Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 6 (10.2.1899)
- Date
- 1899-02-10
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite S. Die Wahrheit. Nr. 6. mannigfachen Anlässen freudigen Herzens gespendet wurden. Und weil das religiöse Leben sich damals der schönsten Blüthe erfreute, deshalb war das religiöse Gefühl des Israeliten befriedigt uub daher war auch seine Freude am Sabbath und an den hohen Festen eine innige, ungestörte und ungetrübte. Als aber die Morgeuröthe der sogenannten Freiheit zu dämmern und die Mauern des Ghetto zu wanken begonnen hatten, da wurde das schöne, prachtvolle Religionsgebände in seinen Grundfesten erschüttert. Die Einen glaubten, Religionsfreiheit heiße: sich frei machen von den Fesseln der Religion, während die Anderen wieder für Assiwilation schwärmten, um sich auf diese Weise die Liebe und Freundschaft der Feinde erwerben zu können. Wie einst die Hellenisten in der Makkabäerzeit, riefen auch jene aus: „Auf, lasst uns einen Bund schließen mit den Völkern ringsumher! Denn, seitdem wir uns von ihnen abgesondert haben, traf uns Unglück", (Makk. 1—11), ohne zu bedenken, dass, wie das II. Buch der Makkabärer erzählt, die Hellenisten dadurch, dass Nachäffung die Hanpttriebfeder ihrer Handlungsweise gewesen, in eine traurige Lage geriethen, indem gerade Diejenigen, deren Lebensart sie nachahmten und um deren Gunst sie sclavenmäßig buhlten, ihre größten und erbittertsten Feinde und Peiniger geworden sind. In Folge dieser Assimilatioussucht, die in den Gemeinden zumeist von begüterten und daher einflußreichen Strebern gefördert wurde, ist gar Vielen das Judenthnm lästig, eine unerträgliche Bürde geworden, daher selbstverständlich die religiöse,» Anstalten und Institutionen, die gewaltigen Stürmen der Jahrhunderte zu trotzen vermocht hatten, allmählig verkümmeru nlussten. Die Talmudschulen, die früher sich der schönsten Blüthe erfreuten, gehören bereits der Geschichte an. Wenn in irgend einem Staate eine theologische Lehranstalt, in der auch Talmud gelesen wird, in's Leben gerufen wird, so ist dies ein Ereignis. In vielen Gemeinden fühlt man umsoweniger das Bedürfnis, einen talmndisch gelehrten oder seminaristisch gebildeten Rabbiner anzustelleu, als man die Ueberzeugung gewonnen, dass solch' ein gebildeter Rabbi durchaus nicht geneigt sei, sich von irgend einem Gemeindepascha tyrannisireu zu lassen; man begnügt sich daher mit irgend einem obscuren Individuum, das sich duckt und beugt und krümmt, aus einen Wink parirt, in Ehrfurcht erstirbt, so es des gestrengen Herrn ansichtig wird, und Reverenzen zu machen vortrefflich versteht, und macht es zum Raw, mochte es auch nie im Leben eine Gemara gesehen haben, heißt es doch: assehlecho raw. Mit einem Worte, der Rabbiner wird dort als nothwendiges Uebel betrachtet, daher selbst die gelehrtesten Rabbiner eine klägliche Rolle in den Gemeinden spielen. Schon vor mehr denn drei Dezennien rief der selige Wiener Prediger Dr. Jellinek in einem Vortrage aus: „Israeliten! Ein OlliUuI ha-Sehem, eine Entwürdigung des Jndenthums ist es, wenn Ihr die Völker und deren Regierungen in der Ansicht bestärkt, dass bei Euch Jeder thun dürfe, was ihm beliebt, dass bei Euch Jeder berufen und berechtigt sei, in religiösen Angelegenheiten mitzureden, mitzurathen, mitzustimmen. Wohl trennt keine Scheidewand Priester von Laien in Israels Gemeinden; „Ihr sollt mir ein Reich von Priestern sein" (II. M., 10, 6), wird das herannahende Fest der Offenbarung uns bald zurufen, und ich habe selbst diesen wichtigen Punkt, diesen Ruhm Israels heute vor einem Jahre ausführlich besprochen; allein seit der Zerstörnng des Tempels und seit der Zerstreuung Israels anerkennen wir einen andern Unterschied, den Unterschied zwischen Talmide Chaeliainim und Ame hoorez, zwischen gelehrte», fach- und sachkundigen Männern und unwissenden, wenn auch vornehmen Leuten, welche letztere nimmer eine entscheidende Stimme haben dürfen bei religiösen, den Kern und das Wesen, die Entwickelung und die Zukunft des Judenthums betreffenden Beschlüssen, Einrichtungen und Fortbildungen. Wer mit Sicherheit im Leben eitthergehen will, dem genügen nicht blos Beine, der