Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 6 (10.2.1899)
- Date
- 1899-02-10
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 10. Die Wahrheit. Nr. 6. Berlin, 3. Februar. (Die Ordinariate der jüdischen Lehrerinnen.) Der Ausschuss der Stadtverordnetenversammlung zur Vorberathnng des Antrages Preuß und Genossen und der Vorlage des Magistrats betreffend die Ordinariate der jüdischen Lehrerinnen an den Gemeindeschulen hat gestern unter Vorsitz des Stadtverorduetenvorstehers Dr. Laugerhans und in Anwesenheit des Bürgermeisters Kirschner und des Stadtschulrathes Bertram folgenden Beschluss gefasst: Der Ausschuss nimmt zur Kenntnis, dass eine Antwort des Provinzialschulcolleginms auf die Remonstration der städtischen Schuldcputatiou vom 10. November v. I., gegen die Verfügung des Provinzialschulcollegiums vom 22. April v. I., bisher nicht erthcilt worden ist, die Angelegenheit mithin ihre Erledigung nicht gefunden hat, und spricht die Erwartung aus, dass der Magistrat mit ihr das Interesse der durch die Verfügung betroffenen jüdischen Lehrkräfte, sowie die bestehenden Einrichtungen unseres Gemeiudeschulwcsens wahren wird. Klein. (Gesetzliche Lage der israelitischen Gemeinden in Rußland.) In einem Saale der Universität St. Wladimir fand eine Sitzung der juristischen Gesellschaft von Kiew statt, in welcher P. Auanieff ein Referat über „Organisation der jüdischen Gemeinde als juristische Person" vorlas. Nachstehend ein Auszug des Vortrages nach dem „Kicvskve Slovo." Die gesetzliche Lage der jüdischen Gemeinden von Rußland, wie sie durch die jetzigen Gesetze bestimmt ist, beruht auf einem Dualismus. Aus der einen Seite muß jeder Jude nach den Civilgesetzen irgend einer russischen Gesellschaftsklasse angehöreu, ebenso wie alle anderen Unterthanen des Czars muß er sich allen Gesetzen, welche aus dieser besonderen Organisation hervorgehen, unterwerfen. Unter diesen Bedingungen erscheint die Existenz von nur jüdischen Gemeinden, da sie nicht einen ausschließlich religiösen Zweck verfolgen, unmöglich. Aber in Wirklichkeit scheint das Gesetz die Existenz von jüdischen Gemeinden dieser Art anzuerkenncu, indem ihnen die Rechte verliehen werden, die Armen zu unterstützen, Schulen zu gründen, ebenso Betsäle rc. Diese Sachlage gibt häufig Grund zu großen Verwirrungen. Durch das allgemeine Gesetz gehören die Juden, wie alle anderen Untcrthancn, den Ortsklassen an und bezahlen demzufolge ihre Steuern. Aber wegen ihrer Religion sind sie in Spezialgemeinden cingetheilt unabhängig von den Stadtbezirken. Außer den gewöhnlichen Abgaben, welche sie wie alle anderen Bürger des Reiches zahlen, haben sie noch als Mitglieder der jüdischen Gemeinden besondere Steuern zu entrichten, um die durch die gesetzliche Lage entstandenen Bedürfniße zu bestreiten/Diese besonderen Steuern für die Juden sind Steuern für Koscherfleisch, Wohlthätigkeitsgaben und die direkten Steuern zur Unterhaltung von Schulen. Oereins-Bote. Wien. Die österreichisch-ungarische Colonialgesellschaft ernannte den Präsidenten des Vereines zur Hebung der Gcwnbe in Wien, Herrn S- Brod zu ihrem correspondirendcn Ehrenmitgliede, eine Auszeichnung, welche nur selten und nur an bedeutende Autoritäten des öffentlichen Lebens verliehen wurde. Ans diesem Anlässe fand am 31. Jänner eine festliche Versammlung des Vorstandes sammt seinen Damen statt, in welcher in feierlicher Weise dem Ausgezeichneten das von Seiner Durchlaucht dem Gesellschaftsprüsidenten Fürst Alfred Wrede gezeichnete Diplom von einer Vorstands-Delegation der Colonialgcsellschaft, an deren Spitze Schriftsteller Jaques Jäger stand, überreicht wurde. Herr Jäger feierte in schwungvoller und gehaltreicher Rede die Verdienste des Herrn Brod um den Verein, den er zu segensreichen Erfolgen führte, ferner sein Wirken als Mensch, wie als öffentlicher Vereinsfnnctionär, und gedachte des Weiteren auch des Vereines selbst, der ein Sammelpunkt und eine Hilfsstelle Aller ist, welche es gut und ehrlich mit dem Gewerbestande meinen. Jäger flocht einen historischen Rückblick auf die Entstehung der Zunft und Innungen, sowie auf die Gewerbefreiheit ein, der namentlich bei der Stelle, wo er von den mittelalterlichen Einschränkungen der Neuzeit sprach, mit lauter Zustimmung begrüßt wurde. Herr Brod dankte in ebenso vornehmer als würdiger Weise. Sowohl in seiner als in den späteren Reden erklang ein herzlicher Ton auf die Colonialgesechschaft, die wahrhaft menschenfreundlich wirkt und tausenden von