Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 6 (10.2.1899)
- Date
- 1899-02-10
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 6. Beilage: „Gesterreichisch-ungarische Lantoreu-Zeitung." Seite 13. bewusst, dass wir fort und fort daran arbeiten und bestrebt sind, die hohe Aufgabe, die uns nach dieser Richtung hin gestellt ist, würdig zu lösen. (Beifall.) Dr. Reich-Breslau: M. H. Zunächst danke ich dem verehrten Herrn Vorsitzenden für die freundlichen Worte, die er in der Einleitung zu diesem Punkte der Tagesordnung unserer Petition gewidmet, und dafür, dass er durch Drucklegung derselben sie allen Delegirten zugänglich gemacht. Auch der Herr- Referent hatte im ersten Theile seiner Rede ja Worte der Anerkennung für sie. Dem gegenüber sehe ich mich zu einer Erklärung veranlasst, die zugleich eine Berichtigung ist, dass ich nicht der Verfasser des Antrages bin, sondern dass ich ihn nur angeregt habe. Der Verfasser ist unser Vorstandsmitglied, Herr Rechtsanwalt Samuelsohn. Wie ich das Lob ablehne, das dieser Arbeit vielfach gezollt ist, so möchte ich auch andererseits nicht für jedes Wort eintreten. Dass Unrichtigkeiten mit unterlaufen sind, beruht darauf, dass es uns all Zeit zu eingehender Prüfung gemangelt hat. Es wurde uns gesagt, der Antrag müsse sofort nach Berlin gesandt werden, sonst käme er nicht mehr zur Vorbesprechung und nicht zur Verhandlung. Da konnte er nicht mehr durchberathen noch darauf hiu geprüft werden, ob jedes Wort richtig ist. Dass wir aber von manchen Thatsachen nicht Kenntnis gehabt haben, beruht auf der bisherigen Jsolirung der Gemeinden, die von einander nichts wussten. Das soll ja dilrch den Zusammenschluß der Gemeinde, der Provinzialverbände gebessert werden. — In unserem jungen Verein.sind wir von der Idee ausgegangen. es müsse eine Cautorenschule errichtet werden für größere Gemeinden. Große Gemeinden bedürfen Cantoren, die nur Cautoren sind, mittlere bedürfen solcher, die auch Lehrer, kleinere solcher, die wohl auch Schächter sind. Wir waren der Ansicht, dass für die ersteren eine genügende Vorbildung liicht vorhanden ist, dass diejenigen, die in den verschiedenen Lehrersenliuaren ausgebildet werden, in erster Reihe Lehrer lind nebenbei auch Cantoren seien. M. H. Wir haben uns bisher nur mit den Leiden der kleinen Gemeinden beschäftigt, hier sollen Sie für die Nöthen der großen Gemeinden interesfirt werden. Die großen Gemeinden sind hier in einer Nothlage. Der Herr Referent hat uns eine Reihe von Städten genannt, in denen von Berlin ausgebildete Cantoreil angestellt sind. Breslall stellt seine Cantoren sehr gilt. Was haben sich für Leute bei uns beworben? Ich habe nicht gehört, dass darunter Cantoren waren, die sich auf ihre Ausbildung in Berlin berufen haben. Der Kuriosität halber will ich erwähnen, dass unter Anderen bei uns sich auch ein Christ gemeldet hat (Heiterkeit). Zum überwiegenden Theile lvareu es Ausländer: Oesterreicher, Ungarn, Mährer, Galizier, Polen, Russen. Diese Herren will ich auch nicht so hart angreifen; sie sind ausgezeichnete Sänger, haben aber oft die Ghettoschalen iloch nicht von sich abgestreift, waren im sozialen Lebeil in einer untergeordneten Stellung. Wie dem aber auch sei: wir würden manchmal noch froh sein, wenn wir sie bekämen. Es wird ihnen immer schwerer gemacht, hier Bürgerrecht zu erhalten. Und wir in Breslau werden nicht mehr auf die Brücke treten, für eineil Ausländer das Bürgerrecht zu erwirken. Wir haben uns nun gesagt: Wir wollen deutsche Jünglinge veranlassen, sich auszubildeu als Cantoren für die großen Städte, wo sie nichts Anderes sind, als Cantoren. Die großen Gemeinden bedürfen nicht der Cantoren als Lehrer, sondern eben nur als Cantoren. Es wird Ihre Aufgabe sein, zu zu untersuchen, ob die Lehrerseminare lvirklich allen Ansprücheil Genüge leisten zur Ausbildung von Cantoren. Sollte das nicht der Fall sein, so würde ich doch diesen Antrag aufrecht erhalten. Ich bitte Sie, in diesem Sinne noch einen Augenblick