muß auch Äugen haben. Wer aber sind die Augen, die wachenden, prüfenden, in die Ferne schauenden Augen der Gemeinden? Die Männer des Geldes oder die Männer der Thora? Die Häupter des Handels oder die Lehrer des Judenthnnis? Die Spitzen der Industrie oder die Führer Israels? Mit einem Eifer, der einer bessern Sache werth wäre, wird in den großen israelitischen Gemeinden, nur unter dem Vorwände, keine jüdische Priesterschaft aufkommen zu lassen, in der That aber die eigene Herrschaft zu befriedigen, das Ansehen, der Einfluss und die Autorität der Lehrer in Israel unterwühlt und untergraben!" Hat aber das Judenthnm von dem Momente an, als die Kenntnis der Thora wie die Achtung vor den Trägern derselben aus Israel geschwunden ist, da draußen an Ansehen und Achtung gewonnen? Mit nichten! Wenn zwar Streber, denen es blos darum zu thun ist, in nichtjüdischen Kreisen Ehrenstellen und Ehrenämter zu ergattern, glauben, sich dadurch die Liebe und Achtung der Nichtjuden erwerben zu können, indem sie im Innern der Gemeinde Jeschurnns jede Autorität mißachten, irren sie sich gewaltig. Wie oft hört man in nichtjüdischen Kreisen in Bezug auf das Judenthnm verwnndernngsvoll ansrufen: „Was mag das für eine Confessio,, sein, die die Autorität des religiösen Oberhauptes so wenig schätzt, dass der erste beste Trödler oder Hasenbalghändler, wenn er nur wohlbegütert ist, mehr Einfluss als der Seelsorger und Functionär in der Gemeinde hat." Und wie die Institution der Thora, ebenso tief im Argen liegt die der Aboda, des Gottesdienstes, trotz der redlichen Bestrebungen der Rabbiner und Cantoren, die Andacht zu erwecken und das Auditorium für den Glauben zu begeistern. Wohl sind seit ungefähr vier Dezennien hüben wie drüben äußerst prachtvolle Gotteshäuser erbaut worden, die ihres äußern Schmuckes wegen schon geeignet sind, die Aufmerksamkeit der Nichtjuden auf sich zu leuken, daher sie mit Recht zumeist die Inschrift tragen: „Mein Hans werde ein Bethaus für alle Völker genannt." Hat aber das Judenthnm durch diese monumentalen „Tempel", die trotz ihrer bewundernswerthen Pracht nicht nur die ganze Woche hindurch, sondern auch oft am Sabbath verödet und verlassen dastehen, während die der Lust und Freude gewidmeten Häuser oft überfüllt sind, an Ansehen und Achtung gewonnen? Mit nichten! Der Judenhass ist leider heute, trotz der radicalen Reformen, die in vielen Gemeinden eingeführt, trotz der Nachahmnngssucht, von welcher viele unserer Stammesgenoffen ergriffen, trotz der vielen Vereine, die in's Leben gerufen wurden, um die Assimilation zu fördern, Schulen aufzulösen und die zarte Jugend frühzeitig schon auszuliefern, trotz der laxen Behandlung der wichtigsten und heiligen Gesetze der Thora, weit größer als zur Zeit, da Ausnahmsgesetze die Juden zu Boden drückten. Was Wunder also, dass die wahre, innige, ungetrübte Freude, die einst unsere Väter am Sabbath wie an den hohen Heften im Kreise ihrer Angehörigen empfanden, aus Israels Häusern, Familien und Gemeinden geschwunden ist. Im Innern der Gemeinden sind die Bande der Freundschaft gelockert, weil die meisten nach außen gravitiren. draußen in der großen Gesellschaft aber sieht man sie scheelsnchtig, zuweilen verächtlich an, indem mau ihnen ihre Aufdringlichkeit znm Vorwurfe macht. Soll nun die wahre, innige, ungetrübte Festfreude wieder in Israel einziehen, so müssen wir, besonders in dieser stürmisch bewegten und aufgeregten Zeit, vor Allem unsere Glaubensstärke und Glanbenstreue bekunden, unsere Kinder streng religiös erziehen, sie frühzeitig für den Glauben der Väter begeistern und ihnen diesbezüglich als Musterbilder voranlenchten. Nicht fahnenflüchtig sollen wir werden, nicht sclavenmäßig um die Gunst unserer Feinde buhlen und nicht ihre Freundschaft auf Kosten unseres Glaubens, für den unsere Väter Jahrtausende lang mit ihrem Herzblute gekämpft, zu erwerben trachten, wodurch wir nur noch mehr an Achtung verlieren würden, sondern, wie einst unsere Ahnen, dem Glauben unter allen Umständen fest und unerschütterlich treu anhänglich bleiben und die schönen, herrlichen, menschenbeglückeuden und menschenerfreuenden Lehren der Thora Hochhalten und sie durch die