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Die Wahrheit · 1899-02-02 · Heft 5 (2.2.1899) · page 13

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 5 (2.2.1899)
Date
1899-02-02
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Oestrrr.-mrgar. Cantoren-Zritung. Beilage zur Zeitschrift „Die Wahrheit". Nr. 5. >S. Jahrg. Ueber die ^rage traditioneller Synagogenmusik. Von Hermann Zipi, Cantor der Synagogengemcinde Elberfeld. In den gesammelten Schriften über Musik und Musiker von Robert Schumann meint Ensebius, der Davidsbündler, die Musik sei die am spätesten ausgebildete Kunst; ihre Anfänge seien die einfachen Zustände der Freude und des Schmerzes gewesen. Demnach ist der Ursprung der Musik auf den im Menschen herrschenden Trieb znrückzuführen, seiner Stimmung und Empfindung in Tönen Ausdruck zu geben. Es wäre daher ein ganz vergebliches Beniühen, zu untersuchen, wo die Musik zuerst entstanden ist; sie ist nirgends zuerst entstanden, sondern sie existirt als ein ganz natürliches Product der Culturentwicklung jedes Volkes und des gegenseitigen Einstusses der verschiedenen Völker. Am Anfänge des Menschengeschlechtes, im Zeitalter der Sinnlichkeit, können die musikalischen Ausdrücke nur roher Natur gewesen sein, kaum mehr als ein monotones Brummen und Summen. Mit der wachsenden Cultur wuchs auch die Sorgfalt, welche man der Sprache und den sie begleitenden Accenten entgegenbrachte, und so machte sich im jüdischen Alterthum der selbständige Ton als S p r a ch a c c e n t geltend, um den Parallelismus der Glieder der hebräischen Poesie herausbilden zu helfen. Kein Volk der vorchristlichen Welt ist über diesen Standpunkt hinausgekommen; alle operiren nur mit dem Klange, und wo sie darüber hinausgehen, geschieht es meist nur, um den Ton zum Gegenstände verständiger Speculation zu machen. Was nun Höhe und Charakter des Tones jener Zeiten sowie den Umstand betrifft, dass uns in keiner Weise Berechnungen oder Anhaltspunkte für dieselben überliefert worden sind, so erscheint es nur natürlich, dass jeder Begriff über die Musik des vorchristlichen Zeitalters für uns so gut wie verloren ist. Wir sehen ferner an der Geschichte der Völker, dass sich mit der Veränderung der Bildungsstufe auch die Wort- und die Tonsprache verändern. Wir selbst nehmen innerhalb dieser Bildungsstufen einen gewissen Standpunkt ein, von dem aus wir als ein Produkt unzähliger Generationen, ansgestattet mit einem modernen Gehörorganismus, mit einer entsprechenden physischen und psychischen Beschaffenheit und Veranlagung. Musik in uns aufzunehmen, nie und nimmermehr in der Lage sein würden, die Sphäre eines musikalischen Schaffens zu begreifen, das Jahrtausende hinter uns liegt. Dazu müssten wir Epigonen an der Neige des zweiten Milleniums gewöhnlicher Zeitrechnung unser ganzes Wesen, unsere ganze Gewohnheit zu hören, zu fühlen und zu verstehen, um so viel Bildungsstufen zurückschrauben, als sich innerhalb dreier Jahrtausende solche an der Menschheit vollzogen haben. Seien wir darum nicht engherzig — und wir sind es, indem wir uns in musikalischer Beziehung isoliren und immer von Neuem wieder von einer traditionell jüdischen Musik sprechen — sondern bekennen wir frank und frei, dass wir Juden das wunderbare Wachsthum der jüdischen Musik selbst erlebt und verfolgt haben, dass auch wir theilgenommen haben an den musikalischen Errungenschaften der Jahrhunderte, die uns in einer deutlich geordneten Notenschrift heute klar vor Augen liegen. Und hierin basiert meines Erachtens nicht der geringste aller Beweisgründe für die Richtigkeit des negirendeu Resultates, .denn dasjenige Volk, welches keine Noten.schrift aufzuweisen hat, kann auch seine Musik nicht erhalten haben. Diese Thatsache ist für die Musik im jüdischen Alterthum charakteristisch und bestimmend und sie allein würde schon beweisen, dass wir jüdisch-traditionelle Melodien aus der vorchristlichen Zeit nicht besitzen. Das Zeitalter des Christenthums erst, und namentlich dasjenige der Notenschrift machte den Ton zum Mittel, in welchem das erregte Innere sich rückhaltslos äußert und in plastischen Tonformen darftellt; es machte den Ton zum künstlerischen Darstellungsmaterial und formte aus ihm das musikalische Kunstwerk. Jüdische ^ynagogenmelodien. Sehr geehrter Herr Redacteur! Auf Seite 49 meiner Schrift: „Sind originale Synagogenmtb Volks-Melodien bei den Juden geschichtlich nachweisbar?" sage ich : „Es ist nicht schwer zu erkennen, dass die Coloraturen und Läufe gewisser Nigunim Geigenfiguren sind. Ganz überzeugend für diese Herkunft mag die Beobachtung dienen, dass man Kenrker der Synagogenmusik beim Coucert einer Zigeunercapelle häufig ausrufen hört: Das „klingt ja wie ein Nigun!" Diese Wahrnehmung soll, wie Herr Obercantor Kirschner in dem Vortrage behauptet, den er in München gehalten und den Sie in Ihrer geschätzten Zeitung abgedruckt haben, „für mich der kräftigste unerschütterlichste Beweis dafür sein, dass alle unsere Synagogengesänge von Zigeunern abstammen, und dass sie flavischen Ursprungs sind, weil sie nach meiner falschen Ansicht alle einen Mollcharacter 4 tragen." Diese mir untergeschobene Beweisführung wäre so thöricht, wie sie thörichter nicht mehr gedacht werden kann. Niemand wird sie mir zutraueu, der meine litterarische Thätigkeit kennt. Ich habe in meiner Schrift behauptet und durch Zusammenstellung jüdischer Melodien mit solchen flavischen, orientalischen und deutschen Ursprunges, die denselben Character tragen, den Beweis geführt, dass die Gesänge der Juden unter dem Einfluß der Musik der Völker, unter denen sie gelebt, entstanden sind. Diesen Beweis unterstützte ich durch die Aussprüche der hervorragendsten jüdischen und christlichen Gelehrten. Der meine Beweisführung schädigende Jrrthum des Herrn Obercantors Kirschner ist mir aber der „kräftigste und unerschütterlichste Beweis" dafür, dass der Herr von meiner Schrift nur oberflächlich Kenntnis genommen, oder sie gänzlich missverstanden hat. Wer sich über meine Beweisführung Klarheit verschaffen will, der sehe sich mein Büchlein an, es ist bei Breitkopf u. Härtel in Leipzig erschienen. Berlin, 28. Jänner 1899. Prefeffor Emil Breslaur.

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