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Die Wahrheit · 1899-01-25 · Heft 4 (25.1.1899) · page 15

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 4 (25.1.1899)
Date
1899-01-25
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 4. Die Wahrheit. Seite 1S>. Der Nihilist. Ein Zeitroman aus dem russisch-jüdischen Leben Von Moritz Scherbel. . (Nachdruck verboten.) (i. Fortsetzung.) „Der erstere" — erwiderte Jener — „wird mit der Zeit ein überwundener Standpunkt bei allen Gebildeten werden, wie er es jetzt bei uns schon ist; was aber die sittliche Weltordnung betrifft, so wollen auch wir an ihr nicht rütteln." „Der Glaube an einen Gott — ein überwundener Standpunkt?" — sprach Gabriel, indem er sich bemühte, den widerlichen Eindruck, den diese Phrase bei ihm hervorgerufen, zu bezwingen. — „Nun mein Herr, nehmen Sie mir die Bemerkung nicht übel. Sie stehen mit Ihrer Jugend noch so fern von dem ernsten Gebiete der Lebenserfahrung, dass Sie kaum aus eigener Erkenntnis zu dieser Verleugnung der heiligsten Grundsätze gekommen sein können. Sind Sie vielleicht schon in Ihrem elterlichen Hause zu solchen Anschauungen gelangt?" „Ich nehme nicht Anstand. Ihnen mitzutheilen, dass mein Vater gleichen Anschauungen huldigt, dass es auch meine Mutter thut, die, wie sie mir erzählte, den conservativen Geist, den sie aus ihrem elterlichen Hause mitgebracht, mit der Zeit fallen ließ." „Dies erklärt mir", sprach Gabriel, ..genugsam die Art und Weise, wie Sie von Gott und Religion sprechen, aber die Zeit wird es lehren, inwieweit Ihre Eltern, wenn sie selbst auch eine solche Richtung verfolgen, dazu berechtigt waren, auch ihr Kind dem Gottesglauben zu entfremden." „Aber Gabriel, welches Recht steht Ihnen zu, Kritik an den Ellern zu üben, weil sie ihr Kind nach der Eingebung ihres Herzens und ihrer Vernunft erzogen haben?" fragte Fremma in vorwurfsvollem Tone. „Ich nehme an, geehrtes Fräulein", erwiderte ihr Wandelowicz — „dass der Herr hier in der besten Absicht ans die Erziehungsweise meiner Eltern hinwies, Ihnen aber danke ich für den Eifer, mit welchem Sie sich der Meiuigen angenommen haben." „Mir lag es gewiss fern", sprach Gabriel, Sie zu kränken oder Ihre Eltern zu beleidigen, aber gestatten Sie mir. im Hinblicke auf den Dienst, den ich Ihnen zu leisten Gelegenheit hatte, Ihnen einen wohlgemeinten Rath zu geben: Sie sind, wie ich annehme, Jude, und darum geziemt es Ihnen am allerwenigsten, solche verbrecherische Wege zu wandeln. Kehren Sie zurück zu jener Achtung, die wir vor dem Staatsgesetze haben müssen, und sagen Sie sich los vom Nihilismus!" „Ich danke, mein Herr, für Ihre gute Meinung; allein ich bleibe auf dem Wege, auf welchen die ernsteste Ueberlegnng mich geführt hat." „Dann habeich Ihnen nichts mehrzu sagen", erwiderte Gabriel. „Und Sie, geehrtes Fräulein" — wandte sich Jener an Fremma — „Haben Sie kein Wort der Ermuthigung für den Flüchtling?" „Möge Sie ein guter Stern zu einem heilbringenden Ziele führen!" sprach sie, vor dem flammenden Blick des Studenten den ihrigen niederschlagend. Hierauf verließen Gabriel und Fremma das kleine Zimmer. Hirsch Glanzberg saß tief über den Folianten gebeugt; die Rückkehr der Beiden weckte ihn ans seinem Nachsinnen. Gabriel sah verstimmt ans. „Ich sehe es Dir an, Gabriel, dass Deine Versuche an dem Nihilisten erfolglos geblieben sind." „So ist es." „Dann sorgt dafür, dass er möglichst schnell aus dem Hause kommt." „Wir wollen noch eine Stunde warten" sprach Gabriel auf die Uhr sehend. Darauf ging er au den