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Die Wahrheit · 1899-01-25 · Heft 4 (25.1.1899) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 4 (25.1.1899)
Date
1899-01-25
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 4. Die Wahrheit. Seite 9. an einen größeren Kreis solcher Personen, die wir seit Jahren als Freunde und Förderer unserer Ziele und Zwecke kennen gelernt. Unsere Spendensammlung ergab den vollen Betrag von 60.000 fl. ö. W. einschließlich einer un§ von der Alliance Israelite Universelle zn Paris Angekommenen, großherzigen Widmung von 20.000 Francs. Nach Erledigung der dringendsten Vorarbeiten und unmittelbar nach Einlangen der ersten zuverlässigen Verzeichniße der Schäden, begab sich eines unserer Vorstandsmitglieder nach Westgalizien, um die Comitss zu vervollständigen und im Einvernehmen mit ihnen die Austheilungsart der Unterstützungen festzustellen. Auf Grund reiflicher Erwägungen setzte man.fest, dass der allerbedürftigsten Categorie der Ausgeraubten, die Schäden bis zu 150 fl. erlitten, mit dem ganzen Betrage, jenen aber, deren Verluste namhaftere Summen darstellen, durchschnittlich mit 300/^ aufzuhelfen sei. Die zugestandeueu Unterstützungsbetrüge stuften sich von fünf und zehn Gulden — dem Betriebscapitale von Dorfgehern und Marktfrauen — bis zu drei- und viertausend Gulden ab, welche Höchstbetrüge in zwei vereinzelten Fällen bewilligt worden sind. Die erste, größere Vertheilung fand unter Mitwirkung zweier Delegirten unseres Vereines Mitte August an Ort und Stelle statt. Damals gelangten 47.000 Gulden zur Aufteilung. Unsere Abgeordneten kehrten mit der Ueberzengung heim, dass die dargereichte Hilfe der großen Mehrzahl der bedachten 445 Familien die Neubegründnng einer Existenz ermöglicht hat. Die später successive eingegangenen Spendenbeiträge in der Gesammtsumme von 13.000 fl. kamen im December 1898 unter etwas mehr als 200 Familien zur Vertheilung. Parallel mit unserer Actiou lief die des galizischen Landescomites, das die Vertheilung seiner Spendensammlung unter jeweiliger Bekanntgabe der Unterstütznngslisten an uns selbständig vornahm. Auch bei diesem Anlässe hat es sich deutlich manifestirt. wie unentbehrlich gegenüber den Verfolgungen, denen unsere Glaubensgenossen allenthalben ausgesetzt sind. das Vorhandensein einer bleibenden Centralstelle ist, und wie uothwendig und wünschenswerth es daher wäre, wenn der Unterzeichnete Verein, der sich in der Erfüllung seiner Aufgaben bewährt und erprobt hat, diejenigen Mittel im ausreichenden Maaße zur Verfügung hätte, die ihm die Lösung seiner Zwecke ermöglichen würden. Wir wollen daher neuerdings an alle Glaubensbrüder den Appell richten, die Mittel unseres Vereines zu kräftigen. Vornehmlich wenden wir uns an die ehrwürdigen Herren Rabbiner und Prediger, an die Cnltusvorsteher, die Cultusgemeinden und Cultusvereine mit der dringendsten Bitte, unserem Vereine als Mitglied beizutreten. sofern sie es noch nicht sind, und unter ihren Freunden und Bekannten eine wirksame Propaganda zu entfalten. Die weitesten Kreise sind in der Lage, den jährlichen Mitgliedsbeitrag von 3 Gulden zu leisten, oder doch zumindest im Laufe eines Jahres eine noch so geringe Spende beizusteuern. Wir heißen jeden willkommen, der an dem großen Cultnr- und Hilfswerke des Judenthums fördernd Mitarbeiten mag. Wien. Samstag den 28. d. M., halb 7 Uhr abends findet im „Hotel Europe", II., Asperngasse 2 die Generalversammlung des „Ung. Ostraer Wohlthätigkeits-Bereines^ statt. Der Verein, welcher Heuer auf einen zehnjährigen Bestand zurückblickt, entwickelt eine zwar geräuschlose aber dennoch intenfive humanitäre Thätigkeit und verdient die wärmste Unterstützung aller wohlthätigen Glaubensgenofien. Wien. Der „Leopoldstädter Frauen-Wohlthiitigkeits-Berein", dessen immer zunehmende Entwicklung der überaus eifrigen Präfidentin, Frau kais. .Rath Dr. Bertha Kohn, II., Stefauiestraße 2 und den sie nach jeder Richtung unterstützenden Vorstandsmitgliedern zu verdanken ist, veranstaltet Mitwoch den 22. Februar in den Sofienfälen ein Costüme-Fest, „Volkstypen aus Oesterreich-Ungarn", für dessen Arrangement hervorragende Kunstkräfte aquirirt wurden. Karten find bei der Präsidentin und sämmtlichen Comitömitgliedern erhältlich. Das Reinertägnis ist dem von Vereine gegründeten „Kaiserin Elisabeth Lehrmädchen-Hort" bestimmt. Wien, 21. Jänner. Der Sozialwissenschaftliche Bildungsverein hielt vorgestern in der Ressource eine Versammlung ab. in der der sozialdemokratische Abgeorouete