Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 6 (10.2.1899)
- Date
- 1899-02-10
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 6 Die Wahrheit. Seile 5. Bei dieser Gelegenheit musste es der spaniolischen Gemeinde klar werden, wie sehr ihr Prestige darunter leidet, dass sie weder ein modernes, großes Gotteshaus mit Cantor und Chor, noch, was am meisten vermisst wird, einen modernen Rabbiner hat, welcher bei derartigen öffentlichen Anlässen das rechte Wort zur rechten Zeit ergreifen und den jüdischen Namen und die religiösen Anordnungen in den Augen der christlichen Mitbürger ehren und heben könnte. Dr. R. Vierer, Sofia. Das jüdische Gemeindeleben in vormärzlicher Zeit. Bon Dr. M. H. Friedländer. (Schluss.) Solch edlen Grundsätzen und Principien hat auch der fromme Jude in vormärzlicher Zeit gehuldigt, wenn er aber dennoch so vielen Bedrückungen und Verfolgungen ausgesetzt war, so geschah es einzig und allein aus religiösem Fanatismus. Reichen Ersatz und Entschädigung jedoch für all die Leiden, Qualen und Widerwärtigkeiten, die ihm draußen bereitet wurden, fand er am Sabbath wie an den hl. Festen in seinem Hanse, in der Familie und in der Gemeinde. Hier freute er sich innigst, gab sich ganz der Freude hin. weil die Religion es ihm gebot: „Sechs Tage sollst Du arbeiten, aber am siebenten Tag ist ein Ruhetag, dem Ewigen, Deinem Gotte zu Ehren", da sollst Du Dir Ruhe gönnen mib jeden Kummer und Schmerz, wie überhaupt jede Sorge aus Deinem Herzen bannen. Ebenso heißt es bei den Festen: Wesomachto, Du sollst Dich freuen, wehojisso ach. someach Du sollst Dich der ungetrübten Freude ganz hingeben, kein Mlßton soll Deine Festfreude stören. Und wie soll er sich freuen? Auch hierüber belehrt ihn die Religion, indem sie ihm sagt: Freue Dich mit den Deinen und die Deinen freuen sich mit Dir. Und da es außer Deinen Angehörigen noch Leute gibt, die sich freuen sollen, aber nicht können, weil ihnen die Mittel hiezu fehlen, so ist es Deine Pflicht, sie Sabbath- und Festfreude mitgenießen zu lassen. Die ganze Gemeinde bildete gleichsam eine große Familie. „Einer für Alle, Alle für Einen" war das Losungswort der damaligen Zeit. Wenn der Eine oder Andere in der Gemeinde durch Unglücksfälle seines Vermögens verlustig gelvorden, wie war man da bestrebt und bemüht, ihm hilfreich zur Seite 511 sein, damit er sich wieder aufraffe. Ja man sah sich nicht nur aus moralischen Gründen, sondern geradezu durch das biblische Gebot genöthigt, einem solch Herabgekommenen beiznstehen, weil es in der Thora heißt: „Wenn Dein Bruder neben Dir abkömmt, und seine Hand sinken lässt, so sollst Du ihn nicht noch mehr unterdrücken, damit er nicht erlebt aufzustehen, sondern unterstütze ihn kräftigst, wehechsakto bau, auf dass auch der Fremde und Geduldete bei Dir leben möge. Du sollst weder Zins noch Ueberschuss von ihm nehmen, sondern Dich vor Deinem Gotte fürchten mib Deinen Bruder neben Dir leben lassen." (HL M. 25, 35.) Ferner: „Kräftigst unterstützen sollst Du den Dürftigen und Dich es nicht verdrießen lassen, wenn Du ihm gibst, denn nur deshalb wird der Ewige, Dein Gott, Dich in allen Deinen Unternehmungen segnen." (5 M., 15, 10.) „Ist nicht das ein Fasten, das ich liebe; öffne die Schlingen der Bosheit, löse die Bande des Joches, frei entlasse Unterdrückte und jegliches Joch zerbreche! Nicht so? Brich dem Hungrigen Dein Brot, unglücklich Verfolgte bringe in's Haus, so Du einen Nackten siehst, bekleide ihn, und Deinem Fleische entziehe Dich nicht, dann wird wie Morgenröthe Dein Licht anbrechen und Deine Heilung gedeihen, und vor Dir zieht Dein Heil daher, des Ewigen Herrlichkeit schließt Deinen Zug. Dann rufst Du an, und der Ewige erhört, flehest, und er spricht: Hier bin ich." (Jes. 58. 