Bücherschrank, holte sich ein Buch und versenkte sich i» dasselbe. „Gute Nacht!" erscholl es bald darauf von Fremma, die ihr Schlafzimmer aufsnchte. Eine Stunde später trat Gabriel wieder bei dem Nihilisten ein. ..Es ist Zeit dass Sie anfbrechen, der Besitzer dieses Hauses will es so, er ist ein getreuer Unterthan seines Kaisers." „Mag er es bleiben. Mir gegenüber hat er edel gehandelt und ich möchte nicht von dannen ziehen, ohne seinen Namen kennen gelernt zu haben." Gabriel überlegte einen Augenblick, dann sagte er: „Der Besitzer dieses Hauses ist Hirsch Glanzberg." „Das Fräulein ist seine Tochter?" „Seine Enkelin!" — sprach Gabriel finster und ergriff das Licht, um dem Flüchtling hmauszuleuchteu „auf den Hof, von wo derselbe durch eine Hmterthür in ein enges Güßchen gelangte und im nächtlichen Dunkel verschwand. II. Das Versprechen. Nach längerer Wanderung gelangte Alexander Wandelowicz in die Vorstadt. Aus einem der zerstreut liegenden Häuser schimmerte ihm ein Licht entgegen; dorthin lenkte er seine Schritte. Die Hausthiire stand offen, und kaum war er in den beleuchteten Hausflur getreten, als ihm eine Frau mit ängstlicher Miene entgegen kam. „Bist Du endlich da? Ich war schon sehr um Dich besorgt!" „Beruhige Dich, liebe Taute" — erwiderte der junge Mann — „es gab nur ein kleines Abenteuer." Frau Rebekka Aronsohu, die er Taute nannte, war eine weitläufige Verwandte seiner Mutter. Als er gestern in Gomel eingetroffen war, hatte er ihr Haus ausgesucht, ohne sie jedoch über den Zweck seiner Reise aufzuklären. Um so mehr war sie heute durch sein langes Fortbleiben geängstigt. Jetzt aber, da sie den Gast in ein behaglich erwärmtes Zimmer führte, sprach ans ihrem gutmüthigen Gesichte die hellste Freude, ihn wieder heil bei sich zu sehen. Auf dem reinlich gedeckten Tische stand ein kräftiges Abendbrot bereit, das Alexander auf Einladung der Frau Aronson, die sich ihm gegenüber niederließ, mit gutem Appetit verzehrte. „Sage mir doch, liebe Tante", Hub er endlich an, „kennst Du hier die Familie Glanzberg?" „Wie kannst Du nur so fragen? Dieser Name ist weit und breit bekannt; es gibt indess einen alten und einen jungen Glanzberg — Vater und Sohn." „Ich meine vorerst nur den alten Glanzberg. Bei ihm befindet sich seine Enkelin, sicherlich eine Tochter des jungen Glanzberg, von dem Du gesprochen." „So ist es. Aber wodurch kamst Du zu dieser Kenntnis?" „Durch welchen Zufall ich die junge Dame kennen gelernt, sollst Du später einmal erfahren; nichtsdestoweniger beschwöre ich Dich, liebe Tante, mir Gelegenheit zu einer Zusammenkunft mit ihr zu verschaffen. Ich muß sie sprechen, bevor ich abreise, unter allen Umständen sprechen, da mein Lebensglnck davon abhängt." „Du scheinst in die schöne Fremma verliebt zu sein, glaubst Du aber auch, dass Deine Gefühle ihrerseits Erwiderung finden?" „Ich glaube uud hoffe es." „Das ist allerdings sehr rasch gegangen, aber bedenke, lieber Alexander, dass die junge Dame einer hochachtbaren Familie angehört und dass ich niemals meine Hand dazu bieten würde, wenn Du mit ihrer Ehre ein leichtsinniges Spjel treiben wolltest." „Die Ehre dieses Mädchens steht mir höher, als jedem Andern in der Welt!" — versicherte Alexander mit großer Aufrichtigkeit. „Nun. wenn Du ehrliche Absichten hast, dann will ich sehen, was sich thun lässt." Nachdem Beide noch eine Weile lang verschiedene Famitienverhältniße besprochen hatten, zog sich Alexander bald in sein! Schlafzimmer zurück. (^or-sctzunq.fokgl.)

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