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Die Wahrheit · 1899-02-10 · Heft 6 (10.2.1899) · page 11

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 6 (10.2.1899)
Date
1899-02-10
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 6. Seite 11. Die Wahrheit Wien. „Marpe lanefesch“ ist der schöne und bezeichnende Name eines Vereines, der für die Förderung und Pflege der drei Grundpfeiler, der besten und festen Säulen des Judenthums, Thora, Abodah und Gemiluth Chassodim, eifrig Sorge trägt. Derselbe erhält ein Betlokal (Taborstraße 38), in welchem Rabbiner Nehemias Friedmann allabendlich erbauliche und belehrende exegetische Vorträge hält, und der Verein hat im v. I. für Arme und Kranke allein 765 fl. verausgabt, außerdem an verschämte Arme zum Passafest Mazzoth, Wein und Geld im Betrage von 90 fl. vertheilt. Die Einnahmen des Vereines, deflen Obmann Herr Adolf Leitner ist, beliefen sich im vergangenen Jahre auf 396 l fl., und das Baarvermögen beträgt 2079 fl. Möge es dem humanitären und religiösen Vereine gelingen, an Mitgliederzahl immer mehr zu erstarken und auch fortan ersprießlich zu wirken. Zu bedauern ist, dass bei der letzten Generalversammlung, trotz der Anwesenheit des Cultusvorstehers Dr. Berger, welcher dem Vereine vielseitige Förderung angedeihen ließ, ein soch' heftiger Ton gegen den Cultusvorstand angeschlagen wurde, weil derselbe einem anderen Wohlthätigkeitsvercine im gegenüberliegenden Hotel „Bairischer Hof-' ein temporäres Betlokal für die hohen Feiertage bewilligt hat. Die Aufklärungen, die diesbezüglich das Ehrenmitglied Dr. Ascher gab, erzielten auf die Versammlung eine beruhigende Wirkung. Bei dieser Gelegenheit darf nicht verschwiegen werden, dass die Frage der gottesdienstlichen Abhaltungen an den hohen Feiertagen die größte Aufmerksamkeif des CultusvorstandeS verdient. Auf dieses Thema wollen wir demnächst ausführlicher zurückkommen. Wien. Samstag den 11. Februar, halb 8 Uhr Abends findet in Hernfelder's Restauration I, Marc Aurelstraße eine Plenar-Versammlung des Vereines zur Hebung der Gewerbe in Wien mit folgender Tagesordnung statt: 1. Bericht des Präsidiums; 2. Freie Discussion über gewerbliche und Vereinsangelcgenheiten. Es wird an diesem Abende, jedem Mitgliede Gelegenheit gegeben. Wünsche und Beschwerden frei und unumwunden vorzubringeu. Der Präsident S. Brod, der Schriftführer A. Kisch. Prag. Der Verein zur Erhaltung des Liebener Tcmpelchores hielt am 8. Jänner seine l3. ordentliche Generalversammlung ab. Gewählt wurden in derselben folgende Herren: Gustav Heller, Fabrikant, zum Obmann; Emil Schick, Chemiker, zum Obmannstellvertreter; Ignaz Deutsch, Fabriksleitcr, zum Schriftführer; Jakob Wagner, Kaufmann, zum Cassier! weiters in den Ausschuss: Herm. Stransky, Rabbiner; Richard Feigl, Fabrikant; Ludwig Lederer, Buchhalter; Jakob Kisch, Geschäftsmann und Theodor Bunzl, Geschäftsmann. Versöhnung. von Bernhard Loewenthal. (1. Fortsetzung.) Als auch Schlaume Beer erfuhr, wie man über sein Kind sprach, wollte er in die Erde sinken vor Schande. Bleich, mit wirren Haaren und am ganzen Leibe bebend, kam er aus der K'hille nach Hause und warf, sich wie zu Tode erschöpft in den alten Lehnstuhl. Seine Frau und Jenny eilten herbei und fragten mit besorgten Mienen nach der Ursache seiner Aufregung. Beer sah sein Weib mit vorwurfsvollem, aber traurig müdem Blicke an. „Er macht' uns viele Freude dein Jung', Fanny, wie ein Verbrecher soll er in Berlin herumlaufen, wie ein Vagabund. So ein Kazew muß es herumbringeu in der ganzen K'hille, was für einen Sohn ich habe; und Du hast Schuld, Du hast ihm recht gegeben, wie ich ihn aus dem Hause gejagt habe! — Andere Leute erziehen Kinder, ich aber darf keine Freude von ihnen haben, nur Kummer, Sorge und Schande. An Gott hat er vergessen, wie soll er seine Eltern ehren und lieb haben, ein halber Goj ist er geworden!"- Die Frauen erbleichten, Beer aber fuhr fort: „Jetzt aber soll er vergessen sein, so wahr heute Erew Jom Kippur ist, für mich ist er gestorben, oder er wird anders, ich habe nur noch e i n Kind! O mein Gott, was Hab' ich Böses gethan, dass Du mir die Charpe anthust?" Der.