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Die Wahrheit · 1899-02-10 · Heft 6 (10.2.1899) · page 15

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 6 (10.2.1899)
Date
1899-02-10
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 6. Die Wahrheit. Seite 15. in der Bibel und dem Talmud durch besondere Erfolge Hervorthun. Die Finanzbehörden haben die Befreiung dieser Stiftungen vom Gebühren- Aequivalent verweigert, weil der Stistungszwcck nicht als ein Unterrichtszweck anzusehen sei, indem das vom Stifter angcstrebte Ziel, dass Mittelschüler aus dem Deutschen in's Hebräische übersetzen und selbständig Talmud lesen lernen, über den Rahmen des Lehrstoffes für Mittelschulen offenbar hinausgehe, weil ferner der Zweck der Stiftung hauptsächlich ein religiöser sei. Der Vorstand der israelitischen Cultusgemcinde in Wien und das Curatorium der Sü'crmann'schen Stiftung haben durch ihren Vertreter Dr. Adolph Stein die Beschwerde beim Verwaltungs-Gerichtshöfe ergriffen. Der Verwaltungs-Gerichtshof unter Vorsitz des Präsideliten Baron Lemayer hat die Entscheidung der Finaiizbehörden aufgehoben mit der Motivirung, dass es sich allerdings um einen Unterrichtszweck handle, und zwar um den Unterricht in einer israelitisch-theologischen Disciplin. Ta das Gesetz den Stiftungen zu Untcrrichtszwecken ohne weitere Unterscheidung die Befreiung vom Gebühren-Aeguivalent zugestehe, sei es auch glcichgiltig, ob ein Mittelschülern zu ertheilendcr Unterricht über den Nahmen des Lehrstoffes der Mittelschule hinausgehe. Waidhofen a. d. Shaya. Zum Andenken an ihren kürzlich in Wien verstorbenen Vater, Herrn Josef Schüller, haben die Hinterbliebenen in hochherziger Weise 50 fl. dem hiesigen Frauen-Wohlthätigkeits-Verein mit der Bestimmung zugewiesen, dass die Zinsen davon alljährlich vertheilt werden, das Capital aber unangetastet bleiben soll. Die Veranlassung dürfte der Umstand gewesen sein, dass die Tochter des Verewigten, Frau Antonie Singer, diesen Verein ins Leben gerufen hat und auch seine Präsidentin ist. Mähr.-Ostrau. Der Senior der Aerzte in Polnisch-Ostrau, Herr Dr. Josef Wechsberg, der sich als Arzt und Menschenfreund eines hervorragenden Rufes erfreut, begieng am 1. Februar das Fest seines vierzigjährigen Doctorjubiläums. Während dieses langen Zeitraumes hat Herr Dr. Wechsberg seinem edlen Berufe unausgesetzt seine volle Kraft gewidmet, war bis vor wenigen Jahren der einzige Arzt in Polnisch-Ostrau und Umgebung, wo er auch mit Aufopferung während der schwierigsten Zeiten als Gemeinderath thätig war. Er hat auch seine Kräfte in den Dienst der Oeffentlichkeit gestellt und hat sich insbesondere um die Organisation des Schulwesens Verdienste erworben. Ekenso hervorragend war seine Thätigkeit als Mitglied der Gemeindevertretung Poln.-Ostrau und als Obmann des vor einiger Zeit gegründeten ärztlichen Vereines von Mähr.-Ostrau und Umgebung. Der Ausschuss der israelitischen Gemeinde, deren Präses- Stellvertreter der Jubilar ist, üb. rreichte eine kunstvoll ausgestattcte Adresse. Auch seitens der übrigen Körperschaften wurden dem Jubilar aus diesem Anlasse Erinnerungen zugedacht. Osdenburg. Am 31. v. M. fand unter großer Betheiligung das Leichenbegängnis des Herrn Moritz Klabcr statt. Der Verblichene erfreute sich in der hiesigen orthodox. Gemeinde infolge seines großen Wohlthätigkeitssinnes allgemeiner Beliebtheit. Rabbiner Grünwald hielt einen ergreifenden Nachruf. Der Nihilist. Ein Zeitroman aus dem russisch-jüdischen Leben Von Moritz Scherbett (Nachdruck verboten.) (.