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Die Wahrheit · 1899-02-02 · Heft 5 (2.2.1899) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 5 (2.2.1899)
Date
1899-02-02
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Die Wahrheit. Nr. 5. die protestantische Eonfession selbstverständlich ist, in den Schul- ' rächen durch - geistliche. Personen vertreten zu seiu, nominirt! die Cultusgecheinde in den Bezirks- und Landesschulrath je einen — Advocaten, als ob diese Körperschaften sich mit schwierigen Rechtsfragen zu befassen hätten. Wir wollen das persönliche Moment möglichst außer Betracht lassen, aber bei aller persönlichen Werthschätzung der Herren Vertreter im Landes- und Bezirksschulrache und bei aller Anerkennung ihrer beruflichen Tüchtigkeit, müssen wir dennoch erklären — und wir sind überzeugt, damit nur eine vielfach getheilte Meinung auszusprechen — dass wir weder in dem einen, noch in dem anderen den geeigneten Vertreter für den W i ener Bezirksschulrath und den n i e d e r ö st e rr e i ch i s ch e n Landesschulrath erblicken, u. z. aus dem einfachen Grunde, weil wir keinem die volle, im Obigen angedeutete Qualification zuzuerkennen vermögen. Wir Juden thun uns, ob mit Recht, mag dahingestellt bleiben, gelegentlich viel darauf zu gute, dass wir keine Hierarchie besitzen. Aber es heißt wohl, das Kind mit dem Bade ausschütten, wenn man darunter verstehen will, dass wir es ängstlich verhüten müssen, den Schein zu erwecken, dass auch bei uns die Rabbiner die berufenen Vertreter unseres Bekenntnißes nach außen hin sind. Und es ist gar sehr die Frage, ob es mit der Achtung vor dem Judenthum nicht anders bestellt wäre, wenn dem katholischen und protestantischen Geistlichen im Schulrath ein würdiger Rabbiner gegenüber stände. Die Zuweisung solcher Ausgaben an unsere Rabbiner müsste freilich zur Folge haben, dass schon bei der Bestellung dieser Functionäre Männer gesucht und dann wohl auch gefunden werden, denen man die Eignung dafür durchaus zusprechen kann. Aber wir glauben nicht daran, dass die große Wiener Cultusgemeinde nicht über solche Männer verfügt. Allerdings müsste man mit dem Vorurtheil, das wir aber einen in unserer Zeit umso größeren Fehler nennen, brechen, deu Vertreter im Schulrath nur aus der Mitte des Cultusvorstandes zu wählen und zu nomiuiren. Will man jedoch, aus welchem Grunde immer, nicht einen geistlichen Vertreter, so wähle mau den Schulrath aus dem Laienstande, mag er welchem Berufe immer angehörcn, denn nicht die bürgerliche Stellung, sondern die besondere Qualification ist das Entscheidende. Aber in jedem Falle sei er ein Mann von großem jüdischen Wissen, von umfassender allgemeiner Bildung, von pädagogischer Einsicht und Erfahrung — und last not least, erfüllt von jüd^ifcher Religiosität, denn er ist und soll sein ein Vertreter des „israelitischen Bekenntnißes". Dazu reicht aber die heute beliebte platonische, in volltönenden Phrasen sich kundgebende Begeisterung und der Sitz im Vorstande nicht hin. Selbstverständlich soll die Zugehörigkeit zum Vorstand kein Ausschließungsgrund sein. Aber schon zur Vermeidung der Ehrenkumulirung und um weitere Kreise der Intelligenz zur Theilnahme an den Agenden der Gemeinde heranzuziehen, würde es sich empfehlen, die Vertreter im Schulrathe aus Kreisen außerhalb des. Vorstandes zu wählen. Allerdings wäre dann den Vertretern des israelitischen Bekenntnißes im Schulrathe mindestens eine