Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1899-01-25 · Heft 4 (25.1.1899) · page 13

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 4 (25.1.1899)
Date
1899-01-25
Page
– (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3062972-3062973-3062977--00066-3066548
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 4. Beilage.- „ Oesterreich isch-ungarische Lantoren Aeiluny" Seite 13. Meschorerim. Von L. Rresenfrld, Oberlehrer in Ung.-Brod. Wir betreten eine Synagoge, in welcher der Gottesdienst nach polnischem Ritus abgehalten wird. Der Cantor steht ans seinem Platze, um ihn herum das Chorpersonal. Der Gottesdienst ist würdig und weihevoll, die Chöre werden präcise vorgetragen und zeugen von Geschmack, Fleiß und Liebe seitens aller Betheiligten. Wir verweilen bis zum Schlüsse des Gottesdienstes, trachten die Bekanntschaft des Cantors und seiner Gehilfen zu machen, um uns über die Verhältniße hinter den Conlissen auch ein wenig zn informiren. Da erfahren wir denn mancherlei, das uns außerordentlich interessirt. Bald sind wir in der Lage, die Sänger — hier heißen sie Meschorerim — in mehrere Hauptgrnppen zu theilen: Leichtlebige und Ernste, Ledige und Verheirathete. Singen kann Alles, und zwar regelrecht, die meisten sind sehr geschulte Blattleser und besitzen eine mehrjährige Praxis im Vortragen jüdischer Tempelgesänge. Forscht man aber weiter, wie es mit der Bildung dieses Sängervolkes bestellt ist, so stößt man gewöhnlich auf eine schreckliche Wüste: die meisten können nicht deutsch, nicht hebräisch, oft nicht lesen und nicht schreiben. Die Ursache ist sehr naheliegend. Als Kind im zarten Jngendalter, begabt mit einem wohlklingenden Organe kommt das „Jüngel" zu einem Cantor, besucht, oder vielmehr nicht, irgend ein Olredor, lernt zur Noth im Gebetbuche mechanisch lesen, wird gesanglich geübt, singt Solo oft zum Entzücken einer ganzen Gemeinde und bildet ein Stück Erwerb für seine armen Eltern. Der Cantor hat sich nämlich vertragsmäßig verpflichtet, das „Jüngel" zu kleiden, zn verköstigen und an dessen Eltern monatlich 2—3 fl. zn bezahlen. Sind die Einkünfte des Cantors nur spärlich — und das ist größtentheils der Fall — verursacht die Erfüllung des Vertrages mancherlei Beschwerden. Kommt die Zeit des Mutierens. so beginnen schlechte Zeiten für das arme ,.Jüngel". Nimmt sich jemand des Kindes an. und ist dasselbe guten Charakters, so trachtet es irgend ein Handwerk zu lernen, einen Nahrungszweig zu erwerben. Ist diese schwere Zeit des Nichtsingens vorüber und zeigt sich nur ein Stückchen Stimme, so geht es dem jungen Manne — aus dem Jüngel ist jetzt ein solcher geworden — wie dem alten Schlachtroß, das die Trommel hört; er sucht sich lvieder einen Cantor, um als Tenor oder Bassist seine Künstlerlaufbahn zu beginnen. Wer sucht, der findet. Der junge Mann erhält freie Station und monatlich 10 fl. Honorar, die ihm 'gehören, da jetzt nichts mehr an die Eltern geschickt wird; die erlangte Selbständigkeit enthebt ihn dieser Verpflichtung. Es machen sich schon andere Bedürfniße geltend. Das Kaffeehaus mit seinen Reizen zieht den jungen Mann an, Billard, Domino, Karten, Cigarren, hie und da auch Amor, alles kostet Geld, insbesondere erfordern Kleider und Wäsche erhöhte Auslagen. Mit dem zunehmenden Alter wird die Stimme stärker, klangvoller, theurer. Es beginnt nun ein Wanderleben, welches die schönsten Jahre verbraucht. Der Meschorer ist bereits „eingesungen", verdient soviel, als er zum Leben braucht, und denkt nicht an die Zukunft. Die Jahre vergehen. Ans dem jungen Meschorer ist ein alter geworden, des Lebens Mühe und Noth macht sich oft sehr stark geltend, von einer Besserung seiner