Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 5 (2.2.1899)
- Date
- 1899-02-02
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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getreten. Der geistreiche Schriftsteller macht beim ersten Anblick den Eindruck eines Greises. Das dünne Haupthaar ist schneeweiß, und schneeweiß ist der wallende Bart, den sein bleiches Gesicht umrahmt. Aber die elegante, schlanke Gestalt, die blitzenden Augen und die energischen Geberden verkünden sofort, dass vor uns ein Mann von ungebrochener Thatkraft und jugendlichem Temperament steht. Der Redner formulirte zunächst die Aufgabe des Zionismus, der danach strebe, den Inden, die sich nicht assimiliren wollen, oder denen die Assimilirung erschwert werde, eine Heimstätte in Palästina anzuweisen, wo sie sich in individueller, nationaler und cultureller Beziehung voll ausleben können. Die größten Gegner stnde der Zionismus im Jndenthum selbst. Es seien in erster Linie die jüdischen Finanzgrößen, die Millionäre. Die Zionisten hätten gehofft, bei diesen Millionären eine materielle Förderung ihres Zweckes zu finden, seien aber bitter enttäuscht worden. Er suchte nachzuweisen, dass es eine trügerische Illusion sei, wenn diese Finanzgrößen glauben, dass die antisemitische Bewegung, deren Folgen sie allerdings jetzt noch nicht spüren, vor ihren Palästen Halt machen werde. Es gab einstmals in Spanien auch jüdische Finanzaristokraten, die in Marmorpalästen residirten — heutzutage hungern ihre Nachkommen als jüdische Bettler in Rumänien. Dieses Schicksal drohe auch den modernen jüdischen Millionären, wenn sie in ihrer feindseligen Stellung gegenüber dem Zionismus verharren sollten, der übrigens, so schwer ihm dies auch fällt, nicht davor zurückschrecken werde, die für seine Aufgabe erforderlichen Geldmittel durch Anleihen bei Christen sich zu verschaffen. Nachdem Dr. Nordau auf diese Weise den jüdischen Finanzgrößen die Hölle heiß gemacht, begann er die Schale seines Zornes auf die Rabbiner auszugießeu, die sich erdreisten, gegen die zionistische Bewegung zu protestiren. Am gelindesten verfuhr der Redner mit den Gegnern des Zionismus im jüdischen Proletariat. Falls die jüdischen Proletarier der zionistischen Bewegung sich nicht anschlössen, daun allerdings wäre die Propaganda der Zionisten mit Unfruchtbarkeit geschlagen, da sie ja hauptsächlich dem jüdischen Proletariat Erlösung bringen wollen. Der Redner bemühte sich nun, den Nachweis zu erbringen, dass die jüdischen Proletarier gerade als Sozialisten den Zionismus freudig begrüßen müssten. Das nationale Judenthnm, wie es dem Zionismus vorschwebe, stimme in seinen sittlichen und sozialen Grundzielen vollständig mit dem Sozialismus überein. Das erkläre auch die Thatsache, warum die wissenschaftlichen Begründer und die hervorragendsten Führer des Sozialismus Juden seien. Ein gewichtiger Umstand jedoch dürfe nicht übersehen werden. Der Sozialisnms strebe zwar eine internationale Verbrüderung des Proletariats an, aber die nationalen Unterschiede könne er doch nicht tilgen. Früher oder später werde daher auch im Sozialismus das Rassengesühl emportauchen, und die jüdischen Proletarier werden plötzlich die Entdeckung machen, dass der Antisemitismus eine Giftblüthe sei. die auch auf dem sozialistischen Boden kräftig gedeihe. Derartige traurige Erfahrungen hätten die Juden oft gemacht. Die Reformation, deren geistige Führer bei den Rabbinern hebräisch studirten, habe die Lage der Juden keineswegs verbessert, wie man gehofft. Der Protestantismus war im Gegentheil ein viel grimmigerer Feind des Judenthums, als die katholische Kirche. Nicht minder trügerisch waren die Hoffnungen, welche die Juden ans die große französische Revolution und später auf die Freiheitsbewegung des Jahres 1848 gesetzt hatten. Auch der moderne Liberalismus suche das Judenthum abzuschütteln, wenngleich dies in heimlicher Weise geschehe. Aber die immer mächtiger anschwellende antisemitische Bewegung werde auch den Liberalismus zwingen, den Rassenstandpunkt nachdrücklich hervorzuheben. Angesichts dieser Thatsachen gebe es für die Juden nur ein Rettungsmittel : die nationale und staatliche Wiedergeburt .in dem Lande ihrer Ahnen. Wien. Am 28. d. M. fand im Saale des Hotel äs France, am Schottenring, der erste der 3 Comiläabende mit Vorträgen und Tanz statt, welche dem großen Festabend des „Josefstädter Frauen-Wohlthätigkeits- Vereines" am 25. Februar im Cursalon (Stadtpark) vorangehen. Ein voller Saal von Gästen den besten Gesellschaftskreisen unserer Stadt angehörig, ein großer Kranz von reizenden und schönen Damen, das war Signatur des in allen seinen Theilen gelungenen Abends. Herr Victor Klatscher, der Obmann des Comitss richtete in seiner Ansprache einen warmen Apell, vornehmlich an die anwesenden Damen, stets eingedenk zu sein des schönen Zweckes, welchem das Erträgnis dieses Festabends zukommen soll. Er bittet dieselben, unabläffig und überall für das neugegründete „Reconvalescentenheim für arme Frauen und Kinder'^ zu wirken. Nachdem noch die Präsidentin, Frau Amalie Beck, in gleichem Sinne gesprochen, folgten die Vorträge: Fräulein Malvine Bauer entzückte die Zuhörer mit dem Vortrage einiger mit Anmuth und künstlerischer Vollendung gebrachten Declamativnen. Vielen Beifall fand die preisgekrönte Clavier-Virtuosin Fräulein Selma Leibowitz für ihre brillant vorgetragenen Concertnummern: „Die Rapsodie" von List und „Ln courant^ von Godrad Herr Altmann brachte mehrere Couplets zum Vortrage. Ein Tanzkränzchen, bis lange nach der Mitternachtsstunde während, beschloss den in jeder Beziehung gelungenen Abend. Wien. Der Unterstützungs-Verein „Tomech E’wjonim“, welcher sich zur Aufgabe macht, arme Durchreisende an Sabbaten und Festtagen zu verköstigen, ferner aus den Spitälern entlassene israel. Recouvalescenten, wie auch verschämte Arme zu unterstützen, hielt am vorigen Samstag Abends in den Räumen des Bet.-Hammidrasch Ez Chajim die Generalversammlung ab, die recht gut besucht war. Professor Simon Hoffmann, der sich besonders Mühe gibt, dem Vereine Mitglieder zuzuführen, begrüßte die Erschienenen und ersuchte um ausgiebige Propaganda zu Gunsten des edlen Zweckes. Nach dem vorliegendem Jahresberichte beliefen sich die Ausgaben auf fl. 1613. Budapest, 29. Jänner. Der ungarische, israelitische Handwerks- und Ackerbauverein hielt gestern unter dem Präsidium des Reichstags-Abgeordneten Dr. Armin Neumann eine Ausschusssitzung. Präsident meldete, dass der Großindustrielle Eduard Neumann aus Arad mit einer Stiftung von fl. 100 dem Vereine als gründendes Mitglied beigetreten ist. Dem Lehrlingsheim sind in der jüngsten Zeit an Naturalienspenden zugekommen: von den Firmen H. n. M. Rechtnitz, Hedrich u. Strauß, Alex. Schmidt u. Sohn Kolonialwaren, von der Pester Walzmühleu A.-G., Victoria-, Louisen- und Concordia-Mühle Mehlspenden. Auf Vorschlag der Schulsection wurden mehreren Zöglingen des Wintercurses für Baugewerbetreibende und der staatlichen Gewerbelvinterschnle, so auch einem Zöglinge der Keßthelyer landwirthschastlichen Schule Stipendien votirt. Der Gesammtverdienst der im Lehrlingsheim untergebrachten Handwerkszöglinge betrug im abgelaufenen Jahre fl. 1436, von welchen nach Abzug eines Theiles der Verpflegskosten der Betrag von fl. 472 zu Gunsten der betreffenden Zöglinge als Spareinlage angelegt wurde. Der unter dem Patronate des Handwerksvereines in Constitnirung begriffene Gesellenverein zählte im abgelaufenen Jahre 90 Mitglieder, die aus ihren Wocheneinzahlungeu 210 fl. zur Anschaffung einer Bibliothek und eines Harmoniums verwendeten. Zur Uebernahme des Präsidiums dieses neugegründete« Gesellenvereines wurde der Großindustrielle Marcel Neuschloß ersucht. — Zur Gedächtnisfeier weiland Leopold Leitersdorser's, des ersten Gründers des Lehrlingsheim, wurde eine Deputation entsendet. Berlin. Am 19. Januar fand in den Räumen der israel. Haushaltungs- und Kochschule Gormannstr. 3, nach vollendetem ersten Cursus eine Ausstellung der Schülerinarbeitcn statt. Auf dem Gebiete der Kochkunst und der weiblichen Handarbeiten wurde von den Schülerinnen Außerordentliches geleistet, was von den zahlreichen Besuchern auch anerkennend bemerkt wurde. Die Theilnahme für diese Institution, welche eine Zweiganstalt des israel. Heimathhauses ist, zeigte sich lebhaft in den verschiedensten Gesellschaftskreisen Berlins. So bemerkten wir Ihre Durchlaucht Prinzessin zu Hohenlohe, Tochter des Reichkanzlers, in Begleitung der Frau Oberst v. Knesebeck, Frau Provinzial-Steuer-Director, Geh. Rätin v. Schmidts Frau Gräfin v. Zedlitz, Frau Baronin v. Puttkammer und mehrere andere hohe Persönlichkeiten. Die ausgestellten Speisen sind ohne. Ausnahme am selben Tage von den Besuchern käuflich erworben worden.