Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 5 (2.2.1899)
- Date
- 1899-02-02
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Gelte 6. Die Wahrheit. Nr. 5. Gewiss nicht! Die Freiheit ist unstreitig das kostbarste Kleinod der Menschheit im Allgemeinen und Israels insbesondere. Ich bin für die persönliche Freiheit, für Gedankenfreiheit, Redefreiheit und Glaubensfreiheit so erglüht, wie jeder andere Sohn meines Stammes. Die echten und rechten Vorkämpfer für Freiheit, sagen unsere Weisen, sind diejenigen, mi scheoskin batauroh, die ihre Zeit und ihre Kraft ausschließlich dem Studium der religiösen Wissenschaft widmen. Allein trotz meiner Freiheitsliebe kann ich es nicht unterlassen, die Wahrheit laut und vernehmlich zu verkünden, und wahr ist es, dass wir lange nicht die innige, ungetrübte Herzensfreude empfinden, die Misere Väter, besonders am Sabbath und an den Festen im Kreise ihrer Angehörigen empfunden haben. Die Hand auf's Herz! Empfindet der moderne Jude, selbst der hochgestellteste und angesehenste, draußen in der großen Welt die innige, wahre, ungetrübte Freude, die unsere Väter im Ghetto empfunden haben? Kommt man ihm nicht trotz aller Liebenswürdigkeit und Ehrerbietung kühl bis ans Herz hinan entgegen? Lässt man es ihn iiicht oft fühlen, dass man ihn nur äußerlich achte? Muß es ihm, wenn er nur einigerniaßen noch jüdisch fühlt, nicht die Schamröthe in die Wangen treiben, so man ihm sagt: Du bist eine Ausnahme, wären alle Deine Glaubens- und Stammesgenosseu so wie Du, so würden wir sie nicht verachten. Und da will man behaupten, dass wir glücklicher sind als unsere Vorfahren es waren? Nein und abermals nein. Wir empfinden lange nicht die ungetrübte Herzensfreude, die unsere Väter an ihren Sabbathen und Festen empfunden haben. Und warum nicht? Ist denn das Judenthum nur im Unglücke glücklich? Nun, dieses Räthsel zu lösen, soll die Aufgabe dieser Betrachtung sein. Die Freude, die der Jude ftüherer Zeit empfand, war eine mehr höhere, ideale, weniger eine materielle, sinnliche. Der oft« Jhlde freute sich in Gott und mit Gott. Der Glaube an das Dasein Gottes hatte feste Wurzel in seinem Herzen gefasst. Wenn er täglich ausgerufen: Ani mamin, ich glaube fest und unerschütterlich, dass Gott der Schöpfer und Erhalter des Weltalls ist; ich glaube fest und unerschütterlich, dass dies kein Product des menschlichen, sondern des göttlichen Geistes ist; ich glaube fest und unerschütterlich an Gottes gerechte Weltregierung rc., so waren dies keine leeren Phrasen, sondern Worte der ttefsten und innersten Ueberzeugung. Und weil der alte Jude fest an Gott glaubte, so war er auch dem Glauben der Väter mit allen Fasern seines Lebens treu anhänglich und bestrebt, das Wort Gottes, das ihm heilig war, die Thora, die religiösen Satzungen und Vorschriften streng zu beobachten. Seine ganze Lebensweise war eine religiöse, und daher zeichnete er sich durch Fleiß, Arbeitsamkeit, Mäßigkeit, Nüchternheit, Bescheidenheit, Anspruchslosigkeit, Ehrlichkeit, Redlichkeit, Herzensgüte und sonstige Tugenden aus. Vor Allem war er arbeitsam, weil nach der Lehre des Judenthums die Arbeit der höchste Beruf des Menschen ist. „Sechs Tage sollst Du arbeiten", heißt es im Dekalog. Der Mensch ist nicht berufen, einen beschaulichen Lebenswandel zu führen, dem Müßiggang zu fröhnen, sondern im Schweiße seines Angesichtes sich sein Brot zu verdienen. Ueberdies wurde dem Juden der Kampf um das Dasein umfvmchr erschwert, als