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Die Wahrheit · 1899-01-25 · Heft 4 (25.1.1899) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 4 (25.1.1899)
Date
1899-01-25
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Die Wahrheit. 'Seite 5. Nr. 4 auslieferte, und dass das Gros unserer galizischen Brüder von tüchtigen Führern geleitet und organisirt wird, so kann in der nächsten Zukunft eine ganz beträchtliche politische Action in Galizien platzgreifen. Dieses Hannibal ante portas! scheint den Herren auf den kurulischen Stühlen ein memento mori! zuzurufen. Um Gotteswillen, nur rasch eine rettende That, um die hochgestellten Polen mosaischer Consession vor einer nervenerschütternden Alteration zu wahren. Und die früheren Macher in verfassungstreuem Centralismus haben das Mittel gefunden: die Einberufung eines zweiten Gemeindetages soll zu neuen Ehren und zur Verkleisterung der zwanzigjährigen Gebreste verhelfen. Noch ein zweites Moment soll uns die plötzlich entflammte Begeisterung für das galizische Judenthum erklären und das Streben unserer Tribunen, mit der jüdischen Plebs in enge Fühlung zu kommen. Freilich wird dieses Moment nur Jenen wahrnehmbar, die Gelegenheit hatten, dem Gedankengange gewisser galizischer Capacitäten in seinen geheimsten Spuren zu folgen. Die Herren sehen sich auf einmal von den Wiener Einberusern des „allgemeinen österreichischen Gemeindebundes" überrumpelt, und der Präsident, respektive Vicepräsident des Galizisch-jüdischen Gemeindetages vor zwanzig Jahren befürchtet mit Recht von dieser österreichisch-panjudäischen Organisation eine Schmälerung seiner Autorität und seines politischen Ansehens. Dem Manne steht wohl ein Stuhl im „Allgem. österr. Gemeindebuud" bereit, aber vorerst muß der erste Platz auf dem heimatlichen Boden erworben werde«. Gelingt ihm auch das, was ja sehr leicht möglich ist, da die Welt sich einmal aus das Instrument der Accumulation der Kraft eingerichtet zu haben scheint, so kann der Oberpräsident der galizischen Judenschaft Allem und Jedem das „Quos ego" zurufen, und das ist ein Lohn, der reichlich lohnet. Nun zur Tagesordnung des 2. galizischen Gemeindetages. Wenn wir noch vor der Lectüre des Gemeindetagsprogrammes der Ansicht sein konnten, dass ein gleicher Geist die 2. galizischjüdische Versammlung beseelt, wie die erste, haben uns die 3 Punkte der Tagesordnung eines Besseren belehrt. Der erste galizische Gemeindetag unterscheidet sich in allen wesentlichen Momenten, vom Initiator bis zur Idee, die ihm zu Grunde lag, wesentlich von seinem Nachfolger. Mit dem ersten Gemeindetag hat der „Schomer Israel“ keinerlei persönlichen Zwecke verquickt, obschon es manche an derartigen Versuchen nicht fehlen ließen. Wir beabsichtigten, der vorauszusehenden Gefahr mit einem hilfreichen Gedanken vorauszueilen, die galizischen Judengemeinden zu einigen, um dieselben durch Einigkeit und Solidarität zu stärken; wir wollten ferner durch Centralisirung der Gemeinden große, gemeinsame Institutionen zur Ehre und zum Heile unseres Volkes in Galizien schaffen; wir wollten einen festen Centralpunkt gründen, von dem aus die Vertheidigung und die Wahrung jüdischer Interessen in geordneter und systematischer Weise und mit gehörigen sinanciellen Mitteln erstrebt werden könnte. All' diese Pläne lagen auf der Hand und wurden vom „Israelit", dem Organ des „Schomer Israel“ in den achtziger Jahren von Ihrem Mitarbeiter veröffentlicht. Dazumal ging bereits das stygische Gewässer des polnischen Antisemitismus bis zum Herzen, aber er ließ noch geraume Zeit zur Organisirung jener Centralkörperschaft, der einzigen in Oesterreich. Nicht unsere Schuld ist es, wenn die assimilatorische Partei ihrem Absallsgott einen Altar in Galizien aufrichten wollte. .Was will aber der gegenwärtige Ruf nach Abhaltung eines 2. Gemeindetages? Etwas Dauerndes schaffen, etwas Neues ins Leben rufen? Kaum! — Der erste Punkt der Tagesordnung soll eine corporative Berathung bringen über die ökonomische Lage der Juden in Galizien uud die etwaigen Mittel zur Abhilfe. Nun fragt es sich wohl, warum erst jetzt? Dauern die Verfolgungen der Juden und die Unterbindung aller Erwerbs- I quellen nicht schon lange genug? Warum gerade jetzt, da erst vor I Kurzem seitens der „österreichisch-israelitischen Union" eine Expertise! zu gleichem Zwecke