Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 5 (2.2.1899)
- Date
- 1899-02-02
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 10. Die Wahrheit. Nr. 5. und unter geregelten Umständen abgefasst worden. Ebenso hatte, man auch der materiellen Wohlfahrt, der Hebung des Verkehrs das Augenmerk zugcwcndet. Wer ist der Mann, sagt der Talmud, wer ist der Mann, auf welchen angewendet werden kann der Psalmfpruch: Ich will sehen lassen die göttliche Gnade? Der Straßen ebnet und fahrbar macht. Es würde mich zu weit führen, wenn ich wachrufen wollte, wie vieles, was der moderne Staat als eine neue Schöpfung ausgibt, wie etwa Mittel dem Pauperismus vorzubcugen, das freie Wort, das Vcreinsrecht, namentlich Lern- und Lehrfreiheit längst tut jüdischen Volke Eingang gefunden. So hatte jede Staatsversassuug, insoferne sie sich nicht solchen civilisatorischen Bestrebungen ganz und gar entfremdete, dem Israeliten immer Anhaltspunkte gegeben, um trotz aller Rechtsbeschränkung und Sonderstellung, wozu er vcrurtheilt war, sein Pflichtgefühl als Angehöriger eines Staates, als Mitglied eines Gemeinwesens wach und rege zu erhalten. Eines jedoch ist es, was dem Israeliten unerträglich war, ist und bleiben wird, Eines, wogegen er sich immer gesträubt, dem er den hartnäckigsten Widerstand entgegengesetzt. Dies ist der Gewissenszwang. Die zahlreichen Märtyrer, die Hundcrttausende von blutigen Opfern, die da gefallen sind in jenen Zeiten, wo die Verfolguugssucht zur Raserei, zu thierischer Wildheit ausartete, liefern den untrüglichsten Beweis, mit welchem Math und welcher ausdauernden Begeisterung der Jude gegen jeden Eingriff in seine innere Ueberzeugung sich vertheidigte. Wohl hatte er nicht mit den Waffen in der Hand den Kampf geführt, wohl war es nur ein passiver Widerstand, den er zu leisten vermochte, doch gewiss in den engen, dumpfen Ghettos sind weit größere Wunder der Tapferkeit bewiesen worden, als an jenen Orten, die mau gewöhnlich mit dem wohlklingenden Namen „Feld der Ehre" bezeichnet. Das Jammer- und Klagegeschrei der Verbannten, der Gefolterten, unter den peinlichsten Martern Hinsterbcnden ist heute noch nicht verklungen, sein Echo ist der Ruf, der der Wahlspruch aller edlen Geister geworden: Glaubcns- und Gewissensfreiheit. Nach einer alten holländischen Sage richtet Gott die Nationen und verschiedenen Zeitalter nach den tngendhaften Männern, die sich in ihrer Mitte befinden, denn jede Nation, das will wahrscheinlich damit gesagt sein, jede Nation hat ihre Auswüchse, jede Zeit ihre Mängel und Gebrechen. Menschliches Werk bleibt immer unvollkommen, auf der Basis der Vergangenheit baut sich auf die Gegenwart, und was diese unvollendet gelassen, liegt nunmehr der Zukunft ob. Jede Generation hat darin ihre Berechtigung, muß von der besseren Seite nach Maßgabe dessen, was sie von den vorherrschenden Vorurtheilen und Jrrthümern bereits überwunden, was sie als Grundstein für einen späteren Aufbau hinterlassen, beurtheilt und gewürdigt werden. Von diesem Gesichtspunkt geleitet, konnte der Jude vertrauensvoll der Zukunft cntgegensehcn und immer von neuem die Ueberzeugnng in sich befestigen, dass die höchsten Ideen der Wahrheit, Liebe und Gerechtigkeit immer mehr und mehr zur Verwirklichung gelangen, dereinst werden Gemeingut Aller werden. Von diesem Gesichtspunkte aus wollen auch wir unsere Zeit betrachten, die für die wachsende Intelligenz und den großen Fortschritt der Menschheit finster und trübe genug ist. Wir Juden, indem wir dankbar anerkennen, was uns als Menschen hie und da weniger an Freiheit, Gleichheit und Gleichberechtigung mit Andern, an Bethätigung der Bruder- und Nächstenliebe seitens Anderer, an allgemein menschlichen Grundsätzen, die das Judenthum der Menschheit gebracht hat, zuerkannt wird; wir Juden in den einzelnen Staaten, deren Wohlthaten und Rechtsschutz wir genießen, sind treue, ergebene, aufopfernde und hingebungsvolle Bürger, die der Obrigkeit und den Gesetzen gehorsam, die voll inniger heißer Liebe erfüllt für den Regenten des Landes, der uns hehr und heilig ist, die Sicherheit, die Macht, Ehre und Ruhm des Staates, in Krieg und Frieden, an