Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 5 (2.2.1899)
- Date
- 1899-02-02
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 5. Die Wahrheit Seite 11. beschloß, denselben zu Protocoll zn geben, die Todesnachricht mittelst Parte zu veröffentlichen, sich an dem Leichenbegängniße in corpore zu betheiligen und an die Witwe des Verewigten ein herzliches Beileidsschreiben im Namen des Vorstandes zu richten. Nachdem diese Beschlüsse mit Einhelligkeit gefasst worden waren, wurde die Sitzung geschlossen. BosKvivitz. (Cultuswahlen.) Bei den kürzlich stattgehabten Cultuswahlen wurden die Herren Albert Busch, Emil Ungar, Daniel Eisler, Dr. Sigmund Weiß, Georg Ticho, Moritz Knöpfelmacher, Israel Werner, Samuel Baron, Bernhard Munk, Bernhard Häusler, Jacob Eisler und Adolf Zeißel zu Ausschussmänueru gewählt. Prafl. (Wiederaufbau der Neusynagoge.) Vor Jahresfrist ist die altchrwürdige Nensynagoge in Prag der Assanirung zum Opfer gefallen. Um die Gemeinde zusammen zn halten, hat sich der Vorstand veranlasst gesehen, ein Provisorium zu errichten, das sich aber in kürzester Zeit als unzulänglich erwiesen hat. Es war nun das ernste Streben vorhanden, einen geeigneten Platz zum Neubau eines Tempels ausfindig zu machen. Dem Vorstande ist es gelungen, auf der oberen Neustadt in der Jerusalemsgasse eine vorzüglich geeignete Baustelle anzuwerben, und wird in allernächster Zeit mit dem Baue begonnen werden. Möge der Allvater sein Gelingen und seinen Segen dazu geben! Hamburg, den 22. Jänner 1899. Im Verein für jüdische'Geschichte und Litteratur sprach kürzlich Herr Professor Dr. Tachan ans Wolfenbüttel über „Jüdisches Unterrichtswesen im Mittelalter". Der Redner behandelte hauptsächlich das Unterrichtswesen der Juden in Deutschland und Frankreich in der Zeit vom 8. bis 14. Jahrhundert, im Anschluss an die grundlegenden Forschungen Güdemann's über die Geschichte des jüdischen Erziehnngswesens. Er hob hervor, dass im Gegensatz zu den damaligen Christen, die nur für künftige Geistliche einen ständigen Unterricht für erforderlich hielten, die Schulbildung bei den Juden allgemein verbreitet gewesen sei. Den jüdischen Gemeinden galt es als Grundsatz, dass die Errichtung von Schulen noch wichtiger sei als die Begründung von Synagogen. Die Aufnahme der etwa 5jährigen Knaben geschah mit besonderer Feierlichkeit, und manche Lockmittel, die hierbei angewendet wurden, sollten dem Kinde von vornherein Freude am Unterricht bereiten. In der Schule selbst wurden dann allerdings sehr strenge Anforderungen an das Kind gestellt. Die Unterrichtszeit nahm den größten Theil des Tages in Anspruch und war im Winter nur dadurch beschränkt, dass man das theure Beleuchtungsmaterial möglichst zn sparen suchte. Nach erlangter Gewandtheit im Hebräisch-Lesen, die von jedem Kinde als unerlässlich gefordert wurde, ging man zum Uebersetzen in die Landessprache über. Es wurde damals reines Deutsch verlangt. Der jüdisch-deutsche Jargon hat sich erst seit dem 18. Jahrhundert durch die Rückwanderung der Juden aus Polen eingebürgert. Die Fähigkeit, den Wochenabschnilt auch in der Landessprache lesen zu können, wurde als nothwendiges Ziel betrachtet. Nachher wurde mehrere Jahre lang der Talmud-Unterricht betrieben, und der Schüler darauf hingeleitet, den Zusammenhang einer talmudischen Disputation zu erfassen. Mit vollendetem 13. Jahre war die Schulbildung abgeschlossen, und der Knabe befähigt, sich weiter zu bilden. In einer nordfranzösischen Schulordnung aus dem 13. Jahrhundert finden sich interessante Bestimmungen über die Grundsätze des Schulbetriebes. 