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Die Wahrheit · 1899-02-10 · Heft 6 (10.2.1899) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 6 (10.2.1899)
Date
1899-02-10
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Die Wahrheit.?Wr. 6 Schulen Trenuungsmauern zwischen den Schulkindern verschiedener Confessionen aufführen zu wollen. Die Schulbank soll vielmehr als Symbol dafür dienen, dass nebeneinander der Platz angewiesen ist für den Einen, wie für den Anderen in der Schule wie im Leben. Und abgesehen davon, fordern schon Gesetz und Recht, die uns gewährleistet sind, zum heftigen Kampfe gegen ein solches Beginnen heraus; man hat nicht so viele Rechte, um sie leichterdings preis geben zu dürfen. Wem das erworbene Recht nicht ein Heiligthnm ist, das er mit aller Kraft gegen jeden Angriff zu vertheidigen bereit ist, der hat es nur sich zuzuschreiben, wenn er ein Parias in der menschlichen Gesellschaft wird. _ Aus Rumänien und Bulgarien. „Es zwitschern die Jungen, wie die Alten jungen." Dieser aus der Natur geschöpfte Erfahrungssatz begnügt sich nicht blos damit, bei dem Federvieh Recht zu behalten, sondern er greift auch in kühnster Weise auf die Kinder besinn äs sisols über. Zwei junge Staatengebilde, welche selbst erst vor Kurzem den gelben Fleck der Sclaverei ablegten, zwei Staatengebilde, die mau der muselmännischen Herrschaft entrissen hat, um sie der so hochgepriesenen europäischen Culturwclt anzugliedern, haben die Voraussetzungen ihres Werdeproceffcs nicht gerechtfertigt; das erste und ältere gar nicht, das zweite und jüngste in manchen Stücken nur wenig. Wir meinen Rumänien und Bulgarien. Längst sind wir von der Richtigkeit der Ansicht überzeugt, dass der Maßslab der Civilisation eines Volkes mit der Behandlung, welche das jüdische Volk unter ihm genießt, in geradem Verhältniße steht. Ru—mania hat es verstanden und versteht es mit jedem Tage besser, die ihr gewährte Freiheit auszunützen und die Hoffnung auf ihre culturmissionelle Arbeit missbräuchlich zu täuschen. Diese Ru—mania würde ihre Juden am liebsten statt, pharaonisch in den Nil, so rasch als möglich in die Dauubia werfen, wobei sie selbst dem Weiblichen das gleiche Geschick bereiten möchte- In Bulgarien ist freilich den Juden ein besseres Loos beschieden, allein seit einigen Jahren umschleicht der Antisemitismus auch dieses Land. Man kann in diesem Ländchen weder das agricole Landvolk, noch die oft gutmüthige rurale Geistlichkeit dafür verantwortlich machen, vielmehr glauben wir, nicht fehl zu gehen, wenn wir in jedem heimkehrenden Cylinderhut eine Brutstätte des bacillus antisemiticus erblicken. Geradezu verblüffend ist der alljährliche Zuwachs von solchen aus den europäischen Culturstätten heimkehrenden Söhnen Bulgariens. Diese Clique mag es vielleicht auf die Grenzsperre gegen jüdische Einwanderer aus Rumänien und Repressivmaßregeln gegen bulgarische Juden abgesehen haben. Unser Forschen nach den Ursachen der Missliebigkeit der Juden aus Rumänien hat mich auf keine Spur geführt, und ich fand keinerlei rumänischjüdische Glücksritter, denen es in gleichem Maße, wie den Zingaren Macedoniern und Anderen gelungen wäre, in kurzer Zeit zu Geld zu kommen. Auch den russischen Juden blüht hier kein Weizen mehr, die wenigen Aerzte und Ingenieure dürften bald aus ihren Stellungen verdrängt sein, und es bleibt dann noch ein schäbiger Rest von Getauften, die wir sehr bequem entbehren können. Die jüdischen Unterthanen anderer Staaten können sich in Bulgarien