Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 6 (10.2.1899)
- Date
- 1899-02-10
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 6 Die Wahrheit. Seite 7. That im Leben 511 verwirklichen uns bestreben. Nur auf diese Weise kann Israel den Antisemitismus bekämpfen und seines Lebens wieder froh werden. Zur Geschichte der jüdischen Tradition von Leckor I. H. Weiß. Frei aus dem Hebräischen bearbeitet von Dr. I. ßaljaw. (Fortsetzung.) Die Gegner der mündlichen Lehre werden in ihrer Meinung dnrch die Beobachtung bestärkt, dass die alten Weisen gar oft unzählige Dinge älteren Persönlichkeiten zuschrieben, nicht etwa auf Grtlnd einer Ueberlieferung, sondern aus bloßer Vermuthung oder ans einem sonstigen Grunde. Viele gesetzliche Bestimmungen werden Samuel (Ber. 31), David (Sabb. 56). Mephiboset (Ber. 4) und Jra (Grub. 63) zngeschrieben. Viele Bräuche und Gesetze, deren Ursprung unbekannt war, wurden ohne jede Ueberlieferung auf Grund vager Vermnthungen irgend einem Großen ans alter Zeit zugeschrieben. Es genügte dazu der kleinste Anhalt, dass diese oder jene Person dieses und jenes Gesetz v e r m u t h l i ch erlassen haben konnte, um den Späteren diese Vermuthung zur Gewissheit und noch später zur Ueberlieferung zu stempeln. Ein Beispiel mag dies vorläufig klar machen. Dem König Salomo wurden mehrere Verordnungen zngeschrieben. Fragen wir aber, woher man das wusste, so ist die Antwort nicht etwa, ans fortlaufender Ueberlieferung, sondern man hat in Kohelet 12,9 „er verfasste — PN — viele Sprüche" aus dem Worte „Tikken“ herausgelesen, Salomo habe Verordnungen (Takkanot) getroffen, und so schrieb man ihm wirklich Verordnungen zu, deren Ursprung man nicht mehr kannte! Manche Verordnungen hat der Autor selbst einem Aelteren zugeschrieben, und mit der Zeit glaubte man daran. Den Autor trifft aber zumeist kein Tadel, da er gar nicht die Absicht hatte, zu täuschen, seine Nachfolger haben sich selbst getäuscht. Dies ist am deutlichsten beim Buche Kohelet selbst der Fall. Es ist dem Salomo zugeschrieben, aber Sprache nud Inhalt verrathen jedem Kundigen, dass der Verfasser des Kohelet Salomo nicht ist. Der wirkliche Verfasser hat nur den weisen und reichen König für die passende Persönlichkeit gehalten, ihr seine Betrachtungen in den Mund zu legen, ebenso wie es mit dem Buche Jjob der Fall ist. Die Absicht, zu täuschen, hat dem Verfasser gewiss fern gelegen, aber die Späteren haben den Sachverhalt verkannt und so sich selbst getäuscht. Es ist aber nicht zu leugnen, dass man oft mit Willen und Absicht Dinge den Alten zuschrieb, weil man wusste, dass das Volk sie dadurch für heilig halten wird. Das sehen wir am deutlichsten bei den Capiteln 40— 66 des Propheten Jesaja. Jeder gründliche Forscher muß zugeben, dass diese Reden, welche die Gegenwart und Zukunft der Juden im babylonischen Exil zum Gegenstand haben, eben in diesem Exil verfasst und gehalten wurden. Auch das steht fest, dass diese Reden schon in ältester Zeit dem Jesaja zngeschrieben wurden. Schon Ben Sira thut es. (Cap. 48). Vielleicht geschah dies gleich bei ihrem Erscheinen. Fragen wir aber, warum dies geschah, so finden wir die Erklärung dafür bei Josephus, Alterthümer 11,1. Dort wird nämlich erzählt, die Inden hätten dem Cyrns die Reden Jesajas gezeigt, welcher schon vor zweihundert Jahren prophezeit hätte, dass Cyrus über viele Völker herrschen würde und dass Gott ihn dazu ausersehen hätte, die verbannten Judäer in ihre