-». Fortsetzung.) Fremma Glanzberg war am andern Morgen eben im Begriff, einen Ausgang zu machen, um die Folgen einer schlaflos verbrachten Nacht in der freien und frischen Luft zu verwischen, als Rahel, die 19jährige Tochter des Getreidehändlcrs Lolkind Aronsohn, bei ihr eintrat und nach kurzem Gruße ihr ein versiegeltes Bittet übergab, in welchem Alexander, mit begeisterten Worten den mächtigen Eindruck schilderte, den ihre Erscheinung bei ihm zurückgelassen, und die flehentliche Bitte aussprach, ihm am heutigen Nachmittage, bevor er diese Stadt verlasse, im Hause seiner Tante eine Unterredung zu gewähren. Fremma's Mädchenstvlz sträubte sich wohl entschieden gegen die Gewährung dieser Bitte, aber ihr Herz trat als mächtiger Anwalt für den unglücklichen jungen Mann auf. Sie liebte den Nihilisten von jenem Augenblicke an, da sie ihn mit flammender Begeisterung für seine Ueberzeugung cintreten sah. Allein, durfte sie sich dieser sonst so beseligenden Neigung hingcben, durfte sie ihr folgen? Alles, was sie in dieser Beziehung zu erwägen sich verpflichtet hielt, sprach sich dagegen ans. Was werden die Eltern, was werden die Geschwister sagen, wenn sie von diesem Verhältnis Kenntnis erhalten? „Er ist ein Staatsverbrecher, er ist ein Ungläubiger, ein Mann ohne Existenz, ohne Lebensstellung, Deiner und unser unwürdig — lass ab von ihm, denn unsere Einwilligung zu dieser unseligen Verbindung wirft Du nimmermehr erhallen!" Dass es zu dieser Aussprache kommen werde, darauf konnte Fremma mit Sicherheit rechnen und sie erkannte, dass es ihre pflichtmäßige Ausgabe sei, jetzt schon diesem verhängnisvollen Berhältniße dadurch die Spitze abzubrechen, dass sie die von ihr verlangte Zusammenkunft versagte. Davon wollte aber ihr Herz nichts wissen. Hätte er ihr nicht geschrieben und seine Gefühle so offen dargelcgt, so wäre es ihr mit der Zeit sicher gelungen, die Neigung für den Studenten zu unterdrücken. Nun aber, da er sich bittend an sie gewendet, da ihre Gefühle mit den seinigcn sich begegneten, konnte sie der Liebe nicht mehr Widerstand Leisten. Der innere Kampf war entschieden. Sie wandte sich an die auf Antwort wartende Rahel und sprach: „Haben Sic die Güte, mich heute Nachmittag abzuholen, ich werde zu Ihrer Begleitung bereit sein.'' Und so hatte Alexander am Nachmittage Gelegenheit, Fremma im Hanse .seiner Tante noch einmal zn sehen und ihr seine Liebe zn gestehen. Gern hätte auch Fremma ihm ihre Gegenliebe offen bekannt, doch in der Erkenntnis dessen, was sie der Frauenwürde schuldig sei, brachte sie vorerst die Stimme ihres Herzens zum Schweigen und sprach mit vornehmer Ruhe: „Wenn Ihnen das, was Sie von mir zu hören wünschen, in Ihrem jetzt so gefährdeten Dasein, in den Lebenskämpfen, die Ihnen noch bevorstehen, einigen Halt gewähren kann, so spreche ich Ihnen meinen innigen Autheil au ihrem Geschicke gern und freimüthig ans. Verschmähen Sic aber auch nicht den wohlgemeinten Rath einer für Sie besorgten Freundin und machen Sie sich frei von den unseligen Schlingen einer Conspiration, die, wie schön auch ihre Zwecke sein mögen, dennoch die Betheiligtcn in's Verderben führen muß." „Das geht nicht!", erwiderte Wandelowicz kopfschüttelnd, „denn es scheint mir verdammcnswerth, mit einer eingegangenen Verpflichtung zu brechen. Lassen Sic mich vorerst noch das begonnene Spiel mit dem Schicksal fortsetzen; aber nehmen Sie Dank für die mir zugesagte Theilnahme, für die Sorge um den Verfolgten, und gestatten Sie mir, Sie hin und wieder von meinem Ergehen in Kenntnis zu setzen Darf ich das thun? „Gewiss, es wird mir Beruhigung gewähren, über Sie von Zeit zu Zeit etwas zu erfahren." Während der Unterredung der beiden jungen Leute gieng Frau Aronsohn öfters durch das Zimmer, ohne sich jedoch am Gespräche zu betheiligen. Jetzt erhob sich Fremma. Sie reichte Wandelowicz die Hand und sprach: „Leben Sie wohl. Die gütige Vorsehung möge Sie in Schutz nehmen und Ihrem Geiste die Richtung geben, die Sie zum wirklichen Lcbensheile führt." Er drückte die ihm dargereichte zarte Hand ehrfurchtsvoll an seine Lippen. „Ihr guter Genius, werthe Freundin, wird mich begleiten und darum kann ich die Hoffnung auf bessere Zeiten nicht aufgeben. Mögen auch Sie vor jeder schmerzlichen Erfahrung gewahrt sein. Leben Sie wohl!" Gefolgt von den Segenswünschen der Frau Aronsohn schritt Fremma an der Seite Rahel's der Wohnung des Großvaters zu. Der Gang, den sie jetzt gcthan, war kein vorwurfsfreier, das fühlte, das erkannte sie, allein sie liebte Wandelowicz mit allen Fasern ihres Herzens und das Bewusstsein, sich von Alexander geliebt zu wissen, machte sie trotz aller Bedenken glücklich. (Forts, folgt.)

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