Schaden leiden, wollte man warten, bis eine solche Institution in's Leben tritt. Es könnte wohl der Verwirklichung derselben näher getreten werden, wen», wie es ja ursprünglich gedacht war, der „Israelitischtheologischen Lehranstalt" eine solche für die Heranbildung von Religionslehreru angereiht würde. Aber selbst in dieser Gestalt könnte sie nicht ex abrupto in die Erscheinung treten. Ueberdics müsste sic eine Organisation erhalten, die sich mit der der Mutteraustalt nicht deckt. Selbst die Lehrwcise müsste wesentlich verschieden sein. Da hätte der talmudische Grundsatz zu gellen: „erst lerne n", d. h. Stoff sich aneignen, „und dann mcditasiren", d. h. grübeln. Der Religionslchrer muß vor Allem einen Fonds vou Wissen besitzen, soll er feilten Berufe genügen. Lässt sich nun das Radicalmittel nicht so rasch herbeischaffen, so empfehlen sich Palliativa, die nicht ohne Vortheil für die Sache sich anwcnden ließen. So brauchte der Vorstand nur anstatt aus Religionslehreru Rabbiner, aus qualificirten Rabbinern Religion-lehrer zu schaffen An Bewerbern würde es nicht fehlen. Selbst in Amt und Würde befindliche Rabbiner würden es vorziehen, in Wien als Religionslehrer Stellung zu finden, als in irgend einer kleinen Gemeinde materiell und geistig ihr Leben nothdürftig zu fristen. Es wäre eine Unterschätzung, der Bedeutung der Wiener israelitischen Cultusgemeinde, wenn dies maßge bcndcnorts nicht eingeseheu werden sollte. Der Vorstand möge sich folgende Anekdote zur Nutzanwendung Vorhalten: Napoleon I., von seinem Schwiegervater Franz I., befragt, welcher Heeresorganisation er die Vortrefflichkeit seiner Heerführer zu danken habe, antwortete: „Majestät, das liegt darin: In meiner Armee sind Generale Fürsten, in der Euren- .Fürsten Generäle." . . Aus der Wiener Cultusgemeinde. Es ist eine allgemein anerkannte, höchst bedauerliche Thatsache, dass der größte Theil der Gemeinde-Mitglieder, und namentlich viele maßgebende und leistungsfähige Kreise derselben, den Vorgängen innerhalb der Cultusgemeinde nur wenig oder gar kein Interesse entgegenbring^n. Ein Vergleich zwischen einst und jetzt, oder die Erörterung der Frage, wer an dem Umschwung der Verhältniße Schuld trägt, würde an dem offenbaren Niedergänge, der die Entwicklung der Gemeinde nach allen Seiten hemmt, wenig ändern; vielmehr muß das Streben Aller, denen das Wohl der Gemeinde am Herzen liegt, dahin gerichtet sein, den allgemeinen Jndifferentismus zu brechen, und in erster Linie ist es die Pflicht des Cultusvorstandes, kein Mittel unversucht zu lasten, um die abseits Stehenden zur thatigen Mitwirkung heranzuziehen. Nach dieser Richtung haben wir vor einiger Zeit bestimmte Anregungen gegeben, und es freut uns, constatiren zu können, dass die Richtigkeit derselben in der letzten Plenarsitzung des Cultusvorstandes vom 12. d. M. Bestätigung gefunden hat. Es wurde da über eine eingeleitete Action zur Ausspeisung armer jüdischer Schulkinder berichtet und der Referent sah sich am Schluffe seiner Ausführungen zu dem Geständnis veranlasst, dass derartige Aktionen nur unter Mitwirkung der Gemeinde-Mitglieder mit Erfolg durchgeführt werden können, und dass man aus diesem einen Falle die Lehre ziehen müsse, die bestehenden Wohlthätigkeits- Organisationen in den Dienst der Gemeinde zu stellen. Auch der Präsident der Cultusgemeinde hielt in dem vorliegenden Falle einen Appell an die Gemeinde-Mitglieder für nothwendig, aber wir müssen gestehen, mit der einfachen Forderung: „Macht die Taschen auf!" wird wenig erreicht werden; ein Erfolg ist nur daun möglich, wenn man es verstehen wird, thätige Mitwirkung und Jntercssennahme hervorzuruscn, selbst auf die Gefahr hin, dass der Vorstand einen Theil seiner Agenden an die Gemeinde- Mitglieder abgibt. Zur Sache selbst möchten wir darauf Hinweisen, dass in den letzten Jahren