Heimat zu führen und den Tempel in Jerusalem wieder aufzubauen. Diese Worte hätten auf Cyrns mächtigen Einfluss geübt, und der Erfolg blieb nicht aus. — Wir sehen also, dass jene Prophezeiungen neben ihrer Bestimmung, den Juden Mnth und Hoffnung einzuflößen, noch den Zweck hatten, Cyrns beizubriugen, dass er von Gott erwählt sei, seinen Willen zu vollführen- Daher kommt in diesen Reden kein Wort vor von der Wiederherrstellung des judäischeu Staates. Wäre Jesaja ihr Verfasser, er hätte keinen Grund, dies zu verschweigen. Im Gegentheil. In den wirklichen Jefajauischen Reden bildet der Fortbestand des davidischen Reiches die Hauptsache. So wissen wir denn, aus welchem Grunde jene Reden dem Jesaja zugeschrieben wurden, und nachdem dies einmal geschehen ist, blieb dieser Glauben im Volke für immer. Jedenfalls sehen wir. dass man mit Willen und Absicht aus einem bestimmten Grunde Dinge älteren Autoren zugeschrieben hat. Auch im Talmud wird erzählt, dass sie einmal eine gesetzliche Bestimmung dem Rabbi Jose zuschrieben, weil sie wussten, das er beim Volke beliebt und seine Anordnungen Gesetzeskraft erlangten (Erubin 51»). Ebenso wird von R. Abbahu erzählt, er habe jenlandem erlaubt, seine Tochter griechisch lernen zu lassen, weil es für sie eine Zierde sei, und schrieb diese Erlaubnis seinem Lehrer R. Jochanan zu, obwohl es R. Jochanan nie gesagt hat. Einer der Weisen sagte dazu: R. Abbahu selbst wollte seine Töchter griechisch lernen lassen und habe deswegen die Erlaubnis dazu dem R. Jochanan zugeschrieben. (Jer. Pea 1,1). Ja sie erlaubten ausdrücklich, sich auf eine Autorität zu berufen, weil ja die Söhne Jacobs Joseph gegenüber sich aus den Vater beriefen, er habe befohlen (1 Moses 50,16), ohne dass er wirklich befohlen Hütte. (Jebamot 65b). Dahin gehört auch die Behauptung: Auch bei den Propheten fänden sich Aeußerungen, die an sich nicht wahr seien, sie wären aber im Sinne der Menge geschrieben. Als wenn die Propheten der Meinung wären, man dürfe um des Friedens willen die Wahrheit ändern. (Neor Enajm Cap. 6 aus dem Jeruschalmi). Es steht fest, dass Manche in dieser Freiheit zu weit giengeu und ihre eigenen Worte anderen Autoritäten zuschriebeu, um ihnen Geltung zu verschaffen, mehr als sie vielleicht verdienten. Wäre dies nicht der Fall, so hätte man keinen Grund, dieses Verfahren eindringlich zu verpönen. So heißt es Ende Calla: Wer etwas im Namen eines Anderen mit Unrecht behauptet, der gibt Anlass der S ch e ch i n a (Gottes Gegenwart), sich von Israel zurückzuziehen. Wer dagegen etwas im Namen des richtigen Autors sagt, der bringt die Erlösung der Welt (Megilla 15b). Die übertriebene Einschärfnng, nur den wahren Autor zu nennen, ist ein deutlicher Beweis, dass das Gegentheil häufig vorkam. Manchmal allerdings lag nur eine Verwechselung von Personen vor, welche denselben Namen trugen. So z. B. beim Propheten Secharja. Die Capitel 9—14 gehören offenbar nach Stil und Inhalt nicht dem Secharja an, welcher zur Zeit Darins blühte. Sie sind viel älter und gehören einem anderen Propheten desselben Namens, vielleicht ist es Secharjahn ben Jeberechjahn, welcher zur Zeit Jesajas lebte (Jes. 8.2). — Angesichts solcher Erscheinungen sind Zweifel an der Echtheit der mündlichen Lehre gewiss berechtigt. Denn dass man sie einer si n a i t i s ch e n Tradition zuschrieb, kann ja aus irgend einem Grunde geschehen sein, ohne eigentlich auf Wahrheit zu beruhe». Die Aeußerungen der talmudischen Weisen