Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 4 (25.1.1899)
- Date
- 1899-01-25
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 14. Beilage: Mesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung." Nr. 4. Der Roman der Affaire Dreyfus. Der Cassationshof, welcher schon so Vieles in der dunklen Dreyfus-Affaire anfgeklärt hat, wird sich wahrscheinlich demnächst auch mit der Frage beschäftigen, ob der mehr als ein Jahr vorder gegen den Capitän erhobenen Beschuldigung im „Petit Journal" erschienene Roman „Die beiden Brüder" blos zufällig mit den verschiedenen Stadien der Affaire Dreyfus sich deckt, ob der Dichter durch Zufall wirklich Prophet gewesen, oder ob nicht die Verbrecher, welche die Affaire Dreyfus durch eine Reihe von Fälschungen schmiedeten, sich den Roman zum Vorbild genommen haben, indem sie nach dem Muster dieses Verbrecher- Romaues ihren Anschlag concipirten und zur Ausführung brachten. Im November 1894 wurde Capitän Dreyfus verdächtigt und verhaftet. Schon im Juni 1893 erschien dieser Roman, welcher bis in alle Details die Affaire Dreyfus darstellt, welcher Ereiguiße erzählt, die erst in einer späteren Zukunft wirklich eingetreten sind. Ein junger Officier, Hauptmann Philippe Dormelles, hat soeben eine Position im Kriegsministerium erhalten. Zwei seiner College», Anrslien und Daniel, wollen ihn verderben. Eine Frau ist das Motiv ihres Haffes. Aurslien, fo heißt es in dem Roman, sein Monocle mit einer sicheren Geste in's Auge kneifend, sagt zu Daniel: Philippe Dormelles kennt durch seine Stellung im Kriegsministerium alle Geheimniße der nationalen Vertheidigung. Da man diesen Menschen nicht durch einen Unfall verschwinden lassen kann, werden wir ihn entehren, er wird dadurch auch sicher getödtet. Daniel, welcher in seinem Kopfe lange Zeit den Plan mit bis in die kleinsten Details ausgearbeitet hatte, erwidert darauf: Das ist sehr leicht, der Chef des Dormelles, Oberstlieutenant Alleward, ist mein Freund und ich brauche, wenn ich in das Kriegsuüuisterium komme, mich nur umzusehen, wo sich die Schachtel mit den geheimen Actenstücken befindet. Mau kann dem Chef des Capitäns Philippe Dormelles leicht ein compromittirendes Actenstück in die Hände spielen, welches er dann unter den geheimen Papieren findet. Man schreibt ein Couvert mit der Adresse des Francis Merz, von welchem man in Paris weiß, dass er der Strohmann des Majors v. Slippen, des Chefs der Spionage des deutschen Generalstabes ist. Ein Brief mit einem geschickten Text wird hineingelegt, welcher von der Schrift des Dormelles ist, die so ausgezeichnet nachgeahmt ist, dass Philippe selbst kaum leugnen kann, dass es seine Schrift sei.. . Die Fälscher setzen sich zusammen, entwerfen den „geschickt sabricirten Brief" und sind entzückt, wie ausgezeichnet die Fälschung gelungen ist. Man hat dem Chef des Philippe Dormelles das Actenstück, welches au einen fremden Militär- Attache adressirt ist, in die Hände gespielt. Dormelles wird natürlich verhaftet; man sendet ihn in das Gefängnis Cherche- Midi. Daniel, der Fälscher, sagt, dass man nun die Presse benützen müsse, um die öffentliche Meinung gegen den Hochverräther aufzuregen. „An demselben Abende der Verhaftung muß ein mir ergebenes Journal einen großen Lärmartikel veröffentlicheu,welcherPhilippeDormelles desHochverrathes anklagt." Das geschieht im Roman und das geschah bekanntlich auch in der Wirklichkeit. Im Roman heißt die Zeitung „Le Vigilant". Auf der ersten Seite erzählt sie von dem Hochverrath, welchen Hanptmann Philippe Dormelles begangen hätte, indem er geheime Documente an die fremde Macht ausgeliefert hat. Dieser Artikel schließt mit den Worten: „Eine Hausdurchsuchung wurde in der Wohnung des Berräthers vorgenommen und führte zur Entdeckung wichtiger Documente, welche sich insbesondere auf die Fabrikation des rauchlosen Pulvers beziehen. Philippe Dormelles war gezwungen, sein Verbrechen einzngestehen . . ." Dasselbe war in der Wirklichkeit der Fall. Der Kriegsminister Mercier wurde durch die „Libre Parole" gezwungen, die Verfolgung gegen Dreyfus einzuleiten, und selbst die Lüge wurde gebraucht, dass Dreyfus gestanden habe. Aber noch erstaunlicher erscheint jener Theil des Romans, in welchem eine verschleierte Dame auftritt, um dem einen der Verbrecher die Möglichkeit zu geben, sich von seiner Verlobten zu befreien. Ein Brief mit einer