Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1899-02-02 · Heft 5 (2.2.1899) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 5 (2.2.1899)
Date
1899-02-02
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
99% known words query
IRI
…/3062972-3062973-3062978--00075-3066558
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 5. Die Wahrheit. «Seite S. confessionelle, oder richtiger gesagt, confessionslose Schule? Keine Spur! Die allgemeine öffentliche Volksschule, ob deutsch oder böhmisch, ist gut katholisch, streng confessionell! Daran lässt sich nichts deuteln. Mit dem „Vater unser" beginnt und schließt der Unterricht, die katholischen Fest- und Feiertage sind die gesetzlichen Ferialtage, ja selbst das Lesebuch, auch die der liberalsten Verfasser, enthält Lesestücke katholischen Inhaltes und unsere neuen Lesebücher machen schon kein Hehl aus dem confessionellen Charakter der Schule. Der § 1 des bezogenen Volksschulgesetzes bestimmt: „Der Zweck der Volksschule ist die religiös-sittliche Erziehung". Ursprünglich hieß es „sittlich-religiös", die Schulnovelle vom Jahre 1883 hat es aber geändert. Nun sei mir die Frage gestattet, wie denken sich denn unter den heutigen Verhältuißen die Gegner der confessionellen Schule die religiössittliche Erziehung des armen unschuldigen sechsjährigen Judenknaben durch den katholischen Lehrer? Gehören vielleicht die bekannten Kosenamen, mit denen die antisemitischen Lehrer unsere Kinder bedenken, zur religiös-sittlichen Erziehung? Muß denn das Gemüth des armen unschuldigen, sechsjährigen Kindes schon in den allerfrühesten Tagen verbittert und vergiftet werden. Oder, schwebt ihnen vielleicht die Antwort jener jüdischen Mutter in Wien vor, die ihrem Sprößlinge, welcher weinend mit der Klage kam: „Mutter, sie schimpfen mich Jud!" erwiderte: „Sei ruhig, Du bist ja kein Jude!" Solchen Eltern passt natürlich die confessionelle katholische Schule, denn sie verzichten von vornherein auf eine jüdische Erziehung. Ein bis zwei wöchentliche Unterrichtsstunden sind dem jüdischen Religionsunterrichte gewidmet, in manchen Schulen eine Stunde für die Knaben und eine Stunde für die Mädchen. Was soll das Kind da früher lernen? Hebräisch Lesen, biblische Geschichte oder Religion? Die Früchte solcher Erziehung und solchen Unterrichtes sind natürlich nicht ausgeblieben. Man frage nur die Herren Religionslehrer der Bürger- oder Mittelschulen, welches Wissen die jüdischen Kinder aus diesen allgemeinen öffentlichen, katholischen Volksschulen mitbringen! Nur so kann es geschehen, was nicht zu den Seltenheiten gehört, dass ein Gymnasiast der Sexta das Kaddischgebet nach seiner seligen Mutter mit lateinischen Lettern auf seine Manchetten schreibt, um es von hier bequem ablesen zu können. Da man jetzt den Schaden einsieht, will man das Uebel sanieren und die Jugend für ihre Religion begeistern; aber um Erfolge zu erringen, muß man frühzeitig beginnen. Dem Kinde muß die Liebe zu seiner Religion in der frühesten Jugend eingeprägt werden — das ist in der Volksschule! Es lerne die Sprache seiner Gebete lesen und verstehen, es lerne die Bibel übersetzen, den Urquell alles religiösen Wissens, es findet hier die Erhabenheit. die Größe und Heiligkeit seiner Religion — die Nächstenliebe, die herrlichen socialen Gesetze. Dem jüdischen Kinde werde weiters die Möglichkeit geboten, am Sabbath und den Feiertagen mit dem Vater in das Gotteshaus zu gehen, denn die sogenannten Jugendgottesdienste sind nicht im Stande, dem Schüler den öffentlichen Gottesdienst, an