Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 6 (10.2.1899)
- Date
- 1899-02-10
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 14. Beilage: Oesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung Nr. 6. gebend anerkannt werden; denn so umfassend und anstrengend auch unsere Functionen während des Jahres sein mögen, der Rosch haschanah und Jom kippur stellt, was Gestaltungsfähigkeit und stimmliche Ausdauer anbelangt, Anforderungen an uns, denen bekanntlich nur die Auserwähltesten gerecht zu werden im Stande sind. Deshalb beschäftigten sich auch die Chasanim der älteren Perioden zumeist mit dieser Gattung von Gesängen und deshalb wendete auch Meister Snlzer, ebenso wie Naumburg Lewandowski. Deutsch, Weintranb rc. diesem Theile der synagogalen Gesangslitteratur erhöhte Aufmerksamkeit zu. Diese Aufmerksamkeit galt jedoch — bei der größtmöglichsten harmonischen und contrapunktischen Ausgestaltung — zumeist nur der Verwendung und möglichst unantastbaren Beibehaltung der alten, sogenannten traditionellen Inter vallverbindungen. Die heiligen Klänge, die unsere Eltern und Voreltern andächtig durchschauerten, wurden ja auch zunieist unser Erbtheift und jeder Jude, wie wandelbar auch sein musikalischer Geschmack sein möge, wird tief und mächtig ergriffen, wenn beim Wiederkehren der alljährlichen Herbst-Feiertags-Saison wieder die gewohnten altheiligen Töne an sein Ohr dringen und an sein Herz pochen. Unsere Altvordern verstanden es vortrefflich, die Stimmung für die hohen Feiertage durch eine veränderte Gesangsweise vorzubereiten und schon die Töne der Borchu- Jutonation am Samstag Abend vor Selichoth drangen und dringen noch heute wie ein ergreifender Weckruf in Herz und Seele der andächtig Znhörenden. Wenig beanlagte und phantasiearme Chasanim und Cantoren erachteten die einfache Uebernahme der gehörten Melodien als eine segensreiche That und suchten, ohne Rücksicht auf Stimmcharakter und etwa mangelnde Kehlensertigkeit all das nachzuahmeu, was sie selbst von stimmgewaltigen und coloraturbegabten Vorgängern gehört. Andere, etwas mehr einsichtige und ihre eigene Leistungsfähigkeit wohl erwägende Melodiennachtreter verwarfen all jene, ihnen Schwierigkeiten bietenden Stellen, modelten dieselben nach eigenem Ermessen um und schufen hiedurch gesangliche Verkrüppelnngcn, welche sich wieder als heilige Melodien an ihre Nachfolger vererbten. Wer von unseren geehrten Lesern Meschorer war und Gelegenheit fand, verschiedene Chasanim zu hören, der muß und wird diese unsere Auseinandersetzung begreifen und alsbald zur Einsicht gelangen, wie unhaltbar die Theorie von Melodien Vererbung, oder die in neuester Zeit ansgetanchte fulminante Bezeichnung von „Leitmotiven" auf synagogal-gesanglichem Gebiete sei. Zur Erhärtung dieser Thatsache erlauben wir uns, die geehrten Leser anfznfordern, mit uns eine kleine Untersuchung anzustellen und zu prüfen, wie von uns Allen anerkannte, über jeden Zweifel stehende Vertreter unseres heiligen Amtes die Intonation des NussaL-Kaddisch am Rosch haschanah und Jom kippur verzeichneten. Wir machen hiebei ans Snlzer, Naumburg, Deutsch, Löwenstamm und Bachmann, demnach ans cantorale Vertreter verschiedener Verhältniße und verschiedener Epochen, aufmerksam.*) Der Kaddisch-Text dürfte doch als unangefochten antik erachtet werden; wäre nun auch eine Urspruugsmelodie vorhanden gewesen, weshalb fand dieselbe nicht bei den genannten mustergiltigen Vertretern allenthalben die gleiche Werthschätznng? oder besser gesagt, weshalb finden wir bei jedem der Autoren eine geradezu auffallend verschiedenartige Notiffzirung des Melodienflnsses beziehungsweise eine verschiedenartige Anpassung des letzteren ans den Text? Alle vorurtheilslos Denkenden dürften nun den Schlüssel zur Lösung dieses Räthsels in der logischen Begründung finden, dass es wahrscheinlich keine strenggefügte Ursprungsmelodie gab. Was jedoch als scheinbares Melodienfragment ans allen diesen Bearbeitungen mächtig hervorklingt, das ist lediglich der Stil, d. h. die Anwendung gewisser, von uns sattsam nachgewiesener Jntervallverbindungen, welche