Daszynski vor einem ] zahlreichen Publikum über die Lage der galizischen Juden referirte. Redner gab zunächst die wichtigsten statistischen Daten. Die Inden bilden in Galizien zwölf Perzent der Bevölkerung. Da sie nicht gleichmäßig über das Land verstreut sind, sondern meist in geschlossenen Massen leben, ist der Perzentsatz der Juden in vielen Ortschaften und Städten ein bedentelid größerer. In kleineren Städten machen sie bis 80. aber auch in größeren Städten (Kolomea, Taruopol, Stanislau rc.) mehr als 50 Perzent aus. In Krakau und Lemberg ist ein Viertel der Einwohnerschaft jüdisch. Auch auf dem flachen Lande wohnen zahlreiche Juden:-sie sind hauptsächlich Vermittler, Gastwirthe. Kleinhäusler rc. Die Beziehungen der galizischen Juden zu der Schlachta stalnmen aus dem Mittelaller. Damals besorgten sie die Geschäfte des Adels; sie waren das Bindeglied zwischen den Schlachzizen und den Leibeigenen. In den Städten wohnten sie im Ghetto. Diese Verhültniße erfuhren eine gründliche Umgestaltung durch den modernen Kapitalismus. Er brachte den Juden die Emanzipation, die Möglichkeit, ins öffentliche Leben zu treten. Er hat aber auch zersetzend auf das Judenthum gewirkt, indem er ihm seine früheren wirthschaftlicheu Funktionen entzog. Durch die Entwicklung der Kommuuikationsmittel wurden die alten Jahrmärkte und Messen überflüssig, die Fabriken ruinirten das Kleingewerbe, die Banken erdrückten die kleinen Geldagenteu rc. Entsprechend der veränderten wirthschaftlicheu Situation änderte sich auch die politische Haltung der Juden. Die einen wurden Assimilanten, die anderen Zionisten. Aber noch immer stand die Acasse der Judeuschaft auf Seite der Stärkeren, das heißt der Schlachzizen. Das änderte sich erst, als der Klerikalismus sich immer mehr vorwagte. Bei den letzten Wahlen haben sich die jüdischen Proletarier von dem Einfluß der jüdischen Bourgeoisie losgemacht und zum erstenmal oppositionell gestimmt. Damit ist der Bruch zwischen reichen und armen Juden eine vollendete Thatsache geworden. Es gibt heute unter den Juden eine oppositionelle und eine regierungsfreundliche Strömung, der Klassenkampf in der jüdischen Gesellschaft ist offenkundig geworden und wird es immer mehr werden. Den Sozialdemokraten ist ein weites Feld für eine ersprießliche Agitations- und Organisationsthätigkeit erschlossen. In seinen weiteren Ausführungen sprach Abgeordneter Daszynski über den Zionismus. Der Zionismus sei eine kleinbürgerliche Bewegung, durch die die jüdischen Proletarier nur irregesührt werden können. Aufgabe der Sozialdemokraten fei es daher, die jüdischen Arbeiter vor dem Zionismus zn bewahren. Diese Aeußerung erweckte bei den zahlreich erschienenen Zionisten lebhaften Widerspruch und mehrere ihrer Redner versuchten die Behauptungen Daszynki's zu entkräften. Stampfen. Unter den verschiedenen löblichen Einrichtungen unserer Gemeinde ragt besonders der durch Initiative Sr. Ehrwürden des Herrn Rabbiners Moritz Herzog entstandene und durch die eifrige Mitwirkung des Gemeindevorstandsmitgliedes, Herrn Josef Koch, neuconstituirte Talmud- Thora-Schulverein hervor. Unsere uralte ehrwürdige Gemeinde, die über geschichtliche Monumente, Grabsteine und sonstige Gegenstände von besonders historischem Werthe verfügt, auf die wir in diesen Blättern zurückzukommmen gedenken, hat wohl an Mitgliederzahl schon sehr abgenommen, aber der alte traditionelle, echtjüdische Geist herrscht noch immer in unseren Mauern, der auch viele Kinder aus Umgebung und der Ferne anzieht, an unserer Talmud-Thoraschule jüdischen Unterricht zu genießen. Die opferwilligen Mitglieder unserer Gemeinde wären aber außer Stande, für die großen Erhaltungskosten der Schule, zweier Lehrer, für Heizung, Beleuchtung Instandhaltung, sämmtliche Lehrbücher und Winterkleider für arme, hilfsbedürftige Kinder aufzukommen, wenn uns nicht die Umgebung und besonders die in Wien lebenden, gutsituirten Landsleute, von denen viele noch mit allen Fasern ihres Herzens pietätsvoll an ihrer Heimathsgemeinde hängen, unter die Arme greifen würden. Diesen Männern darf die öffentliche Anerkennung nicht versagt werden. Es zeigt gottlob noch von jüdischem Geiste, wenn man in dieser Zeit des Ansturmes gegen die heiligsten Güter des Judenthumes in der Weltstadt Wien Männer findet, die noch Sinn, Herz und offene Taschen für die Talmud-Thoraschnle einer Provinzgemeinde haben. Mögen dieselben recht viele Nachahmer finden, dass der Verein blühe und gedeihe!

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