6—9.) „Heil dem, der sich der Armen liebevoll annimmt, am Tage des Unglückes rettet ihn der Ewige." (Psal. 41, 2.) „Die Wohlthätigkeit rettet.vom Tode." (Spr. 10.) Aber nicht blos für humanitäre Zwecke, Gemillus Cbassodim, sondern auch für die religiösen Institutionen des Jndenthnms, die Thora nnd Aboda, Gotteslehre und Gottesdienst wurden bereitwilligst mit freudigem Herzen die größten Opfer gebracht. Eine jede Gemeinde, mochte sie noch so klein gewesen sein, erachtete es als ihre erste und heiligste Pflicht, dafür zu sorgen, dass in ihrer Mitte eine Stätte sich befinde, in der der Jugend frühzeitig die Pforten der religiösen Wissenschaften erschlossen werden, eine Stätte, in der die Jugend frühzeitig schon mit den Grundlehren der Thora, mit der Ethik der Religion vertrant gemacht wurde. Kein Opfer war den Gemeindemitgliedern zu groß, so es galt, die religiöse Erziehung nnd Belehrung ihrer Jugend zu fördern. Selbst der von Dorf zu Dorf mit alter und neuer Waare wandernde nnd hausierende, unter der Wucht der schweren Last ächzende und seufzende Jude, der. um sich und die Seinen nothdürftig erhalten zu können, des Winters Frost und des Sommers Sonnenglnth sich preisgeben musste, fühlte sich vor Allem verpflichtet, insofern von seiner väterlichen Fürsorge entsprechende Proben zu liefern, als er die ersten im Schweiße seines Angesichtes erworbenen Sparpfennige znm Nutzen und Frommen der Erziehung seiner Kinder verwendete. In größeren Gemeinden gab es auch Jeschiboth, talmudische Hochschulen (theologische Lehranstalten), wohin die wissbegierige Jugend zahlreich strömte, um ihren Geist zu schürfen und mit Kenntnißen zu bereichern. „Dein Hans sei ein Sammelplatz der Weisen", war der Wahlsprnch jener Zeit, jedes Haus war gleichsam ein Tempel der Wissenschaft, in welchem die Jünger der Wissenschaft wohnten und materiell unterstützt wurden. Selbst unbemittelte Gemeindemitglieder luden sich Talmudjünger zu Tische, um auch ihrerseits zu Förderung und Verbreitung der Kenntnis der Thora beitragen und somit eine gottgefällige Handlung begehen zu können. Ja, das Wort Kowaud ha-Thauroh, Verherrlichung der Thora, galt in jener Zeit nicht als eine leere, hohle Phrase. Und weil die Thora im Allgemeinen verherrlicht wurde, deshalb wurden auch die Träger derselben, die Talmide Chachamim, hochgeschätzt und verehrt. Der Seelsorger wurde nicht als ein von der Laune und Willkür einzelner herrschsüchtiger Machthaber abhängiger Cultusbeamter (oder Domestik), sondern als Nara Ösatra, Herr des Ortes, als religiöses Oberhaupt, als Lehrer, Berather nnd geistiger Vater der Gemeinde betrachtet, verehrt, verherrlicht und gefeiert. Selbst die talmudisch gebildeten Gemeindemitglieder, an denen es damals fast in keiner Gemeinde fehlte, fügten sich bereitwilligst seinen Anordnungen, beherzigten seine Anssprüche und Entscheidungen und lauschten mit gespanntester Aufmerksamkeit seinen Vorträgen. Allerdings muß bemerkt werden, dass der Seelsorger der damaligen Zeit nicht nur durch gründliche talmudische Gelehrsamkeit, gediegene Fachkenntniße, umfangreiches Wissen und wahrhafte ungeheuchelte Frömmigkeit, sondern auch durch Charakterfestigkeit, Biedersinn, Seelenadel, Herzensgüte und Uneigennützigkeit sich auszeichnen musste. Halbwissende Charlatane, wie überhaupt unwürdige Snbjecte, wären, wenn sie es gewagt hätten, auf einen Rabbinerposten zu reflectiren, selbst von der kleinsten Gemeinde mit Entrüstung abgewiesen worden, weil man, und nicht mit Unrecht, der Befürchtung Raum geben zu müssen glaubte, dass die Gemeinde durch solche Snbjecte in ein schiefes Licht gesetzt werden könnte. „Nicht der Ort ist es, der den Mann verherrlicht nnd seinen Ruf verbreitet, sondern der Mann, wenn er eine hervorragende, verdienstvolle, achtunggebietende Persönlichkeit ist, ziert und schmückt, ehrt und verherrlicht den Ort seines Aufenthaltes, die Stätte seiner Wirksamkeit", sagen unsere Weisen. (Taanit 21.) Und wie für die Thora, ebenso wurden für Aboda, den Gottesdienst, bereitwilligst die größten Opfer gebracht. Wenn auch die alten Gotteshäuser äußerlich nicht durch Kuppeln und Thürme prangten, bargen sie doch im Innern große. Schätze an Gold und Silber, die von würdigen Männern und wahrhaft frommen Frauen bei verschiedenen Gelegenheiten und aus