Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 5 (2.2.1899)
- Date
- 1899-02-02
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 5. Die Wahrheit. Seite 9. Sadducäer waren Gegner der pharisäischen Lehre. Wer bürgt uns nun dafür, dass sich nicht die Sache gerade umgekehrt verhält, dass infolge der Gegnerschaft der Sadducäer mit der Zeit der Glaube an eine sinaitische Ueberlieferung entstand? - - (Forts, folgt.) Das Iudenthum im Staate. Bon Dr. B. Oppenheim, Olmütz. (Schluss). Gestatten Sie mir, dies etwas näher zu beleuchten. Schon bei blos oberflächlicher Betrachtung kann es uns nicht entgehen, dass die Weltanschauung der Bibel ganz verschieden, ja in vollem Gegensätze sei, zu der des classischen Allerthums. Während letzteres von der Ansicht ausgeht, dass das Menschengeschlecht sich immer mehr verschlimmere, also im steten Rückschritte begriffen sei, während die Sagendichtungen der antiken Welt dem goldenen Zeitalter, wo die Menschheit in ihrer Unschuld und Sittenreinheit sich glücklich fühlte, ein silbernes, ein der Tugend sich allmählich entfremdendes und diesem wieder ein völlig entartetes, ehernes und eisernes Zeitalter folgen lassen, lässt die Bibel zwar die Menschheit in ihrer Unschuld entstehen und schildert, wie sie im Drange nach Befriedigung ihrer sinnlichen Bedürfniße wohl auf Abwege gerathen, wie sie aber durch die nach und nach sich verbreitende Erkenntnis, durch die Lehren und Wahrheiten, die ihr verkündet wurden, sich allmählich aus ihrer Versunkenheit erhebt, zum Bewusstsein ihrer sittlichen Würde gelangt und so ihrer Vollendung entgegengeht. Durch die Offenbarung ist der Menschheit wohl die Bahn gebrochen worden, aber das Ziel, das ihr gesteckt wurde, die Aufgabe, die sie zu lösen hat, ist groß und fern und kann mit einem Male nicht erreicht werden. Generationen arbeiten daran und können immer nur einen Theil zum großen Ganzen beitragen, das Menschengeschlecht muß sich erst allmählich in seinen Beruf hineinfinden, hineindenken und leben. Jedes Volk hat darum seine eigene Mission, seine eigene Bestimmung, jede Zeit ihr bestimmtes Werk, ihre eigene Richtung und Ausgabe. Die Menschheit kann darum niemals bei einem gewonnenen Standpunkte lange verharren, sondern sie fühlt sich fortwährend gedrängt und angetrieben, immer neue Bahnen zu betreten, immer neue Stufen zu erklimmen, immer neue Mittel und Wege zu suchen, immer Neues zu schaffen und ans Licht zu bringen. Die Art und Weise, wie der menschliche Geist sein Dasein und Leben in irgend einer Periode kundgibt, sowie der Inbegriff, die Summe der Gesammtthätigkeiten und Bestrebungen, denen er in derselben obliegt, worin er seine Kraftentfaltung, sein Wollen und Streben zeigt, wodurch er sich seinem Ziele mehr oder weniger nähert, das sind die wesentlichsten Momente, die den Charakter, die Richtung einer Zeit ausmachen. Diese zu erfassen und zn erkennen, ist die Aufgabe eines jeden Denkenden, und Weise wird der genannt, der seine Zeit versteht und zu würdigen weiß. Das Judenthum hat darum allen Bestrebungen der Zeit, allen Schöpfungen und Leistungen der verschiedenen Generationen und Völkerschaften Anerkennung gezollt. Der Talmud spricht voll Staunen und Bewunderung von der künstlerischen Fertigkeit der Griechen, von ihrer Sprache und ihrem Rhythmus im Gesänge. Was die Assyrer durch brutale Gewalt nicht vermochten, das hat der Hellenismus durch die Macht seines Geistes und seiner Cultur bewirkt. Er entnationalisirte den Orient, er zerstörte die Nationen des Orients, indem er sie sich amalgamirte und innerlich überwand. Nur eine Nation widerstand dieser Entnationalisirung, diesem Auflösungsprocesse, nahm aber das Gute des Hellenismus in sich auf und erweiterte und befestigte so sein Wesen, und diese Nation war die jüdische. Der Talmud preist und rühmt selbst die Römer, welche das jüdische Reich zerstörten und Israel ein Joch auferlegten, unter dessen Drucke es fast zu erliegen drohte, ob der Zweckmäßigkeit ihrer Einrichtungen, ob ihres männlichen Muthes im Kampfe, der auch in ihrer volltönenden Sprache lebhaften Ausdruck gefunden. Maimonides und Jehuda Halevi betrachten das Christenthum und den Islam als zwei Glaubensstämme, die dem Boden des Judenthums