falschen Unterschrift ladet die Dame ein, in eine verlassene Gegend nahe den Champs Elysses zu kommen, an denselben Punkt, an welchem drei Jahre später Esterhazy von der „verschleierten Dame" das „rettende Document" erhalten haben will. Die Untersuchung und das Verfahren gegen den unglücklichen Capitän Dormelles nimmt auch einen ähnlichen Verlauf wie die ganze Geschichte Dreyfus. Der Hauptbelastungszeuge gegen Philippe Dormelles ist Oberstlieutenant Alleward. Capitän Dormelles kommt in's Bagno, aber auch die Lösung der ganzen Uebelthat im Romane Letang's hat Aehnlichkeit mit der Lösung der wirklichen Affaire Dreyfus. Die Fälschungen werden entdeckt, Dank den heldenmüthigen Bemühungen der Braut des Dormelles; Oberstlieutenant Alleward, welcher sieht, dass die Beweise für die Unschuld des Capitäns Philippe Dormelles und für seine eigene Schuld sich häufen, tödtet sich im Gefängniße, indem er sich mit einem Revolverschuß das Hirn zerschmettert. Verschiedene Nachrichten. Olmütz. Am 22. Jänner d. M, fand unter großem Andrange des Publikums die Trauung des Fräulein Friderike Latzer mit Herrn Bernhard Fleischmann statt. Frl. Latzer ist die Tochter des vor mehreren Jahren verstorbenen Cantors Josef Latzer, welch' letzterer 40 Jahre im Dienste der hiesigen Gtmeinde stand. Den Traüungsakt vollzogen Rabbiner Dr. Oppenheim und Oberkantor Schlesinger. Fünfkirchen. Montag, den 16. d. M. ist die Gattin unseres Chormeisters Isidor Goldstein im 41. Lebensjahre gestorben. Dem tiefbetrübten Gatten kamen aus allen Kreisen der hiesigen Gemeinde aufrichtige Theilnahmskundgebnngen zu. Magdeburg. Am 1. Jänner feierte Herr Obercantor I. Mannheim in Landsberg a. W. sein 25jähriges Amtsjubiläum. Aus diesem Anlasse fand bereits Freitag, den 30. December. nachmittags 4 Uhr in der festlich geschmückten Synagoge ein Festgottesienst statt. Derselbe begann mit einem vom Jubilar componirten Kn towu, worauf das übliche Minchagebet vorgetragen wurde. Hierauf würdigte Herr Rabbiner Dr. Elsass von der Kanzel aus die vielseitigen Verdienste des Jubilars auf allen Gebieten seines heiligen Berufes, wie er stets eifrigst bestrebt war, den Gottesdienst zu veredeln und zu verschönern und dadurch die ganze Gemeinde zur Andacht zu erheben, und schloß, mit einem tiefempfundenen Gebete für den Jubilar. Bei dem Abendgottesdienstc zeigte der Jubilar sein ganzes Können. Am Sonntag, den 1. Jänner, dem eigentlichen Jubiläumstag, brachte der vom Jubilar gegründete Synagogenchor unter Führung des Organisten Herrn Zodtner ein Ständchen. Um liy2 Uhr erschienen die Gemeindevorsteher und das Repräsentanten-Collegium und. überreichten unter warmen Ansprachen, als Beweise der Hochschätzung und aüscitigcn Zufriedenheit, nahmhafte Ehrengeschenke. Tiefgcrührt dankte der Jubilar für die hohen Ehren und Auszeichnungen, die ihm in fo reichem Maße zu Theil geworden, und knüpfte daran ein inbrünstiges Gebet zum Allgütigen, dass er ihm auch ferneren Schutz und Beistand angedeihen lasse. Gleich darauf erschien der Vorstand des israelitischen Schulvereines und überreichte dem Jubilar in Anerkennung seiner Thätigkeit als Gesangslehrer an der Schule einen herrlichen Pokal. Von den Vorstehern und Repräsentanten erhielt der Jubilar außerdem noch ein kostbares Privatgeschenk, dann zahlreiche Geschenke, Blumenspenden rc. seitens der Gemeindemitglieder. Auch von auswärtigen Freunden und Collegen langten Glück- und Segenswünsche in großer Zahl ein. London. Die „Morning Post" veröffentlicht die Einzelheiten eines Falles, der wirklich eine amüsante Illustration der polizeilichen Controle ist, die sich die Juden in Rußland gefallen lassen müssen. In Rußland ist den Inden von der Polizei genau vorgeschrieben, welche Namen sie ihren Kindern geben müssen. Sie sind auf biblische Namen beschränkt, und zwar dürfen sie nicht die modernisirte Form dieser Namen wählen. Ein Jude darf seinen Sohn z. B. Abraham oder Jakob heißen, aber nur in der hebräischen oder jüdischen Form Avrohom und Pänkev. Der angeführte Streit vor dem Senat drehte sich um Samuel. So hatte ein südrussischer Jude seinen Sohn genannt. Die Polizei verbot diese Form als polizeiwidrig und bestand auf Schemuel. Der Jude appellirte an den Reichssenat, und dieser entschied, dass in diesem bestimmten Fall die Polizeivorschriften nicht verletzt worden seien, da Schemuel nur eine Variante von Samuel sei.