nicht über Draconismus beklagen, allein wenn das Regime Stoilow mit seinen geheimen und offenen Antisemiten noch fürderhin am grünen Tisch gesessen wäre, dann hätte mau bald einen Gesetzentwurf vor der Sobranie erlebt, dem zufolge „Fremden" der Uebertritt der bulgarischen Grenze nur gegen vorhergängigen Beschluss der bulgarischen Regierungsmänner zugelassen wäre. Mein Gewährsmann verschwätzte sich ein wenig uub gab zu verstehen, dass man unr solchen Fremden den Eintritt gewähren wird, welche einer besonderen Spccialität wegen für Bulgarien noch einen Nachfrageartikel bilden würden. Woher haben unsere gelbschnabligen Culturiudividualitäteu diese stillnnd sicher wirkende Judenverfolgung gelernt? Nicht etwa bei den großen Nachbaren. Das alte Russland geht ja und ging mit dem empörendsten Beispiele voran. Russland vertrieb und verscheuchte seine Juden in alle Ecken nnd Enden der Welt und stellte selbst den zuwandernden reichen Inden Einwanderungsverchote entgegen. In Oesterreich-Ungarn bildeten die Parlamentsantisemiten die Aufpasser gegen die Invasion von Juden, und so ging es der Reihe nach durch fast alle Staaten Europas und Amerikas. An jedem solchen Schlagbalken schreibt die unsichtbare Hand der Antisemiten-Polizei ein Mene Tekel hin. — Weshalb soll dieses Mene Tekel nicht auch ins Bulgarische übersetzt werden? Da wir von Bulgarien sprechen, dürfen wir die wohlbekannte Thatsache mit einer kleinen Ergänzung mittheilen, dass nach dem Ministerium Stoilow ein Ministerium Grekow- Radislawow von judensreundlichcm Charakter ans Ruder gelangt ist. Wir wollen sehen, wie weit sich die Hoffnung realifiren wird, welche ein großer Theil der hiesigen Jndenschast ans dieses Ministerium setzt. Wir werden dann registriren, ob die Beamtencarriere auch für jüdische Bürger Bulgariens zugänglich gemacht wird, ob ferner die jüdische Religion dieselbe Berücksichtigung! im Unterrichtswesen erfahren wird, wie die bulgarische. Die fromme und gütige Fürstin von Bnlgariell hat ihre Augen zur ewigen Ruhe geschlossen. Es ist hier nicht der Ort, all' die weisen Maßnahmen zu erwähnen, welche diese fromme katholische Fürstin für ihre bulgarisch-orthodoxen Unterthaninnen getroffen hat, um dieselben zu guten Hausfrauen zu erziehen. Für die jüdischen Gemeinden hatte die hohe Frau kaum Gelegenheit, ein Gleiches zu thuu, hingegen mag es hervorgehoben werden, dass sie der Erbauung der deutsch-israelitischen Synagoge zu Hilfe kam, indem sie ans ihrem Familienschatze den ersten Treffer für die aus diesem Anlässe veranstaltete Wohlthätigkeits- Lotterie spendete und dadurch die Spiellust anregte. Auf diese Weise hat sie der genannten Aschkenasimgemeinde einen großen Theil der Schuldenlast abgenommen. Es braucht erst nicht hinzugefügt werden, dass die jüdischen Gemeinden Trauerandachten im ganzen Lande abhielten und sich corporativ an dem am Mittwoch stattfindendcu Leichenbegängniße betheiligeu werden. Folgende jüdische Corporationen aus Sofia sind bisher angemeldet: Der Vorstand der spaniolischen Gemeinde mit ihren Chachamim in der Amtstracht — und der Stellvertreter des 6-ranä rabbi — mit Vorantragung eines prachtvollen Kranzes; die Aschkenasimgemeinde, gleichfalls mit einem Kranze, dessen Schleifen eine hebräische Widmung tragen; ferner der Verein „Zion" mit dem Davidschilde in Blumen und der deutsch-israelitische Frauenvereiu. Von Seite der Spaniolen dürsten sich noch manche andere Vereine mit ihren Spenden betheiligen.

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