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Die Wahrheit · 1899-01-25 · Heft 4 (25.1.1899) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 4 (25.1.1899)
Date
1899-01-25
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 4 Dis Wahrheit. Seite 7. Gebiet des Denkens und des Glaubens sich begrenzte, zertrümmert hat sie jene Bollwerke der Autorität, worin das Bevormundungssystem sich für Zeit und Ewigkeit gesichert glaubte, überwunden jene Geheimnisthuerei, die das Tageslicht scheut, jene Befangenheit und geistige Beschränktheit, die es bald als einen Verrath an ihren Heiligthümern betrachtet, sich mit den Anschauungen und inneren Neberzenguugen seines Nächsten vertraut zu machen, bald wieder aus Wahn- und Eigendünkel es verschmäht und für nutzlos hält. Diese Zeit starrer Isolierung ist vorüber. Bildung und Erkentnis sind allgemein geworden. Alles drängt sich und wird gedrängt, aus seiner Verborgenheit herauszutreten; was bestehen will, wird nach der Ursache, dem Zweck und Inhalte seines Bestandes gefragt; vornehmes Ignorieren ist erfolglos, willkürliches Zuriicklveichen ein testimonium paupertatis, ein Zeichen der Schwäche, der Uneinigkeit mit sich selbst, das Bewusstsein der Unsicherheit und Mangelhaftigkeit seiner eigenen Ueberzengurrgen. Wenn nun unter dem Flügelschlage einer mächtig bewegten Zeit manches, was bis nun kaum der Beachtung werth und würdig gehalten wurde, an das Sonnenlicht des allgemeinen Bewusstseins getreten ist. so kann es doch nicht in Abrede gestellt werden, dass die vollständige Klärung der Anschauungen, das tiefeingreifende Verständnis noch lange nicht erzielt worden ist. Noch immer sind es Vornrtheile und Gewohnheitsirrthümer, die, sorgfältg gehegt und gepflegt, oft mit einem großen Aufwande von Scharfsinn in wohlgeordnete und vollständig abgerundete Systeme gebracht werden, in Systeme, die wie die Schlingpflanzen, wie das wilde Gestrüpp den Baum der Erkenntnis umziehen und den Weg dahin unzugänglich und unbetretbar machen. Denn je schroffer sich in Folge geistiger Bewegungen und der dadurch hervorgerufenen Veränderungen die Parteimeinnngen gegenüberstehen, je mehr man durch die Richtigkeit oder allgemeine Anerkennung irgend einer Behauptung das pexsönliche Interesse gefördert nnd gefährdet sieht, desto vielseitiger nnd von desto größerem Einflüße ist dann die Wechselwirkung von Ansicht und Absicht, so dass man aufhört, offen und aufrichtig gegen seine eigene Person zu sein, sich oft Zwang anthnt, dasjenige, was man erwiesen zu haben wünscht, um jeden Preis zu erweisen, oder allem gesunden Menschenverstände zum Trotz mindestens sich einredet, es erwiesen zu haben. Was Wunder, wenn auch das Verhältnis des Judenthums zum Staate, zu den verschiedenen Verfassungen der bürgerlichen Gesellschaft von Bekennern sowohl, als auch von Nichtbekennern eine mannigfache tendenziöse Beurtheilung erfahren, zumal von der Lösung dieser Frage nicht blos die Ansprüche, die das Judenthum an seine Bekenner, an die Gesellschaft macht, sondern auch die Forderungen, die au dasselbe von seinen Bekennern, von der Menschheit überhaupt gestellt werden, hie und da bedingt sind. Hört man jene ihrer selbst kaum bewusste Aengstlichkeit von innen an, die sich auf allzuleichte Weise den Ruhm einer Hüterin des Heiligthums erkaufen will, so wird der aus den hnnranitären, intellectuellen, socialen, culturellen Bedürfnißen des Lebens hervorgegangene Entwickluugsprocess im Judenthum, aus Furcht, es könnte dasselbe einem ursprünglichen Character zu sehr entfremdet werden, ganz und gar negirt und jede Hinweisung darauf als Irrlehre verdonnert. Hört man dagegen auf die Gründe der Abstoßungstendenz — und diese ist es, womit wir uns am meisten zu beschäftigen haben — so wird nicht nur an die Möglichkeit einer Versöhnung des Judenthums mit der Zeitrichtung gezweifelt, sondern auch der Versuch, solche eine Annäherung zu erzielen, bald als Heuchelei, bald als charakterlose Selbstverleugnung gebrandmarkt, weil man von der Ansicht ausgeht, dass im Judenthum das Wesen des Bekenntnißes so sehr mit hierarchischen Elementen verschmolzen sei, dass ihm zwischen der Alternative, entweder mit seinem Urtypus zu brechen oder auf den Einklang als harmonischer Theil eines integrirenden politischen Ganzen gänzlich zu verzichten, kein