Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 5 (2.2.1899)
- Date
- 1899-02-02
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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'Jtr. 5. Die Wahrheit. Seite 7. Kaufleute abermals den frommen Rabbi, als er gerade sein Gebet andachtsvoll verrichtete. „Nun, wie habt Ihr" Euch entschlossen, seid Ihr geneigt, das Geschäft zu machen? war die erste Frage der Kaufleute. R. Safra schwieg. „Gut", riefen sie ihm zu, „Ihr braucht uns nicht zu grollen, wir geben Euch noch zwei Münzen zu." R. Safra aber schwieg noch immer. „Wenn Ihr nicht wollt, so geben wir Euch die verlangten zehn." Kaum aber hatte der fromme Rabbi sein Gebet beendet, als er seine Gäste freuudlicbst begrüßte und ihnen zurief: „Meine Herren, ich war, wie Ihr gesehen habet, im Gebet vertieft, daher wollte ich mich nicht unterbrechen. Was nun das Geschäft betrifft, so habe ich mich bereits gestern entschlossen, Euren mir gebotenen Preis anzunehmen, weshalb ich nicht mehr als fünf Münzen nehmen kann." R. Giddel hatte seit längerer Zeit mit einem Grundbesitzer wegen Ankaufes eines Grundstückes unterhandelt. Allein bevor es zum Abschluss des Geschäftes kam, hatte R. Abba dieses Grundstück käuflich an sich gebracht. R. Giddel, darob tief gekränkt, klagte seinen Freunden sein Leid. Diese riethen ihm zu schweigen bis zum nächsten Feste, da sie alle bei den religiösen Vorträgen versammelt sein würden. Bald nach der Eröffnung der ersten Sitzung wurde dem großen und allgemein verehrten Lehrer Rabbi Abba folgende Frage zur Entscheidung vorgelegt: Ist Derjenige, der einem armen Menschen die Gelegenheit raubt, sich ehrlichen Verdienst zu verschaffen, nicht tadelnswerth? „Ein solcher Mensch verdient ein Frevler genannt zu werden", war die Antwort. „Wie aber hat der fromme Rabbi den armen R. Giddel um ein Geschäft bringen können?" riefen sie ihm erstaunt zu. Feierlichst erklärte Rabbi Abba, dass er von der Unterhandlung, die R. Giddel mit dem Eigenthümer dieses Grundstückes geführt, keine Ahnung hatte, dass es ihm herzlich leid thue, dem College» so viel Unannehmlichkeit, wenn auch unbewusst, bereitet zu haben, und dass er endlich gern bereit wäre, das Grundstück ihni zu überlassen, wenn es nicht ein trauriges Omen wäre, das erste Grundstück, das er käuflich erworben, zu verkaufen. R. Giddel, der sich durchaus nicht beschenken lassen wollte, lehnte das Anerbieten entschieden ab. Nun wollte weder R. Abba noch R. Giddel einen Genuss vom Acker haben und derselbe wurde „das Feld der Weisen" genannt. Einst, so wird im Rabba 292 erzählt, besuchten zwei Freunde den frommen R. Pinchas b. Jair, der sie äußerst freundlich und liebevoll empfing und bewirthete. Vor ihrer Abreise vergaßen sie zwei Maß Gerste, die sie zur Aufbewahrung übergeben hatten, mitzunehmeu. R. Pinchas b. Jair, der erst nach ihrer Abreise die zurückgelassene Gerste bemerkte, war im ersten Augenblicke in Verlegenheit, da er nicht wusste, was er damit aufangen sollte. Endlich entschloss er sich, die Gerste auszusäen, die ihm thatsächlich eine ausgezeichnete Ernte brachte. Da aber die Freunde, die eine weite Reise unternahmen, nicht so bald zurückkamen, setzte R. Pinchas die Aussaat der Gerste sieben Jahre fort, so dass er gezwungen war, für den daraus gezogenen Gewinn einige Magazine in Anspruch zu nehmen. Nach sieben Jahren kamen endlich die Freunde von ihrer weiten Reise zurück und verfügten sich zu R. Pinchas, um ihn um die Rückgabe der seinerzeit vergessenen zwei Maß Gerste zu