25 Schüler werden darin als die höchste Zahl derer angegeben, die zusammen unterrichtet werden sollen. Berücksichtigung der Individualität der einzelnen Knaben, Entfernung der zu schwach Begabten, regelmäßige Wiederholungen und Prüfungen werden gefordert. Wie hoch die jüdische .Bildung von vorurtheilslosen Christen geschätzt wurde, zeigt ein Erlass des Bischofs von Speyer von 1084, der die Juden eines benachbarten Dorfes ausdrücklich nur deshalb in seine Stadt aufnimmt, um durch ihre Bildung den Glanz der Stadt zu erhöhen. Zu jener Zeit war der Großhandel vorwiegend in den Händen der Juden, die ihre Handelsresten bis nach Egypten, Rußland und Griechenland ausdehnten. Erst gegen Ende des Mittelalters wurden die Jltden von den inzwischen eingetretenenVerfolgnngen vom Großhandel abgedrängt, nur der Kleinhandel, der „Schacher" bleibt ihnen überlassen. Diese Umwandlung übt auch Einfluss auf das Unterrichtswesen. Es wird seitdem mehr auf Aeußerlichkeiten als auf gründliches Wissen gesehen. Neues in geistiprühender Form vorzubringen, möglichst ausgeklügelte „Wörtchen" zn sagen, wird das Hauptziel des Unterrichtes. Noch bis zn Anfang nnseres Jahrhunderts hat diese schlechte Einwirkung der gedrückten äußeren Lage auf die Geistesbildung und den Unterrichtsbetrieb sich geltend gemacht. Der Redner erntete fiir seine hochinteressanten, durch häufige Ausblicke auf die pädagogischen Einrichtungen der Jetztzeit belebten Ausführungen vielen Bestall. A. F. Berlin. Im deutschen Reichstage fand letzten Samstag die erste Berathung des Gesetzentwurfs betreffend die Synagogenverhältniße in Frankfurt am Main statt. Abg. Caheusly (Ctr.) bittet das Haus, der Vorlage znzustimmen, die bestimmt sei, eine Lücke in den Rechtsverhältnißen der israelitischen Gemeinde auszufüllen. Er beantragt, sofort hier die zweite Lesung im Plenum vorzunehmen. Abg. Saenger (Hosp. d. fr. Vp.) schließt sich diesem Wunsche an. Die Erweiterung der Steuerpflicht sei nothwendig, um die Gehälter der jüdischen Lehrer an den Religionsschulen erhöhen zu können. Abg. Rickert (fr. Vg.) ersucht das Hans, die Frist von drei Monaten, innerhalb deren die Anmeldung zur Gemeinde erfolgen muß, nicht etwa auf sechs Monate anszndehnen, wie Herr Caheusly in Aussicht genommen. Ein Regierungscommissär erklärt, die Vorlage fei von den beiden betheiligten Gemeinden gebilligt, sie entspreche den beiderseitigen Wünschen, eine Aenderung durch das Haus empfehle sich nicht. Abg. Dr. Lieber (Ctr.): Ich weiche von meinem verehrten Freunde Cahensly ab. Wir tragen stets Bedenken, die staatliche Gesetzgebung in die inneren Verhältniße der religiösen Körperschaften zu ingeriren, hinsichtlich deren alle Betheiligten einig sind. Das Bestenernngsrecht mag man verleihen, seine Ausführung, alles Weitere aber der Körperschaft selbst überlassen. Wir haben erklärt, wir mischen uns nicht in die inneren Angelegenheiten der Evangelischen, und was diesen recht ist, ist den Israeliten billig. Wir werden nur für unveränderte Annahme stimmen, Zusätze ablehnen. Abg. Dr. Göschen (natl.): Der Gesetzentwurf ist verbesserungfäshig. aber nicht bedürftig. Wir werden deshalb für den Entwurf in erster und sofort auch in zweiter Lesung, die hoffentlich beliebt wird, eintreten. Hinweisen möchte ich bei der Gelegenheit auf die Nothwendigkeit einer ähnlichen Regelung der Verhältniße der evangelischen und der reformirten Gemeinden in Frankfurt a. M. Dürfen wir darauf rechnen? Abg. Cahensly (Ctr.): Mein Antrag entsprach einem Wunsche der orthodoxen jüdischen Gemeinde in Frankfurt. Findet er keinen Anklang, habe ich natürlich keinen Anlass, bei der zweiten Lesung den Antrag zu stellen. Finanzminister Dr. Miguel sagt dem Abg. Göschen die Erfüllung seines Wunsches zu. Damit ist die Berathung beendigt. Die zweite Lesung der Vorträge wird im Plenum stattfiuden. Vereins-Bote. Wien. Sonntag, den 5. Februar 1899, um halb 5 Uhr nachmittags findet im Sitzungssaale der israelitischen Cultusgemeinde, I. Bez., Seitenstettengasse, die dritte ordentliche General-Versammlung des „Leopoldstädter Frauen-Wohlthätigkeits-Vereines", mit folgender Tagesordnung statt: 1. Rechenschaftsbericht, 2. Cassabericht, 3. Bericht der Cassa- Revisoren, 4. Neuwahlen, 5. Anträge. Anträge sind längstens 3 Tage vor der General-Versammlung bei der Präsidentin, Frau Bertha Kohn. II. Bez., Stefaniestraße 2, einzubringen. Wien. Mittwoch, den 25. Jänner ist einer der hervorragendsten Vertreter des „Zionismus", Dr. Max N o r d a u aus Paris, mit einem Bortrage: „Strömungen im Judenthum" als Propagandist für die zionistische Bewegung in Wien auf-