russischen, polnischen und ungarischen Juden den unausweichlichen Weg nach dem fernen Westen zur Auswanderung hilfreich und uneigennützig ebnete. Als wichtiger Factor und Bindeglied zwischen der Heimat und den überseeischen Ländern hat die Gesellsckiaft bis nun schöne Resultate erzielt. Diesem Gedanken gab Vicepräsidcnt Guttmann trefflichen Ausdruck. In vorgerückter Stunde schloß das schöne und animirte Fest, welches zwei bedeutende Vereinigungen so nahe an einander brachte. Als Delegirter des vom Frauenverein im II. Bezirke errichteten „Lehrmädchrnhortcs« waren Herr kaiserl. Rath Dr. S. Kohn, ferner Bezirksausschuss Waldstein, Dr. Dunkelblau sammt deren Frauen rc. rc. erschienen. Wien. Oesterr. Fachschriftsteller-Verband. Am 30. Jänner fand im Festsaale des „Hotel Viktoria" im IV. Bezirke unter Vorsitz des Verbandspräsidcnten Adolf Lichtblau unter reichlicher Betheiligung der Mitgliedschaft die diesjährige ordentliche Generalvcrsaminlung statt. Nachdem der Verbaudspräsident die Versammlung herzlichst begrüßt und das Schreiben des Ehrenmitgliedes Fürsten Alfred Wrede, worin Se. Durchlaucht mittheilt, an der Versammlung heute nicht theilnehmen zu können, verlesen hatte, brachte erden Bericht dis Vorstandes zum Vortrage. Gleichzeitig dankte er allen Förderern und Spendern für die hochherzigen Gaben und hob besonders die Spenden für die Krankencassa, welche Se. k. u. k. Hoheit Erzherzog Eugen, Dr Auer v. Welsbach, Anton Dreher, Klein-Schwechat, kais Rath Heinrich Klinger und Frau A. von Berndt zufließen ließen, hervor. Den Cassa-Auswcis brachte Herr S. Buchbinder zum Vortrag; derselbe weist trotz der großen Opfer für die Jnstallirung der Krankenkassa einen Saldo von 667 fl. 33 kr. aus. Bei den Wahlen wurde der bisherige Präsident Adolf Lichtblau zum drittenmal auf weitere drei Jahre einhellig wieder gewählt. Zum Vice-Präsidenten an Stelle des ausgeschiedenen Herrn I. C. Pappenheim wurde Dr. Geza Winter und in den Vorstand Dr. Maximilian Stransky neu- und G. Wettendorfer und Sigmund Goldberger wiedergewählt. Zu Revisoren wurden die Herren C. Faßbcnder, Robert Reittier und Sigmund Spitz gewählt. Vor Schluss der Versammlung hielt Herr Sigmund Fried! einen geistvollen Vortrag für die Aufhebung des reactionären Zeitungsstempels, woran sich eine Discussion und eine Resolution schloß, welche einstimmig angenommen wurde. Mit Dankesworten schloß der Vorsitzende, Redacleur Lichtblau, um halb 10 Uhr die Versammlung. Wien. In der „Gesellschaft zur Couservirung jüdischer Kunstdenkmäler und Alterthümer" hielt Schriftsteller Dr. Bernh. Münz einen hoch interessanten Vortrag über das Thema: „Eine völkerpsychologische Betrachtung des Judenthums". Das Grundprincip des Judenthums, der Monismus, so führte der Redner aus, gibt auch die richtige Weltanschauung für Glauben, Gesetz und Verhalten in der menschlichen Gesellschaft. Die Auffassung der Ehe ist eine viel idealere, als bei anderen Confessionen, und ist da durchaus nicht eine Aversion zu bemerken, wie z. B. beim hl. Augustin und später bei Tolstoj. Gottesliebe involvirt zugleich die umfassendste Menschenliebe, denn in der Nachahmung des göttlichen Vorbildes liegt zugleich das Erbarmen gegen alle erschaffenen Wesen, und wie das Grundgebot der Gotteserkenntnis den ,Glauben an den Ewig-Einzigen vorschrcibt, so gebietet cs auch die Pflicht der Heiligkeit; denn „heilig ist der Ewige". Citate aus dem Talmud, wie auch aus deutschen und alten Classikern zeigten von großer Belesenheit, und der Vortragende erntete micht Recht reichen Beifall des zahlreichen erschienenen, vornehmen Auditoriums. —n. Wien. Der Ball des „Ferienheim", der am 2. Februar stattsand, bewährte auch heuer seinen alten Ruf als eine der glänzendsten und bestbcsuchtcn Veranstaltungen des Wiener Caruevals. Für das Gelingen des Festes, das hoffentlich auch ein namhaftes inaterielles Erträgnis abgeworfen hat, verdienen in erster Linie die Präsidentin, Frau Sofie Grünfeld, und ihr zunächst die Damen und Herren des Comites Dank und Anerkennung. Als besondere Ucberraschuug des nach jeder Richtung gclnugencn Ballfestes galt eine von Damen des Fräulein- Comites reizend ansgeführte „Gavotte" unter Leitung des bekannten Tanzmeisters Singer. Wien. Der humanitäre Verein „Leopoldstädter Kinderschutz" unter dein Protectorate Ihrer Excellenz, der Frau Gräfin Anastasia Kielmansegg, veranstaltet Mittwoch den 15. Februar in den Sofiensälen ein Costüme-Fest, dessen Reinerträgnis den humanitären Zwecken des Vereines zufließt.