berathende Stimme in der Schulsection des Vorstandes einzuräumen> um das nöthige Einvernehmen mit dem Cultusvorstande herzustellen. Heber die confessionelle Schule. Von Rabbiner A. Stein, Radnitz Geehrter Herr Redacteur! Sie wünschen Stimmen aus den verschiedenen Kreisen unserer Glaubensgenossen über die confessionelle Schule zu veröffentlichen, um Klarheit in diese so hochwichtige Frage zu bringen. Ihrem Wunsche will ich Nachkommen mit dem Hinweis auf meine 30jährige Lehrthätigkeit an israelitischen Volksschulen in Böhmen, während welcher ich eine nach Hunderten zählende Schülerzahl aus der confessionellen Volksschule in die Bürger- und Mittelschule beider Landessprachen geführt habe. Sie Alle, die heute in den verschiedensten Berufskreisen als Advocaten, Aerzte, Techniker, Kaufleute, und Handwerker, mitunter sogar in sehr hervorragender Weife, thätig sind, haben den Beweis erbracht, dass die confessionelle Volksschule ihnen kein Hindernis war, im Gegentheile, sie zählten beim Uebertritte in die Mittelschule zu den fieißigsten und bestvorbereiteten Schülern und hatten nebst einem mehr als hinreichenden Maße allgemeinen Wissens auch religiöses und hebräisches Wissen mitgebracht. Die Gegner der confessionellen Volksschule streben mit aller Kraft und allen Mitteln die Assimilation mit ihren christlichen Mitbürgern an, aber ihr Streben ist wohl sehr löblich und des Schweißes der Edlen werth, allein es ist. vergeblich. Wir wollen uns assimiliren — aber man stößt uns zurück, man mag uns einfach nicht. Ob es da noch am Platze ist, nachzukriechen, möge Jeder vor seiner Manneswürde verantworten. Unsere heutige Betrachtung, die sich auf langjährige Erfahrung stützt, gilt wohl zunächst der pädagogisch-didaktischen Seite der Schulfrage, aber wir wollen auch die politische nicht ignoriren. Herr Dr. Friedrich Elbogen hat unseres Erachtens als Mann des öffentlichen Lebens und als Parteipolitiker die Angelegenheit zu sehr vom Parteistandpnnkte aufgefasst. Für Wien mögen seine Ansichten vielleicht richtig sein, ob aber auch anderswo, bleibt fraglich. „Eines schickt sich nicht für Alle." Blicken wir zunächst auf unser Nachbarland Ungarn. Die ungarischen Inden sind gewiss gute Patrioten, das wird wohl niemand bestreiten, aber jede israelitische Cultusgemeinde hat ihre confessionelle Volksschule, und es ist noch keinem ungarischen Christen eingefallen, die Juden zur Auflösung ihrer Schulen zwingen zu wollen. Der würde sich schlecht berathen, dem so etwas einfiele. Anders freilich die Juden in den deutschen Städten Böhmens. Kaum war das Volksschulgesetz vom Mai 1868 in Wirksamkeit getreten, als sie sofort an die Auflösung ihrer confessionellen Volksschulen schritten, . Nach 30 Jahren möchten wir sie heute fragen, welche Erfolge sie eigentlich erzielten. Haben sie sich wirklich assimilirt? Die Juden in Saaz, Eger, Teplitz u. s. w., wollten sie der Wahrheit die Ehre geben, müssten hierauf ein bitteres „Nein!" antworten. Der Antisemitismus hat sie aus allen Vereinen, selbst aus solchen, die sie eifrigst begründen halfen, denen sie große Opfer an Geld, Zeit und Mühe brachten, hinausbefördert, und mitunter sogar etwas unsanft. Glauben übrigens die Vertreter der allgemeinen Volksschule, welche die confessionelle um jeden Preis perhorreszieren, dass die erstere heute noch das ist, was der Gesetzgeber ursprünglich von ihr dachte — eine inter-

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