er in Folge der gegen ihn erlassenen Ausnahmsgesetze, die ihm alle zur Erreichung eines anderen Erwerbes führenden Wege unzugänglich machten, blos auf der» Handel angewiesen war. Allerdings war den Juden schon im Vormärz gestattet, Fabriken zu errichten, allein von dieser Begünstigung konnten nur die reichbegüterten Leute Gebrauch machen, während die Masse zum Handel ihre Zuflucht zu nehmen genöthigt war. Außer einigen Wolle-, Getreide- und Lederhändlern — an Professionisten gab es nur Schneider und Schuhmacher — ernährten sich die meisten Juden in der „Gasse" vom Schuittwaarenhandel. Und von diesen Schnittwaarenhändlern waren die meisten Hausierer, die man gewöhnlich „Dorfgeher" nannte. Jeder Dorfgeher hatte in der Regel ein bestimmtes Dorf, in welchem er die ganze Woche hindurch hausierte und sich aus religiösen Gründen blos von Brot, Käse, Butter, Eiern und Bier erhielt. Und welchen Leiden und Widerwärtigkeiten, war er da draußen so oft preisgegeben? Welche Demüthigungen mnsste er sich gefallen lassen? Und warum? Etwa seiner Unredlichkeit wegen, wie von den Gegnern des Judenthums behauptet wird? Ach, diese Behauptung ist ebenso falsch, wie all die hämischen Behauptungen und boshaften Vorwürfe unserer Feinde. Es mag wohl hie und da vorgekommen sein, dass einzelne Dorfgeher sich durch unredliches Gebühren den Hass der Bevölkerung zugezogen haben, dies waren aber keine religiösen, sondern, gottlose Juden, die zu den Ausnahmen gehörten, und Ausnahmen hat es ja überall und zu allen Zeiten gegeben. Im Allgemeinen aber waren die Juden fromm und religiös, daher sie sich auch durch Redlichkeit auszeichneten. Jeder strenggläubige Jude war gewissenhaft und redlich, weil sowohl in der Thora als im Talmud jede Uebervortheilnng im Kaufe und Verkailfe auf das entschiedenste verpönt und als strafbare Handlung verurtheilt wird. „So ihr einer dem Andern etwas verkaufet, oder einer von dem Andern etwas kaufet, so dürft ihr einander nicht übervortheilen." (III. M. 25.) Dieses biblische Verbot tvird im Talmud dahin erklärt, dass das Verkaufen eines Gegenstandes um einen unmäßig hohen Preis schon eine Uebervortheilnng fei. (B. Mez. 51.) Selbst durch Worte soll man es nicht wagen, im Geschäfte Juden oder Nichtjnden zu täuschen. (Chul. 94.) Wer einem zum Verkaufe bestimmten Gegenstand einen täuschenden Glanz gibt, um ihn dadurch leichter an den Mann bringen zu können, verdient als Betrüger gebrandmarkt zu werden. (B. Mez. 60.) Der Käufer darf überhaupt nicht durch Verheimlichung irgend eines an dem zu verkaufenden Gegenstände haftenden Fehlers getäuscht werden. (Mann. H. Mech. 18.) Maimonides lehrt ferner: Es ist strengstens verboten, Jemanden, sei er Jude oder Nichtjude, zu täuschen, zu betrügen oder ihn durch falsche Verrechnung zu übervortheilen, denn es heißt in der Thora: 'Wechischew im Konelm, man muß mit dem Käufer gewissenhaft und redlich abrechnen. (H. Genewa 17, 8.) Von den zahlreichen Beispielen der Redlichkeit und Gewissenhaftigkeit, die sich im Talmud finden, mögen einige hier angeführt werden. R. Safra, ein hervorragender Lehrer der talmudischen Zeit, besaß einen Edelstein, den er zu veräußern beabsichtigte. Da kamen einige Kauflente und boteik ihm fünf Münzen für denselben an. Da er jedoch zehn Münzen verlangte, so unterblieb vorläufig das Geschäft. Bald nach ihrem Weggehen fasste R. Safra den Entschluss, den Edelstein jenen Kaufleuten für fünf Münzen zu überlassen. Am anderen Morgen besuchten die