entsprungen, deren befruchtende Kraft dem Genius der Menschheit einen mächtigen Aufschwung bereiteten. Wie die Propheten den einstigen vollkommenen Sieg der Sache der Wahrheit und Gerechtigkeit durch die immer zunehmende Aufklärung, durch die immer wachsende Einsicht und Erkenntnis der Menschen erwarteten, ja mit Bestimmtheit vorhersagten, so haben auch die erleuchteten Männer in Israel jede Zcitrichtung, wie sie in den geistigen Bewegungen oder in dem Verfassungsleben der bürgerlichen Gesellschaft sich kundgegeben, als Stufe der Entwicklung, welche die immer vorwärts strebende Menschheit einmal betreten muß, als Ring in der großen Kette der nothwendig aufeinanderfolgenden Erscheinungen angesehen und für berechtigt gehalten. Daher kam es, dass sie bei aller Treue und Anhänglichkeit au die Religion ihrer Väter, bei allergläubigen Hoffnung und vertrauensvollen Erwartung jener herrlichen Zukunft, welche die Propheten dem Volke in Aussicht gestellt, obgleich ihr Herz erfüllt war von der Sehnsucht nach dem Lande, das sie noch immer ihre Heimat nannten, obgleich sie diese Sehnsucht immer von Neuem in ihrer Mitte wachzurufen und zu erhalten suchten, nicht nur den Institutionen der verschiedenen Staaten sich willig unterordneten, sondern sich auch stets verpflichtet fühlten, das Gedeihen des Gemeinwesens aus allen Kräften zu fördern, es als eine religiöse Verpflichtung betrachteten, die edelsten Opfer zu bringen, so es das Interesse der Gesammthcit erheischt. Freilich wurden ihre Dienste verschmäht und schnöde zurückgcwiesen, doch war ihnen einmal Gelegenheit geboten, ihre Thätigkeit zu entfalten, hatte man es einmal versucht, aus ihrer geistigen Befähigung Nutzen zu ziehen, da sind sie in ihrer Berufstreue Niemandem zurückgestanden, da sind sie auch nicht hinter ihrer Aufgabe zurückgeblieben. Ich brauche nicht erst namentlich zu erwähnen die klangvollen Namen jüdischer Männer und Frauen unserer Gegenwart, die sich durch ihre Leistungen für Stadt, Staat und Menschheit berühmt gemacht haben, schon im Mittelalter kam es vor, dass Israeliten als Staatsmänner sich auszeichneten. Ich brauche nur an Chasdai ibn Schuprat zu erinnern, der am Hofe des Chalifen Abdul Rahman III. zu Cordova die höchsten Würden bekleidete, oder an den Juden Jsak, den Karl der Große seiner Gesandtschaft an Harun al Raschid als Sekretär beigegeben, oder an Samuel ibn Nagrela ben Kütib, den Staatsminister des Berberkönigs zu Granada, oder endlich dessen Sohn und Nachfolger Josef, der, um den ruchlosen Plan des Königs Badis, wonach die arabische Bevölkerung dieser Stadt während des Gottesdienstes in ihrer Moschee ermordet werden sollte, zu hintertreiben, seine Stellung, ja sich selbst gefährdete und bald darauf mit vielen Hunderten Glaubensgenossen als Opfer seiner edlen That fiel. Das Judenthum konnte sich mit allen Verfassungen der bürgerlichen Gesellschaft, wenngleich sie sich auch aller Sorgfalt für die Befriedigung der religiösen Bedürfniße seiner Bekenner entzogen, leicht versöhnen, so bald es jene Forderungen, die es an dieselben als Menschen stellten, auch nur einigermaßen erfüllt sah. Denn auch die Theokratie findet neben den religiösen Zwecken die Aufgabe des Staates in der Sicherheit der Person und des Eigenthums, in der Rechtspflege, in der Entfaltung und Ausbildung aller materiellen und geistigen Kräfte, in der Fürsorge endlich für die allgemeine Wohlfahrt. Als die Israeliten aus dem babylonischen Exil zurückkehrten, da wurde den Männern, denen die oberste Leitung des Gemeinwesens oblag, zugerufen: „Seid vorsichtig in der Rechtspflege, stellet viele Schüler aus und umzäumt das Gesetz!" Richter, die sich durch ihre Gewissenhaftigkeit auszeichneten, wurden Mitarbeiter am großen Schöpfungswerke, Lehrer und Erzieher der Jugend, die mit Fleiß und Redlichkeit ihrem Berufe oblagen, wurden Hüter der Stadt genannt, ja kurz noch vor der großen Katastrophe derZerstörungJerusalems durch Titus, mitten in einer von Parteizwist völlig zerstörten Zeit und Bevölkerung, hatte ein Josua ben Gamala noch die Ruhe und Fassung, für das Unterrichts- und Erziehungswesen Institutionen und Statute zu entwerfen, von denen man fast glauben könnte, sie wären in einem modernen Staate