dem Vater und Mutter theilnehmen, zu ersetzen. Wie anders ist für das christliche Kind in der öffentlichen Volksschule vorgesorgt! Sollen der jüdische Jüngling, die jüdische Jungfrau für ihre Religion Begeisterung finden, so kann das kein Schulbuch, und wäre es vom größten Geschichtsschreiber geschrieben, zu Wege bringen. Im Elternhause sieht das Kind nicht die jüdischen Religionsgesetze üben, in der Volksschule hört es seine Religion höhnen und ihre Träger verspotten, woher soll da jüdische Erziehung kommen, woher Liebe zum Judenthum? Ist es nicht unerhört und empörend, dass Gymnasiasten, sobald sie das gesetzliche Alter erreichen, sich blos deshalb von ihrer angestammten Religion lossagen, damit sie sich nicht anstrengen müssen, dieses Minimum au Glaubens- und Sittenlehre und Geschichte zu lernen, oder weit der jüdische Religionslehrer nicht ohne weiters jedem faulen Schüler ein Vorzüglich aus der Religion geben will? Die confessionelle Volksschule ist für die religiös-sittliche Erziehung des jüdischen Kindes unbedingt nöthig, ohne die elftere ist die letztere ein Ding der Unmöglichkeit, und alle Beschlüsse der Cultusgemeinden werden daran nichts ändern. Es. handelt sich ja übrigens heute blos um den Namen, denn die öffentliche allgemeine Volksschule, zu der die Juden ohne Unterschied beitragen müssen, ist ja gut katholisch. Der größte Theil der heutigen Antisemiten entstammt dieser allgemeinen Volksschule. Wo ist da der Erfolg des Liberalismus?? An ihren Früchten sollet ihr sie erkennen! Mit den vorangehenden Ausführungen ist jedoch noch lange nicht meine Ansicht über die confessionelle Volksschule erschöpft; nur eines will ich noch hier festftellen. Ich bin keineswegs ein Fanatiker, weder Orthodox, noch Zionist: aber Jude mit Leib und Seele, Lehrer der Jugend und des Volkes und deshalb für die Zukunft unseres Nachwuchses sehr besorgt. Ueber die speciellen Verhältniße in meinem Heimatlande Böhmen, will ich in einem nächsten Aufsatze sprechen. Das jüdische Gemeindeleben in vormärzlicher Zeit. Von Dr. M. H. Friedländer. Trotz des unsäglich schweren Druckes, unter dem die Inden Jahrhunderte lang seufzten, trotz der Ausnahmsgesetze, die sie tief zu Boden drückten, herrschte doch in den Gemeinden und besonders in den engeren Kreisen der Familien am Sabbath wie an den hohen Festen innige, ungetrübte Freude, Frohsinn und Zufriedenheit. Liebe, Freundschaft, brüderliche Theilnahme, Gemüthlichkeit und Geselligkeit bildeten die schönsten und herrlichsten Blumen in dem Kranze der Tugenden, der die Juden in vormärzlicher Zeit schmückte. Mit dem Momente aber, als die Mauern des Ghetto gefallen und die Strahlen der Sonne der Freiheit auch in die Wohnungen der Söhne Israels zu dringen vermochten, ist die wahre, innige, ungetrübte Freude und somit auch die Zufriedenheit und das wahrhafte Glück aus Israels Gemeinden und Familien geschwunden. Wie, höre ich erstaunt ausrufen, unsere Väter waren glücklicher als wir? Bildeten sie nicht unausgesetzt den Gegenstand des Haffes und der Verachtung? War es ihnen überhaupt gestattet, ein menschenwürdiges Dasein zu fristen? Durften sie m die große Gesellschaft kommen? Wurden sie nicht verfolgt und bedrückt, geächtet und geknechtet? Wie kannst du es also wagen, zu behaupten, dass sie glücklicher gelebt haben als wir? Sollen wir uns etwa nach dem alten Ghetto sehnen und jede Freiheit perhorresciren? Du wirst doch hoffentlich nicht zur Förderung der Reaction beitragen wollen?

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.