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Die Wahrheit · 1899-02-02 · Heft 5 (2.2.1899) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 5 (2.2.1899)
Date
1899-02-02
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8. Die Wahrheit. Nr. 5. Helles Licht über das talmudische Judenthum zu verbreiten imstande ist. Das Werk, von dem greisen Lector Weiß vor einem Vierteljahrhundert heransgegeben, bietet in scharfsinniger, geistvoller Darstellung die Entwicklung der jüdischen Lehre von den ältesten Zeiten bis fast auf unsere Zeit in fünf Bänden. Die ersten zwei Bände, welche auch die wichtigsten sind, sind bereits in zweiter Auflage erschienen. Aber für die deutschen Juden existirte dieses epochale Werk nicht, denn es ist hebräisch geschrieben, und wer liest hierzulande hebräisch? Ich habe es daher als besondere Gunst betrachtet, dass der hochverdiente Verfasser mich autorifirt hat, sein Werk dem deutschen Judenthum vorführen zu dürfen. Es wird allerdings keine sklavische Uebersetzung werden, aber der Inhalt und der Geist des Werkes soll unverfälscht wiedergegeben werden, so dass Verdienst und Verantwortung nicht dem Uebersetzer, sondern dem als Autorität ersten Ranges anerkannten Verfasser zufallen wird. I. Abschnitt. Erste Spuren einer mündlichen Ueberlieferung. Schon in den ältesten Zeiten herrschte im jüdischen Volke die feste Ueberzeugung, dass neben der geschriebenen Lehre noch mündliche Ueberlieferungen vorhanden seien, welche ebenso alt wären wie die geschriebene Lehre. Wenn wir aber wissen wollen, worauf denn diese Ueberzeugung sich gründet, so dürfen wir uns nicht auf Aeußerunzen aus späterer Zeit berufen. Denn diese Aeußerungen können in bestimmter Absicht gefallen sein, ohne historische Wahrheit zu besitzen. Daher müssen wir dem Ursprung der Sache selbst nachgehen. Für die geschichtliche Erforschung überhaupt genügen die Erzählungen der Begebenheiten nicht immer, da sie oft auch Unwahres enthalten, sei es dass sie subjectiv gefärbt, in Mythen gehüllt oder gar absichtlich zu irgend einem Zwecke gefälscht wurden. Daher müssen uns oft andete Mittel auf die Spur der Wahrheit führen. Dazu gehören: Inschriften, Lieder, Sagen, ja Sprichwörter und Redensarten, besonders aber gesetzliche Bestimmungen aus der Zeit der erzählten Begebenheiten. Solche Spuren trügen nicht, sie erhellen die dunkle Vergangenheit und zeigen sie uns in wahrer Gestalt. Dasselbe gilt nun für die Geschichte der mündlichen Ueberlieferung. Die Berichte der talmudischen Weisen über das Bestehen einer Ueberlieferung seit Moses erwecken in uns verschiedene Zweifel, und man hat auch solche Zweifel erhoben, ob sie für ihre Lehren eine wirkliche Grundlage in einer unverfälschten, alten Ueberlieferung haben, welche sich von Mund zu Mund bis auf uns erhalten, oder ob jene Berichte nur sagenhaften Characters sind. Möglich auch, dass die Weisen zu irgend einer Zeit einen zwingenden Grund hatten, ihren Lehren und Deutungen des Gesetzes den Character einer Ueberlieferung zu verleihen, um die Geguer ihrer Lehre zu schlagen und zum Schweigen zu bringen. Thalsächlich hatten ja die talmudischen Weisen Gegner zu jeder Zeit, welche ihre Lehre» und Anordnungen nicht anerkannten. Daher müssen wir die Spuren der mündlichen Ueberlieferung in unzweifelhaften Ueberresten aus der uralten Zeit aufsuchen. Diese Ueberreste sind aber die Gesetze der Thora, sowie manche Stellen in den übrigen heiligen Schriften, welche Zeugnis oblegen, wie man schon damals die Thora verstand, und sonst noch Gesetze enthalten, welche die Thora nicht hat. Das Zeugnis solcher