allen Ortend uud in allen Zeiten, wahren und fördern, das Wohl des Vater-- laudes als ihr eigenes betrachtend, die wir Jeder an seinem^ Platze und in seinem Berufe mit Hand und Herz, mit Geist und.! Verstand, unsere Kräfte und Fähigkeiten in edelstem Wettstreit und mit flammender Begeisterung, nur zum Wohle des Staates und der Menschheit stets weihen und widmen. Diese Forderung stellt mit Recht jeder Staat, die Menschheit an uns als Bürger, als Menschen. Dies verlangt, ja gebietet gesetzlich unser Judcnthum von uns als Juden mit noch größerem Rechte. Ja, als Bürger des Staates sollen und wollen wir bleiben, was wir sind, Juden, Juden in innigster Bruderliebe, begeistert für unseren Gott, begeistert für unseren Glauben, begeistert für unsere Lehre; diese jüdische Lehre, der Inbegriff der reinsten Gotteserkenntnis, des strengsten und lautersten Sittengesetzes und allgemeiner Menschenliebe, sie kennt keinen Gegensatz 'zwischen Theorie und Praxis, will bethätigt und verwirklicht sein, durch jüdisches Leben, das auf ihr lastet im bürgerlichen Leben soll durch jeden von uns werden ein Uckärmelr haschem. Nicht eine jüdische Weltherrschaftlehrt das Judeuthum, sondern eine Theokratie, eine Gottesherrschast, ein Gottesreich allgemeiner Liebe uud allgemeinen Friedens. Sind die Zeiten noch so trübe und finster, sind der Verfolger und Angreifer auch noch so viele, wir rufen, wenn auch nicht mit Staatsmann Bismarck, doch mit dem alten jüdischen Gelehrten Jbu Esra aus: Weil ich fürchtete nur den Einen, Fürcht' ich von den Bielen keinen. Jeder Jude durch sein Thun und Lassen, seine Lebensführung, die Verkünder der göttlichen Lehre in glühender Liebe für ibren Beruf durch Offenheit, Freimüthigkeit und Unerschrockenheit in ihren Worten und Wirken, gleich den Propheten, die Leiter der Gemeinden durch' treue Fürsorge und warmes Interesse für das Judenthum, ganz besonders aber die Lehrer der Jugend durch begeisterten und begeisternden Unterricht, sie alle sollen, wie der Prophet Jeremias lehrt, den Gott Israels verherrlichen, bis einst kommen wird die Zeit der Anerkennung des Einen Gottes als des Vaters aller Menschen, die sich als Brüder innig lieben und friedlich fördern sollen, und damit gelöst ist die ideale Aufgabe des Judenthums im Staate. Gemeinde-Bote. Wien. Anlässlich des 25jährigen Jubiläums der niederösterreichischen Handels- und Gewerbekammer hat Se. Majestät der Kaiser dem Präsidenten der Wiener Cultusgemeinde, Herrn kaiserl. Rathe Heinrich Klinger, als ältestem Sections-Obmann der Kammer, den Orden der eisenen Krone verliehen. In der Sonntag, den 29. Jänner ftattgehabten Jubiläums-Festsitzung der Kammer überreichte der Handelsminister Baron Dipanli dem Bicepräsidenten der Handelskammer, der die gleiche Allszeichnung erhielt, und dem kaiserl. Heinrich Klinger die ihnen vom Kaiser verliehene Decoration. Brünn. 26. Jänner. (Von der israelitischen Cultusgemeinde.) Heute um halb 12 Uhr vormittags versammelte sich der Vorstand der hiesigen israelitischen Cultusgemeinde zu einer ailßerordentlichen Sitzung, um das Andenken des gestern plötzlich aus dem Leben geschiedenen Mitgliedes, Herrn Bernhard Morgenstern zu ehren. Der Vorsitzende, Herr kais. Rath Epler, eröffncte die Sitzung, indem er in bewegten Worten den Character und das Wirken des Verblichenen schilderte, der durch länger als 18 Jahre dieser Körperschaft und dem Mährischjüdischen Waisenhilfsvereine angehörte und sich durch seine unerschöpfliche Mildthätigkeit um die leidende Menschheit unvergängliche Verdienste erworben hat. Sein Wohlthun war ein freudiges, dabei stilles und anspruchsloses, das nicht auf Dank und äußere Anerkennung berechnet war. Es gab keine mildthätige Einrichtung, keine humanitäre Anstalt hier und auch außerhalb Brünns, zu der er nicht reichliche Beiträge geleistet hätte, und die Zahl der Armen und Verlassenen, für die seine milde Hand stets offen war, ist Legion. Deshalb genoss er mit Recht ein hohes Ansehen in weiten Kreisen, und Alles freute sich der kaiserlichen Anerkennung, die sein edles Wirken, kürzlich gefunden. Die Versammlung, welche diesen Nachruf stehend angehört hatte,