- starke- Mann schluchzte wie ein Kind, und auch die Frauen bargen ihr Gesicht in den Händen. Nach einer Weile erst hatte sich Frau Beer gefasst. Trotzdem das Mntterherz in wildem Schmerz zuckte, trotzdem sie hätte ausschreien mögen vor Kümmernis, drängte sie doch die Thränen zurück. Sie fasste ihren Gatten an der Schrrlter und sagte mit bebenden Lippen und tonloser Stimme: „Schlaume vergiss nicht, es ist unser Kind, und heute ist Erew Jom Kippur, Du weißt, da soll man nicht fluchen!" „Vater!" bat auch Jenny, „nimm es zurück, das harte Wort, ich flehe Dich an, geliebter Vater, verstoße ihn nicht, es wird Lüge sein, was Baruch über ihn ansgestreut hat' in der Stadt; Josua ist leichtsinnig, aber schlecht? Nein, nein Vater!" — und Jenny schluchzte von neuem auf, — „schlecht ist er nicht!" Beer blickte auf. In seinem Gesichte waren die Spuren der Thränen noch sichtbar und er schien um Jahre gealtert. Müde und gebrochen erhob er sich vom Lehnstuhl, und als er hinausschritt, drehte er sich au der Thürschwelle noch einmal zu den seufzenden Frauen zurück. „Er soll vergessen sein, ebenso wie er an Gott vergessen hat, ich will seinen Namen nicht mehr hören, für mich ist er todt und — begraben!" Als die Thür hinter Beer in's Schloss gefallen, und seine Tritte draußen auf den Steiltflicsen des Hausflurcs verhallt waren, konnte das gequälte Mutterherz nicht länger Stand halten, und ohnmächtig sank Frau Beer in die Arme ihrer Tochter. „Mutterle! Mutterte!" rief Jenuy verzweifelt,und auch Schlaume war auf den Schreckensruf seines Kindes zurnckgceilt. Er nahm sein bewusstloses Weib in die Arme und rief ihren Namen. Nach einer Weile schlug sie die Augen auf. Als sie Schlaume vor sich sah und auch Jenny, reichte sie dem Gatten die Hand, und wie geistesabwesend sagte sie: „Du hast recht, mein Kind wenn er au Gott vergessen hat, soll er nicht mehr gedacht werden!" Und zu ihrer Tochter gewandt flüsterte sie mit bebender Stimme: „Jenny, denk nicht an ihn, er ist nicht werth, dass wir um ihn weinen, er hat uns Schande gemacht, lass ihn veressen sein!" Und jetzt als das Abendroth am Horizont verblasste, dachte Jenny darüber nach, was die Eltern ihr eben gesagt hatten. O mein Gott, wie schwer musste das Mutterherz gekränkt und verwundet sein, wenn solche Bitterkeit es erfüllen konnte! In Beers Hause war heute ein wahrer Taanis: gebeugte Häupter, bedrückte Herzen. * Der Chasan der kleinen Gemeinde Reb Joffes Grandel war eben aus der Mikwoh nach Hause gekommen. Er ist eine hohe imposante Erscheinung, etwas zur Corpulenz neigend, und sein Gesicht hat den gutmüthigen Ausdruck eines Menschen, der zufrieden ist, wenn man ihn zufrieden lässt. Er ist noch Einer vom alten Schlage. Heute ist er ganz besonders festlich und feierlich gestimmt. In Gedanken schon hat er die Negunim vom heutigen „Kol nidre“ bis zum morgigen „Nile* durchprobt und still lächelnd betrachtet er sein Kind, seine Lea. Sie ist sein Ein und Alles. Sein Weib ist todt, Verwandte hat er nicht, und so lebt er nur dem Kinde und seinem Amte, welches ihn sogar nicht wenig in Anspruch nimmt; denn neben seinen Pflichten als' erster und letzter Cantor der Gemeinde, ist er noch Schochet, Lehrer, Bal-Kore, Bal-Tokea und oft auch muß er, wenn cs vorkommt, an ihn gestellte Schailes paskenen. Wirklich genug für seine 600 Thaler jährlich, bei freier Wohnung, Brennung und Nebeneinkünften. Reb Jossef aber ist zufrieden. Ist er doch schon eine halbe Ewigkeit in diesem Nest, und s. G. w. wird er hier auch schon bleiben. Man hat ihn gern in der K'hille, ihn und seine Lea. Eine innige Freundschaft verknüpft ihn und die Gemeindemitglieder, besonders mit Schlaume Beer. Lea ist mit Jenny und Josua ausgewachsen, bald haben die Kinder hier gespielt, bald dort, bald bei Beer und bald bei Neb Jossef. Eben will Grandel, während Lea den Tisch deckt, noch ein Blick in Schul' thun, um nachzusehen, ob auch alles wohl vorbereitet ist, da tritt, ohne anznklopfen, Mosche Chossid, ein wegen seiner scheinbaren Frömmigkeit für heilig gehaltener Balbos, ihm entgegen. (Fortsetzung folgt.)

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