Ausweg bleibt. Es ist dies, wie bekannt, jene Partei, welche die Fortschritte im Judenthum mit scheelen Augen ansieht, das sogenannte neue, junge, moderne Israel zur Zielscheibe ihre Angriffe und Schmähungen macht, von Staatswegen sogar den religiösen Conservatismus gefordert, gefördert und begünstigt wissen möchte, weil unter dem Einflüsse dieses Systems sich immer genügende Vorwände und Ausflüchte darbielen, um trotz aller Humanität und Nächstenliebe und allem Liberalismus die Ansprüche des Judenthums und seiner Bekenner unbeachtet und unberücksichtigt zu lassen. Beide aber verkennen nicht blos das Wesen und die historische Vergangenheit des Judenthums, sondern scheinen überhaupt auch über die Entwicklung des religiösen Elementes im Unllaren zu sein. Denn die Fügsamkeit der religiösen Ideen in die verschiedenen Zeitrichtungen ist keineswegs ein Aufgehen in die Uebermacht der materiellen Wichtigkeit, sondern die Kundgebung der alles überwältigenden Vollkraft des geistigen Elementes, welches, indem es dieselbe als belebendes, ordnendes und erhaltendes Priucip durchdringt, ihren eigenen inneren Gehalt in immer sich verjüngender Form zum Vorschein kommen lässt. Darum können wir auch von jeder lebenskräftigen Religion mit Recht voraussetzen, dass sie nicht nur tief in dem Boden ewiger Wahrheit wurzle, sondern mit den Verhältnißen des Lebens so innig Hand in Hand gehe, dass kein noch so welterschütterndes Ereignis sie überrasche, kein Sturm des Geschickes sie mit sich fortreiße, dass sie von stets sich erneuernden Triebkräften so durchzogen sei, dass weder die Veränderung der Zustände und Verhältniße noch die Forschritte des Menschengeschlechtes sie ihres Wachsthums zu berauben und ihre Enttvicklung zu hemmen vermögen, sonder» dass sie hineingezogen in den Fluss der Geschichte, immer neue Lebensstvffe in sich aufnehme und geistig verarbeite. Als so lebenskräftig hat sich das Judenthum bis auf den heutigen Tag bewiesen. Seine Geschichte in allen Staaten beweist dies auf's klarste. Ist das aber dann noch der Fall, wenn das conservative oder hierarchische Priucip vorherrschend ist? Oder wäre beides nicht im Stande gewesen, dem Judenthume bei solchen gewaltigen Stürmen, bei solch' unsäglichen Kämpfen und harten Schicksalsschlägeu, die es erfahren. Bestand nnd Sicherheit zu gewähren? Und abgesehen davon hat das hierarchische System, jenes nämlich, wonach alle Staatsgewalt in die Hände der Priesterschaft gelangt ist und principiell und durch gewisse Institutionen von ihr abhängig gemacht wird, hat dieses System zu irgend einer Zeit im Judenthume Eingang und Berechtigung gefunden? Seitdem der um die Zeit der Zerstörung Jerusalems lebende jüdische Geschichtsschreiber Flavins Josephus die mosaische Verfassung als Theokratie, als Gottesherrschaft den monarchischen, demokratischen, oligarchischen Regierungs formen des elastischen Alterthums gegenüberstellte, ist man gewohnt, das Judenthum als Hierarchie zu bezeichnen, und dies blos aus dem Grunde, weil in der Regel die hierarchische Verfassung der Theokratie ihren Boden entlehnt, und alle Hierarchie als eine Entwicklung des theokratischen Elementes angesehen wurde. Dem ist aber nicht so! Wie auf ein und demselben Boden verschiedene Pflanzengattungen keimen, Giftpflanzen sowohl als auch Fruchtgewächse, so können aus ein und derselben Gruudansicht mannigfache, oft einander entgegengesetzte Richtungen hervorgehen. Dem unbefangenen Beobachter liegt es aber ob, das Wahre von dem Falschen zu unterscheiden und wohl zu erwägen, was bei naturgemäßer Entwicklung sich daraus gebildet, und welche Auswüchse das Sonderinteresse geschaffen hätte, was bei vorurtheilsfreier Beurtheilung. und was hingegen sich bei tendenziöser ergibt. Wenn also die Schrift ihre Staatsgesetze als unmittelbare Anordnungen des göttlichen Willens hinstellt, so spricht sie im Grunde nur mit bestimmten Worten das aus, was jede bürgerliche Verfassung, insofern sie nicht auf die Macht des Stärkeren gegründet sein will, mittelbar bekennen muß; weitere Consequenzen lassen sich nicht daraus ziehen, denn alle Sicherheit des gesellschaftlichen Verkehrs beruht auf dem Gesetze, die innere Haltbarkeit des Gesetzes liegt im Rechte, wo aber ein Recht ohne die

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