ersuchen. Der fromme ^Rabbi öffnete ihnen mehrere Magazine, die dicht gefüllt waren, und sagte: „Hier habt Ihr Euer Eigenthum." (Schluss folgt.) Zur Geschichte der jüdischen Tradition von Lektor I. B. Writz. Frei aus dem Hebräischen bearbeitet von Dr. I. Üafgatt» Vorbemerkung des Uebersetzers. Durch die Noth der Gegenwart ist das Interesse an der jüdischen Vergangenheit allenthalben wachgerufen worden. Ueberall hören wir von Vereinen für jüdische Geschichte und Litteratur, fort und fort werden Vorträge aus der jüdischen Vergangenheit gehalten und sie finden immer dankbare Zuhörer. Jeder gebildete Jude empfindet das Bedürfnis nach Aufklärung und Belehrung über das geistige und materielle Geschick seiner Vorfahren, und diesem Bedürfnis suchen eben jene Vereine und Vortrüge Rechnung zu tragen. Aber wird auch der Hunger nach Belehrung damit gestillt? Höchstens für den Augenblick. Einer, der den ganzen Tag nichts gegessen hat, wird wohl für jeden Leckerbissen dankbar sein, aber kein Mensch kann von Leckerbissen gesättigt werden. Und sind nicht alle jene Borträge sammt und sonders solche für den Augenblick hiugeworfeue Leckerbissen? Ohne Plan, ohne System hört der Wissensdnrstige bald über Shylok, bald über Nathan den Weisen, oder gar über irgend einen katholischeil Priester, der in seiner Humanität soweit gieng, d i e Juden auch sürMenschen zu erklären — und fragt man den also Belehrten, was er denn über das Jndenthum und seine Vergangenheit wisse, so ist er im Allgemeinen genau so klug als wie zuvor! Was ist die heilige Schrift? Welche Bedeutung haben die Propheten? Welches sind ihre Lehren? Nun solche Fragen gehören in die Religionsschule. Aber die Erwachsenen, sind sie wirklich bereits über all'diese Fragen genau unterrichtet? Vereinzelte Ausnahmen gibt es ja, aber die Masse des Volkes ist von einer Unwissenheit, die jeden wahren Freund seines Volkes mit Kummer und Scham erfüllen muß. Das Gebiet des Talmud darf man schon gar nicht streifen, was geht einen modernen Juden der Talmud an? Und doch stecken wir im Talmud mehr, als sich Mancher träumen lässt. Der Gottesdienst ist talmudisch, die S ch e ch i t a ist talmudisch, die Trauung, die Beerdigung, die Barmizwa, der Sabbat, die Feste — kurz, alles, alles ist talmudisch ausgestaltet — und den Juden sollte der Talmud nichts angehen? Warum sollen unsere geistigen Führer nicht darauf bedacht sein, das Volk in planvoller, systematischer Weise über seine Vergangenheit, über seine geistig-religiöse Entwicklung aufzuklären? Dabei sind die Vorarbeiten längst vorhanden, Bücher sind genug über Juden und Jndenthum geschrieben worden. Aber der Maun aus dem Volke liest diese Bücher nicht, sie sind auch nicht immer seinem Verständnis angepasst. Sache der einflussreichen Führer in Israel ist es, die angehäusten Wissensschätze für das Volk genießbar und zugänglich zu machen, sei es durch cyclische Vorträge, fei es durch fortlaufende populäre Darstellungen in jüdischen Zeitschriften. Nur dadurch, dass wir dem jüdischen Volke sein Wesen erschließen, werden wir es seinem Wesen erhalten. Andererseits würde mancher Heißsporn, der in seiner blinden Gläubigkeit alle „kalt stellen" will, welche etwa nicht an die Heiligkeit der laugen „Pajes" glauben wollen, durch eine klare Darstellung, wie und unter welchen Umständen die religiösen Gesetze sich gestaltet und entwickelt haben, zur Ver» nunft gebracht werden. Diese Erwägungen haben mich bestimmt, den Lesern dieses Blattes ein Werk vorzufnhren, welches wie kein zweites