Spuren ist umso glaubwürdiger, als sie gar nicht die Absicht haben, etwas zu bezeugen. Die Zweifel an der Echtheit der mündlichen Lehre gewinnen an Stärke, wenn wir den religiösen Zustand Israels in den ältesten Zeiten ins Auge fassen, sowohl gleich bei der Gesetzgebung und in der Wüste, als auch zur Zeit der Richter, Könige bis zur Rückkehr aus dem babylonischen Exil. Es ist kein Zweifel, dass in dieser ganzen Zeit der religiöse Zustand durchaus nicht den Character der Religion nach der mündlichen -Lehre hatte. Auch ist uns aus dieser Periode nichts bekannt, was das. Vorhandensein der mündlicher! Lehre bezeugte. Und wie wäre es möglich, dass etwas so Wichtiges, wie das Vorhandensein einer mündlichen Lehre neben der schriftlichen, auch nicht von einem einzigen Propheten oder Weisen dieser langen Zeit erwähnt wird? Ja als Esra das Volk von Neuem auf die Thora verpflichtete, geschah es nur ans die geschriebene Thora Moses, und da wäre es doch gewiss angebracht, auch der mündlichen Lehre wenigstens Erwähnung zu thun. Auch die zahlreichen Erzählungen der heiligen Schrift aus dem religiösen Leben Israels enthalten keine Spur von der mündlichen Lehre.. Außerdem sind sämmtliche Kundgebungen der talmudischen Schriften in Bezug auf den finaitischen Ursprung der mündlichen Lehre entweder sagenhaft, was meistentheils der Fall ist, oder subjective Ansichten der Autoren, »velche sie aus der Schrift gewonnen zu haben glaubten. Bei näherer Betrachtung aber widersprechen sie sich gegenseitig. Einmal heißt es: Die Gesetze sind in allen ihren Einzelnheiten und Erklärungen auf Sinai gegeben (Sifra,.Bech. 8). ferner: Außer der Thora sind auch Mischna und Gemara (die beiden Bestandtheile des Talmud) dem Moses am Sinai verkündet worden (Berachot 5) und sonst noch an vielen anderen Stellen. Andererseits aber wird die Frage aufgeworfen: Wie ist es möglich, dass Moses in den 40 Tagen auf dem Sinai die ganze, unermessliche mündliche Lehre gelernt hat? Die Antwort darauf lautet: Gott hat ihm nur die Hauptlehren mitgetheilt (Schemot rabba 41). Ist das nicht ein offenbarer Widerspruch zu den obigen Aeußerungen? An einer anderen Stelle heißt es gar: Selbst was irgend ein tüchtiger Jünger jemals finden wird, ist dem Moses am Sinai mitgetheilt worden (Jer. Chagiga 1,1 und Megilla 4, 1). Sollen wir diese Aeußerung wörtlich nehmen? Waren unsere Weisen wirklich der Meinung, Gott habe Moses alles verkündet, was irgend ein Lehrer oder ein Schüler je Neues Vorbringen wird bis. ans Ende der Welt? Das kann der gesunde Verstand nicht zugeben. Und dann, wie kann etwas Neu heißen, wenn es schon Moses verkündet war? Nothgedrungen müssen wir diese Aeußerung nicht wörtlich nehmen. Unsere Weisen wollten offenbar nur sagen, dass alles, was die verschiedenen Weisen gelehrt, im Geiste der Thora gelegen habe. Wenn nun der Ausdruck „Sinai bische Ueberlieferung" einmal nicht wörtlich zu nehmen ist, wer bürgt uns, dass er überhaupt wörtlich zu nehmen sei? Wollten wir aber die Echtheit der sinaitischen Ueberlieferung dadurch beweisen, dass sie Gegner hatte, nämlich die Sadducäer, woraus hervorgehen müsse, dass der Glaube an sie unter den Pharisäern längst verbreitet war, so ist das erstens ein sehr schwacher Beweis, zweitens aber haben die Pharisäer selbst in ihren heftigen Kämpfen mit den Sadducäern, namentlich unter Simon dem Gerechten, niemals behauptet: Wir stützen uns bei unseren Lehren auf die Ueberlieferung. Auch Josephus erwähnt nichts von einer sinaitischen Ueberlieferung. sondern sagt einfach: Die

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