von Vereinen und Tischgesellschaften unendlich viel zur Bekleidung armer Schulkinder geleistet wird, und wir sind überzeugt, dass bei einer zielbewussten Agitation diese privaten Organisationen auch der Ausspeisung jüdischer Schulkinder ihre Aufmerksamkeit zuwenden werden. Eine andere hochwichtige Frage wurde in der letzten Plenarsitzung des Vorstandes erörtert, es ist dies die vom Curatorium der jüdisch-theologischen Lehranstalt in Wien geplante Errichtung eines Curses zur Heranbildung von Religionslehrern. Wir haben wiederholt auf die Nothwendigkeit einer derartigen Anstalt hingewiesen und es freut uns besonders, dass in dem vorligenden Lehrplane auch auf die Ausbilgung von Cantoren Bedacht genommen wird. Dabei können wir die Bemerkung nicht unterlassen, dass der österreichisch-ungarische Cantorenverein schon vor Jahren eine diesbezügliche Eingabe an den Vorstand der Wiener Cultusgemeinde gerichtet hat und dass nach Eröffnung des Wiener Rabbinerseminars der Präsident des genannten Vereines dem Rector des Seminars gegenüber die Nothwendigkeit betonte, die Pflege und den Unterricht im liturgischen Gesänge dem Lehrplane einzufügen. Damals wurde ihm bedeutet, dass die Frage noch nicht spruchreif sei und das Seminar sich erst einlebcn müsse; hoffentlich ist jetzt der Moment gekommen, um ein vielseitig gehegtes Bedürfnis zu befriedigen. Die Erfüllung dieser Hoffnung erscheint uns umsomehr gesichert, als man in letzter Zeit auch in Deutschland der Ausbildung der Cautorcu von Seiten der Gemeinden erhöhte Aufmerksamkeit zuwendcte und es bekanntlich bei uns Mode ist, uns in cultnellen Fragen von Draußen die Richtung angeben zu lassen. Vom Standpunkte der Wiener Gemeinde mag man es wohl plausibel finden, wenn ein Mitglied des Cultusvorstandes in der Sitzung sich gegen die Angliederung einer -Cantorenschule an den Religionslehrer-Curs aussprach, aber es darf nicht vergessen werden, dass in diesem Curse nicht nur für die Wiener Gemeinde, sondern für alle jüdischen Gemeinden in Oesterreich.Religionslehrer ausgebildet werden sollen, und dass in den meisten kleineren Gemeinden das Amt des Religionslehrers mit dem des Cantors verbunden ist. Was die formelle Behandlung dieser Frage im Cultus-- vorstande betrifft, so wäre es wohl augezeigt gewesen, schon vorher das Einvernehmen mit der Finanzsection zu pflegen, damit man nicht nach jahrelangen Verhandlungen in der öffentlichen Sitzung durch die Erklärung des Obmannes der Finanzsection überrascht werde, dass die Gemeinde hiefür kein Geld habe. So dringlich die Angelegenheit an und für sich ist, hätte sie doch einen Aufschub von einigen Tagen oder Wochen vertragen, bis über die Bedeckung der nöthigen Auslagen Vorsorge getroffen worden wäre. Schließlich wollen wir noch unserer Befriedigung Ausdruck geben, dass im Vorstande selbst die Einsicht zum Durchbruche gelangt, dass die bisher so gerne geübte und von uns gerügte Ertheilung von gegenseitigen Complimenten nicht am Platze ist, indem ein Vorstands-Mitglied für die Erstattung seines Referates direct jeden „Mischeberach" ablehnte. Es ist fürwahr mit der Würde und dem Ansehen dieser Körperschaft nicht vereinbar, jedes Referat mit einem Lobeshymuus seitens des Vorsitzenden oder der Vorstandscollegen zu glorifiziren; vielmehr mag jedes Mitglied des Cultusvorstandes in dem Bewusstsein, seine Pflicht erfüllt zu haben, und in der ehrenden Auszeichnung, an der Leitung eines so großen Gemeinwesens Mitwirken zu können, die vollste Befriedigung finden. Im Nachstehenden der Verlauf der letzten Vorstandssitzung: Nach Eröffnung der Sitzung durch den Präsidenten, kaiserl. RathE'Heinrich Klinger, wird der Spendeneinlauf zur Kenntnis gebracht. Von Professor Dr. David Kaufmann in Budapest ist nachfolgendes Schreiben eingelangt:

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