dem Ganzen ein eigenartiges *) Den Hinweis auf den verewigten lewandowski, als nicht ausübenden Cantor, erachten wir bei dieser Zusammenstellung als nicht oportun. Relief verleihen und daher auch von sämmtlichen Bearbeitern respcctirt und sachgemäß beibehalten wurden. Das bezüglich der Kaddisch-Jntonalion Gesagte gilt auch für die Gesangsweise des hierauf folgenden Boruch atto. Nach dieser nothwendigen Auseinandersetzung schlagen wir null die von Rubill veröffentlichten Rosch haschanah- und Jom kippur-Gesäuge: Jaaleh, unessane tokef; emmes ki atto, Widduj und Boruch atto ans, übergehen die vorerwähnten Piecen und verweilen bei der vorletzten Nummer: Boruch atto lerosch haschanah uTjom Kippur wegam lewirchas hattal wegeschem. — Diese einmnthige Ausstellung der Boruch atto-Jmonativn für Rosch haschanah und Gescliem und Dali, deren gesangliche Verschiedenartigkeit jedem von uns klar ist, berührt schon etwas befremdend; noch befremdender jedoch die Wahrnehmung, dass, mit Ausnahme einer einzigen, an Geschem und Tall erinnernden Melodiephrase bei wesocher chasde owaus, dem üblichen Gesangscharakter sowohl, als auch jedwedem melodisch-traditionellen Anklange in solch auffallender Weise ausgewichen wird. Und Rubin ist doch ein Mann, der seit Jahrzehnten dem Synagogengesange dient, sicherlich allen Erscheinungen mit Lust und Zielbewusstsein nachgegangen und auch, wie wir nachzuweiseu mannigfache Gelegenheit hatten, in der Lage ist, jedweder Melodie die zweckdienliche harmonische Gewandung zu verleihen. Oder sollte Rubin, der seine Jugendzeit in dem berühmten Jndenviertel Prags mit seiner altehrwürdigen Alt-Nen-Synagoge (die Geschichte bezeichnet dieselbe mit al tnai, d. h. aus Widerruf) zngebracht, die vom berühmten Maharill und später von dem als Chasen noch hervorragenderen Schlome Lipschütz aus die Zukunft vererbten Weisen gar nie gehört haben? Wir sind außer Stande, dieser Anschauung Raum zu geben. Gewiss hörte Rubin in seiner Jugend all' diese Sachen; gewiss erfüllten diese sogenannten ehrwürdigen Klänge auch ihn mit heiligem Schauer, insolange die Staffage der andächtig betenden Gemeinde ihm vorschwebte und seine Sinne gefangen nahm; später jedoch, als es galt, etwas Beträchtliches für die Gegenwart, vielleicht auch für die Zukunft, zu schaffen, musste das mystische Dunkel erhellt und durch diese Erhellung der geliebte Zauber in Nichts zerfließen. So entstanden die vorliegenden, sonst trefflich, aber vollständig modern bearbeiteten Gesänge. Vielleicht wäre es im Interesse Rnbin's gelegen, seinen synagogal-gesanglichen Gestaltungen bezüglich des Styles etwas mittelalterlichen Zauber zu verleihen; denn mit vererbten Heiligthümern, ob dieselben mehr oder minder werthvoll sind, darf man nicht so im Handumdrehen brechen, ohne den Schaden an der eigenen Sache zu erfahren. Das Volk lässt sich nicht gerne seiner gewohnten Hebung entreißen und ist gar rasch mit dem üblichen: „Steinigt ihn!" zur Hand. Doch unser trefflicher Rubin, der ja so viel Edles und Erhebendes geschaffen, ist ja noch jung und sicherlich gewillt, das etwa Verabsäumte mit kräftiger Hand nachzuholen. Zudem ist ja das Interesse für cantorale und synagogal-gesangliche Fragen in letzter Zeit zu unserer Freude endlich erwacht; namentlich in reichsdentschen Gemeinden werden beinahe wöchentlich, für und gegen Vorträge gehalten, denen nur zu wünschen wäre, dass dieselben streng sachlich blieben und nicht, wie es leider der Fall, allenthalben Persönliche Anfeindungen enthalten. Durch sachliche Klarlegungen könnten ja die Gegensätze gemildert und die gegnerischen Anschauungen näher gebracht werden, zum Heile der ernsteu Angelegenheit und zur Kräftigung unseres beruflichen Ansehens. Gott geb' es! Verschiedene Nachrichten. Wien, 7. Februar. Samuel Süßermoun errichtete mit Testament vom 8. Mai 1879 eine Stiftung mit einem Capital von 10.000 fl. zur Beförderung des Studiums der Bibel und des Talmud. Die Stiftungszinseu sollten zum Theile der Vereiusvolksschule Talmud-Thora in Wien, theils solchen Mittelschülern zugute kommen, welche sich beim Unterrichte