darüber uachzndenken. Vorsitzender Prof. Dr. Philippson-Berlin: M. H.! Es wird Sie interessiren, einen Fachmann über diese Frage zu hören. Herr Cantor Friedmanu hat das Wort: Cantor Friedmanu-Berliu: Hochgeehrte Herren! Ich bitte Sie zunächst um Entschuldigung, dass ich in Ihrer werthen Versammlung erschienen bin. Die Frage über die Vorbildung der Cantoren ist mir sehr ans Herz gewachsen. Aus meinem Artikel in der Zeitung des Jndenthnms haben Sie meine Ansicht zu diesem Punkte der Tagesordnung ersehen. Dem soeben gehaltenen Referat des Herrn Director Dr. Holzman habe ich eigentlich nichts mehr hinzuzusügeil, denn ich selbst liefere ja ein Beispiel zu seinen Ausführungen. Ich habe nämlich das hiesige Lehrerseminar absolvirt und wurde gleich nach meinem Examen von der hiesigen jüdischen Gemeinde als Cantor angestellt. Die langjährigen Erfahrungen, welche ich in meinem Amte gemacht habe, haben mich gerade in dem Gedanken bestärkt, dass in Deutschland keine directe Cautorenschule nöthig sei. Der angehende Cantor soll nicht allein im Gesänge und in der Musik ausgebildet werden, sondern er muß auch allgemeine Bildung haben. Der ganze Mensch muß fürs Leben vorbereitet werden. Bei den heutigen politischen Berhältnißen, wo die Gemeinden zumeist auf deutsche Cantoren angewiesen sind, solle man es denselben erst recht zur Pflicht machen, sich aus einem Seminar eine geordnete Bildung auzueignen. Wie Sie hochgeehrte Herren von Herrn Director Dr. Holzman gehört haben, gehört der liturgische Gesang mit zu den Hauptbüchern des Seminars. Der unsterbliche Meister Lewandowski hat fast 40 Jahre den Unterricht darin ertheilt. Sein Nachfolger, der nchmlichst bekannte Musikdirector William Wolf, sucht deu Unterricht in dem liturgischen Gesänge durch Hinzuziehung anderer synagogaler Werke, wie Snlzer, Bär, zu bereichern. Allein wie groß meine Pietät für den seligen Lewandowski und meine Verehrung für Herrn William Wolf auch ist, so kann ich hier nicht meine Anschauung unterdrücken, zu sagen, dass nur der practische Fachmann den Unterricht im liturgischen Gesänge mit Erfolg geben kann. Nicht die Noten, die in den Werken stehen, sollen gelehrt werden, sondern der Geist derselben. Nicht allein die Melodien sollen sich die Zöglinge aneignen, sondern, was viel wichtiger ist, die synagvgalen Weisen. Und dieses kann nur durch einen practischen Fachmann geschehen. Nur er allein ist im Stande, den Geist der hebräischen Gebete durch freies Rezitiren wiederzngeben. Es wäre daher im Interesse des Seminars, wenn ein solcher die angehenden Cantoren rnlterrichten würde. Da aber in den meisten Lehrerseminaren nur Chordirigeuteu in der Liturgie unterrichten, erlaube ich mir, an die hochverehrte Versammlung die ergebene Bitte zu richten, dass für die angehenden Cantoren nach ihrem bestandenen Staatsexamen wenigstens ein Nachcursus von mindestens drei Monaten eingeführt werde. Dieser Nachcursus darf nur von einem practischen Fachmann geleitet werden. (Schluss folgt.) lieber die Entwickelung des 2ynagogengesanges. Bon Obercantor I. Singer in Wien. III. Serie, Nr. 18. Es lag in unserer Absicht, mit dem vorigen Aufsatze die Besprechung der Rubin'schen synagvgel-gesanglichen Compositioneu zu beenden, doch das achte Heft der erwähnten Rnbiusichen Arbeiten veranlasst uns allen Ernstes noch zu der folgenden Auseinandersetzung. Das achte Heft des Componisten enthält ausschließlich Gesäuge für IL080U hasehanah und Jom kippur und erscheint auf dem Umschlazblatte mit der etwas absonderlichen Bezeichnung „Das ist der Tag des Gerichtes, Ilneaaausk tokef, versehen." Aus unserer frühesten Jugendzeit ist es uns noch erinnerlich, dass die cantoraleu Leistungen am Roacli hasclianah und Jom kippur als bester Gradmesser für die cantorale Befähigung gelten. Der, unter Chasanim und Meschorerim, übliche Ausspruch lautete: „AnRoaek haaehanah und Jom kippur zeigt es sich, wer ein Chasen ist." Dieser Ausspruch muß, unseres Erachtens, auch heute noch als maß-