Verhältniße kann keine Rede sein. Ein Glück ist es, dass er nicht verheirathet ist, dass er nur für sich und nicht auch für Weib und Kind zu sorgen braucht. Der verheirathete Meschorer! David hat als Kind durch eine herrliche Sopranstimme alle Welt entzückt, hat nach dem Mutieren sich dem Handel zugeweudet und war mit 18 Jahren der schönste „Jung" in der Gemeinde. Es konnte daher nicht Wunder nehmen, dass Malke, des Nachbars schwarzäugige Tochter, nach ihm ihre Netze auswarf, und da sie über 1200 fl. Mitgift verfügte, konnte sie sich getrost einem Schadchen anvertrauen. Davids Vater, der sich bereits darauf freute, Enkel auf seinem Schvoße zu wiegen, wurde durch 100 fl. zum Bundesgenossen erworben. Seiner väterlichen Autorität gelang es bald, David zn überzeugen, dass es erstlich seine relig iö s e Pflicht sei, mit 18 Jahren in den Ehestand zu treten, ein „Balbos" zu werden: ferner dass die schivarzäugige Malke für ihn eine in jeder Hinsicht annehmbare Partie bilde, und endlich, dass 1200 fl. Nedan vollkommen ausreichen, ein Geschäft zu führen, ja wenn der liebe Gott Glück gibt, ein reicher Mann zu werden. Drei Jahre später erfreuen bereits zwei Enkel das Herz des Alten. David ist schon 21 Jahre alt, mannbar geworden, Malke ist eine fromme junge Frau, selbstverständlich mit einem „Scheitel" auf dem Kopfe, und die 1200 fl. Nedan sind so ziemlich — aufgegessen worden. Was nun thun? Wovon leben? David hat eine schöne Bassstimme, versteht etwas von Noten und Singen, hat auch bisweilen an den hohen Feiertagen als Bal-Tefilla fnngirt und sehr gut zngesagt. Wie wäre es, wenn er sein Glück als Meschorer versuchen würde, vielleicht kommt er da auf einen grünen Zweig? Er verlässt mit schwerem Herzen seine Familie und sucht in der Fremde Brot für dieselbe. Er ist ernst, recht ernst geworden. Er denkt unausgesetzt an seine Lieben daheim, sendet ihnen, soviel ihm möglich ist, und kennt nur ein Ziel, in irgend einem Winkel der Erde vereint mit seiner Familie eine halbwegs sichere Eristenz zn finden. Wo ist aber dieser Erdenwinkel? Er singt als Bassist in Galizien, Ungarn, Deutschland, London und Amerika, verdient, soviel ein Bassist verdienen kann, immerhin für eine Familie zn wenig. Sein Ideal, er hat es längst erkannt: als Cantor eine selbstständige Stellung in einer noch so kleinen Gemeinde zu erlangen, um bescheiden leben zu können. Aber wie ist dieses Ideal zu erreichen? Singen, Vorträgen, das ginge schon, aber der Cantor in den meisten Gemeinden muß auch Schächter und Kore sein, und woher die Fähigkeit hierzu nehmen? Er probirt Dies und Jenes. Durch sein bescheidenes Wesen erwirbt er sich gute Freunde, sein harter Kampf mit dem Schicksal weckt ihm überall Theilnahme. Gute Menschen kommen ihm zu Hilfe, er lernt, plagt sich, und nach einigen Jahren erreicht er glücklich sein Ziel. Er wird als Cantor, Kore und Schochet in einer kleinen Gemeinde angestellt, und kann endlich seiner Familie ein Heim bereiten. In neuerer Zeit entstehen in den Baron Hirsch'schen Volksschulen segensreiche Institute, die ganz geeignet wären, dem großen Elende der strebsamen Meschorerim abzuhelfen. Sie vermitteln Bildung und Wissen bis zu einem gewissen Grade, und es ließen sich mit diesen Schulen ganz gut Curse verbinden, welche das Schlachten und das Thoralesen lehren und üben könnten. Hierdurch würde ein doppelter Zweck erreicht werden. Der ernftdenkeude Meschorer würde einem nützlichen Berufe zngeführt werden, und die Gemeinden erhielten Fnnctionäre, die musikalisch gebildet sind und nach Maßgabe der zur Verfügung gestellten Mittel im Stande wären, einen Tempelchor heranzubilden.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.