veranstaltet wurde? Oder soll dieser? Gemeindetag eine Art Supraarbitrimn zu jener oder gegen jene j j Körperschaft werden? Welche Stellung soll nun der österreichischjüdische Gemeindebund zur Tagesordnung des 2. galizischen Gemeindetages nehmen? Wird dieser letztere wieder alle 20Jahre einmal oder alljährlich abgchalten? Wer soll ferner in Galizien das große Geld hergeben, um eine Verbesserung der allgemeinen Lage zu ermöglichen? Die paar galizischen Wohlthäter doch nicht. Und was das Schlimmste ist, Baron Moritz Hirsch ist auch nicht mehr! Sollten aber die Hilfeleister für Galizien sich schon der „Union" kundgethan haben, wozu war also die Einberufung des 2. Gemeindetages? Man dürfte uns einreden, der Gemeindetag wird die wirksame Unterstützung seitens galizischer Comites anftrcben. Freilich! Um dieselbe Wirtschaft mit dem berüchtigten Namen zu führen, die den stetigen Baron Hirsch zwang, die Comites in Galizien aufzuheben. Der zweite Punkt ist gewiss einer der packendsten des jüdischen Elendes, welcher es wohl verdient, dass ganz Israel und alle ehrlichen Menschen nichtjüdischen Stammes sich mit diesem beschäftigen mögen. Aber welcher Anachronismus seitens der jüdischen Parlamentarier! Haben die Einberufer des 2. Gemeindetages bisher ihre Ohren mit Baumwolle verstopft gehabt, dass sie erst nach 20 Jahren und nach der Enquete der „Union" das Elend der Intelligenz wahruehmen? Was für Mittel stehen denn den galizisch-jüdischeu Steuerzahlern zu Gebote, die polnische Landes- oder österreichische Central-Regierung zu vermögen, die practischeste Art des Antisemitisinus atls ihren Herzenstafeln zu streichen? War es nicht Sache der Parlamentsjuden, darauf zu reagiren? Allein das geht ja nicht an, werden diese uns gutherzig erwidern. Wisst ihr doch Brüder, dass wir mit einem Maulkorbe bedacht sind, der uns kaum gestattet, den hohen Herren in der Kouföderalka die Hände zu küssen. Also ist auch dieser Punkt nichts anderes, als der große Theaterzettel, um das Hereinspazieren zu ermöglichen. Der 3. Punkt der Tagesordnung sagt mehr als nöthig und demonftrirt am treffendsten die Richtigkeit meiner obigen Auseinandersetzung. Man denke sich, das so tiefunglückliche galizische Israel, das von den Bauern ausgeplünderte, von Schlachta und Volk jeder Existenz beraubte Israel wird zerftessen von einer schweren Sorge, von einem heimlichen Weh patriotischer Natur. In den jüdisch-galizischen Gemeinden führen die Kahale noch ihre Agenden in deutscher Sprache!! Wer weint nicht ob dieses polnischen Natioualunglückes, welches die Juden über sich und das Land bringen? Nun so tragisch erscheint die deutsche Kauzleiführung wohl nur den Polenclubisten, nicht aber dem nüchternen Juden, der es nicht begreifen kann, dass wir eine delegacyja zydowska einberufen müssen, um die Sanirung jener sprachlichen Schäden zu beschließen. Wer bewundert da nicht den tiefen siittlichen Ernst der galizischen Eiuberufer auf der einen, und den kernigenHumor auf der anderen Seite. Jndess Esprit lässt sich den Herren Einberufern r.icht abdisputircn. Sic denken mit einem Schlage die polnischen Grand Seigneurs und die misera contribnens plebs Hebraeorum zu gewinnen, was in Anbetracht der unglücklichen und trostlosen Verhältniße und des allseits wachsenden Mißmuthes der jüdischen Wähler, die sich in großen Massen dem Zionismus zuwenden, jedenfalls als ein Act politischer Klugheit betrachtet werden muß. So wie wir im Verlaufe dieses Artikels gezeigt haben welche Triebfedern die Einberufung des 2. galizischen Gemeindetages veranlassen, so sind wir doch nicht gegen die Abhaltung des 2. Gemeindetages in Lemberg, wenn Männer an demselben theilnehmen, welche weder Personencultus noch politische Geschäfte daselbst dulden werden, sondern sich dem Dienste des unglücklichen Volkes zu widmen bereit sind. Was das Programm anbelangt, können die zwei ersten Punkte als ein Decorationsftück, das ja in der „österreichisch-israelitischen Union" bereits aufgeführt wurde, rasch erledigt werden. Ob aber die gemeindetäglichen Resolutionen bei der gegenwärtigen Constellation in Galizien irgend welchen Nutzen bringen werden, ist sehr zu bezweifeln. Die Polen haben, wie einst Pharao, längst ihr Herz verstockt und immer ihre eigenen Aspirationen auf die Goldbarren der Staatsuud

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