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Die Wahrheit · 1899-01-25 · Heft 4 (25.1.1899) · page 10

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 4 (25.1.1899)
Date
1899-01-25
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10. Die Wahrheit. Nr. 4 Vermischte Nachrichten. Persousluachrrchkru. Sonntag den 29. d. M., um 3 Uhr nachmittags findet im Stadttempel die Trauung des Frl. Emma Kahn mit Herrn Carl G c r st l statt. Wien. Sonntag den 22. d, M-, fand die Beerdigung des im 78. Lebensjahre verblichenen Oberinspectors der k. k. priv. Ferdinands- Nordbahn, Herrn Koppelmann Sachsel, unter zahlreicher Betheiligung, namentlich aus den Kreisen der Bahnbeamten statt. Im Trauerhause erschienen die Herren David Ritter v. Gutmann, Baurath Sliaßny, Eman Baumgarten, der Präsident des Chewra Kadischa, Jaques Branders, Bethflus-Borstcher Wafiervogrl und Vertreter verschiedener humanitärer Vereine. Nachdem Obercantor Goldstern unter Assistenz des Cantors Blatt und des Tempelchors die üblichen Psalmen vorgetragen hatte, würdigte Sr. Ehrw. Rabbiner Dr. Schmicdl die Tugenden und Verdienste des Heimgegangenen, der seit dem Jahre 1848 bei der ersten osterr. Bahn activ war und durch sein tüchtiges und hervorragendes Wirken vielseitige Anerkennung gefunden hat. Oberinspector Koppelmann war Ritter des Franz Josefs-Ordens, Besitzer des goldenen Berdienstkreuzcs mit der Krone, des Pers. Sonnen- und Löwen-Ordeus rc. Ehre seinem Andenken! Wie». Bei zahlreicher Betheiligung von Seite der Mitglieder und auch theilnehmender Gäste aus anderen Bezirken fand am Sonntag Abend der Tranergottesdienst statt, den alljährlich der israelitische Humanitäts-Verein im X. Bezirke um diese Zeit veranstaltet. Nach Vortrag des Mineha und Maariw- Gebetes durch Cantor Kunst und I. Cantor Schlesinger hielt Rabbiner Löwy die Festpredigt. Mit dem üblichen Hlsuuolio Asedaurro und Oleiru schloß die erhebende Feier. Der Methusalem von Wien. Es scheint fast unglaublich, ist aber doch, wie amtliche Dokumente beweisen, Thatsache, dass vor Kurzem der in Wien, Währing, Schopenhaucrstrasie Nr. 39 wohnhafte M. L. Kohn seinen hundertzwölften Gebutstag in vollster geistiger — und man wäre beinahe versucht zu sagen — in gleicher körperlicher Frische an der Seite seiner zweiten Frau, einer achtzigjährigen Matrone, gefeiert hat. Eine Dame, welche diesen modernen Methusalem am Vortage seines Geburtstages besuchte, war überrascht von dem Aussehen wie nicht minder von dem Benehmen desselben. Als die Dame das Zimmer betrat, stand er vom Lehnstuhle auf und lud die Besucherin ein, Platz zu nehmen. Sie brachte ihm ein Glas cingesottenes Obst, welches er mit freundlichem Danke annahm und bemerkte, dass ihm dieses sehr erwünscht komme, da ihm insbesondere in der Nacht, wenn er manchmal wegen asthmatischer Beschwerden nicht schlafen könne, ein Löffelchen davon Linderung verschaffe- Gesicht und Hände des Greises sind — wie die Besucherin mit Staunen beobachtete — fast noch ganz faltenlos. Ein schneeweißer Bollbart umrahmt das Gesicht. Auf Wunsch der Besucherin nahm der Greis die Hauskappe ab, und man konnte nun sehen, dass dichtes, schneeweißes Haar den Kops bedeckt. „Sie haben gewiss", meinte die Dame, „einmal den Mädchen sehr gefallen?" — „Das weiß ich gerade nicht", antwortete der Greis mit einem Lächeln, „aber sicher ist, dass — die Mädchen mir gefallen haben". Wie es sich aber im Laufe des Besuches zeigte, ist der Greis, obwohl er, wie er einbekannte, ein großer Damcnfrcnnd war, nichtsdestoweniger auch ein sehr guter Ehemann. Seine Frau ist nämlich gichtleidend, und da das Ehepaar nur ein Sopha besitzt, auf dem der Hausherr ruht, wenn er früh am Morgen das Bett verlosten hat, will er durchaus nicht tagsüber dasselbe benützen, damit seine Frau, welche trotz ihres Leidens ohne fremde Beihilfe die häuslichen Arbeiten verrichten muß und die kleine Wohnung besonders nett und rein erhält, auch auf diesem Sopha ausruhe. Als der Greis zur nicht geringen Ueberraschung noch mittheilte, dass er ohne Augenglas lese, ersuchte ihn die Dame, ihr etwas vorzulesen. Rasch nahm er das Gebetbuch zur Hand und las richtig aus demselben vor. Bei einer Stelle, die einen Segensspruch enthält, angelangt, legt? er segnend die Hände aufs Haupt der Dame und las diese Scgenssprüchc klar und deutlich. Schließlich sagte er noch: „Ich habe nie Hungernde, die meine Hilfe in Anspruch nahmen, ungesättigt aus meiner Wohnung ziehen lasten, und darum glaube ich fest, dass der liebe Gott mich so alt werden lässt und auch mich gute Menschen in meinen letzten Lebensjahren — nicht hungern lasten werden." Wsidtzofen s/d. Thaya. Unsere wackere und verdienstvolle Präsidentin des Frauen-Wohltäthigkeils-Vereines, Frau Antonie Sing e r. hat einen herben Verlust erlitten. Ihr Vater, Herr Josef Schüller, Begründer der Firma Josef Schüller & Söhne in Wien, ist im Alter von 79 Jahren nach kurzem Leiden gestorben. Der Heimgegangene verband mit einer tiefen allgemeinen Bildung ein gründliches jüdisches Wisten, und sein patriarchalisches Wesen erinnerte lebhaft an die ehrwürdigen jüdischen Gestalten der Vergangenheit. Tiefe Lebensweisheit und fromme Einfalt des Herzens waren bei ihm in schönster Harmonie verbunden. Solche Gestalten verdienen es, bei der Nachwelt als leuchtendes Beispiel eines Juden, wie er sein soll, in gesegnetem Andenken fortzuleben. — Möge diese Erwägung seiner verwaisten Familie Trost und Beruhigung gewähren! Prag. Am 21. d. M. ist hier im hohen Alter von 83 Jahren der ehemalige Chef und Mitbegründer der Firma M. Fischel & Söhne, Herr Samuel Fischl, gestorben. In Folge andauernder Kränklichkeit hatte sich Herr Fischl schon vor mehreren Jahren gänzlich von seiner geschäftlichen Thätigkeit zurückgezogen und wirkte von dieser Zeit an ausschließlich in hervorragender Weise in den meisten Humanitären und gemeinnützigen Corporationen. Seine besondere Fürsorge widmete er dem israel. Freitischvereine, dem er durch viele Jahre als Vorstandsmitglied angehörte, und dem Vereine für geregelten Gottesdienst, der ihn zum Ehrenmitgliede ernannte. Er führte auch den heute bereits obligatorisch bestehenden Jugendgottesdienst im Neuen Tempel für die israel. Zöglinge der Volks- und Mittelschulen ein. Das Leichenbegängnis fand unter überaus großer Betheiligung Sonntag den 22. d. M. statt. Antisemitische Rathschlage und Hoffnungen. Das Jieiner Blatt „Lrallonos" beklagt sich in seiner letzten Nummer darüber, dass es mit dem Antisemitismus nicht vorwärts gehen wolle, und dass der Antisemitismus nicht zur Blühe gelangen könne, solange nicht der Verein „Mroävi Odrana", der bekanntlich in Folge der angezettelten und organisirtcn Verbrechen des Dezembers 1897 behördlich aufgelöst wurde, durch einen neuen Verein mit denselben antisemitischen Tedenzen werde ersetzt fein. Das Blatt äußert sich hiebei u. A. in folgender charakteristischer Weise: „Vom jüdischen Kaufmanne werden unsere Leute mit aller Höflichkeit und Zuvorkommenheit empfangen; der jüdische Kaufmann ist im Stande, wegen einiger Kreuzer den ganzen Laden zu durchsuchen, während man bei unseren Geschäftsleuten nur verdrießliche, mürrische, zur Bedienung keine Lust zeigende Gesichter sieht. Unser Geschäftsmann hat überdies gar oft nicht eine solche Auswahl, wie der jüdische Kaufmann, und legt, wenn es sich um Maaren handelt, die nicht am Lager sind, lange nicht die Bereitwilligkeit an den Tag, die Waare zu bestellen, wie der jüdische Kaufmann." Budapest. Freitag, den 13. d. M., Nachmittag, fand die Beerdigung des durch seine litterarisch-kritischen Schriften berühmten Feuilleton-Redacteurs des „Pester Lloyd" Dr. Ad. Silberstein statt. Außer dem Unterrichtsminister Dr. v. Wlassies und den Mitgliedern des „Pester Lloyd" erschienen zahlreiche Vertreter der Künstler- und Gelehrtenwelt, wie auch fast sämmtlicher Journale. Dr. S. war ein gebürtiger Budapester und erreichte ein Alter von nur 53 Jahren. Am Sarge trauern eine 80jährige Mutter, die gramgebeugte Witwe und ein 18jähriger Sohn. Die erste Gattin war eine Wienerin, Tochter des Professors Danneberg. Dr. S. vollendete seine philosophischen Studien in Heidelberg und Leipzig, wo ihm eine Docentur angetragen wurde, doch zog er es vor, sich der Journalistik zu widmen, und hat ans diesem Felde Großes geleistet. Seine Feuilletons, die mehrere starke Bände ausmachen, erschienen als ein werthvoller Beitrag zur culturellen Geschichte der letzten Jahre anlässlich seines 50. Geburtstages gesammelt. Von den selbständigen Büchern des Dahingeschiedenen sind zu erwähnen: „Katharsis des Aristoteles" (1867), „R. Gotischall" (1868), „Philosophische Briefe an eine Frau" (1873), „Dichtkunst des Aristoteles" (1876), „Strategie der Liebe" (1880), „Bibel der Natur" (4. Aust. 1880). Seine Verdienste als Ritter vom Geiste schilderte in beredten Worten Rabbiner Dr. S. Kohn im Trauerhause, wo Prof. Lazarus die Trauerfunction vollzog. Am Grabe sprachen noch Dr. Leo Veigelsberg namens der Collegen, und ein Mitglied der Petöfi-Gesellschaft. Möge das Andenken dieses Mannes, der auch für das Judenthum begeistert eingetreten ist, gesegnet sein!

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