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Die Wahrheit · 1899-01-25 · Heft 4 (25.1.1899) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 4 (25.1.1899)
Date
1899-01-25
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Die Wahrheit. Nr. 4. dass viele dieser Vereine bereits ihre Maud'atare ini Schoße des Gemeindevorftaudes besitzen; scheinen ihnen nun diese zu wenig, so liegt es bei dem ausschlaggebenden Einflüße, den sie auf die Vorstandswahlen nehmen, in ihrer Hand, die Zahl ihrer Mandatare zu vermehren. Das wäre wohl unter den gegebenen Berhältnißen der einzige zum Ziele führende Weg. Sie sollten auch nicht vergessen, dass, wie Menenias Agrippa's Fabel lehrt, die Glieder des Körpers zu ihrer eigenen Stärkung des ungeschwächte» Magens bedürfen, und es nur ein Gebot der Selbsterhaltung ist, wenn sie zu dessen Kräftigung das Ihrige beitragen. Wie dem nun immer sei: der Gemeindevorstand möge daraus die Erfahrung schöpfen, dass die Popularitätshascherei in der Gemeindeverwaltung denn doch ihr Nisi hat. Sie kostet Geld, viel Geld, steigert die Begehrlichkeit und befriedigt nie. Er folge vielmehr dem Sprichwort: „Thne recht und scheue NiemandDamit wird er sich und den Gemeindeinteressen am meisten dienen: sich, indem er unberechtigte Ansprüche von sich ferne halten, und den Gemeindeinteressen, indem er manchen Steuergulden für bessere Zwecke im Säckel behält. In einer Richtung könnte jedoch der Wirkungskreis der Bethausvereine eine Erweiterung erfahren: wenn der Gemeinde- Vorstand denselben Agenden zuweisen würde, die ohnedies in anderer Weise kaum eine entsprechende Erledigung zu finden vermögen. Wir meinen die Angelegenheiten der Armenpflege und des Beerdigungswesens; in dem einen Falle würde die Sicherheit geschaffen werden, dass Vorkommendenfalls nur würdige, bedürftige Bittsteller der betreffenden Bezirke Berücksichtigung finden, und in dem anderen, das:- den Wünschen der leidtragenden Parteien in den betreffenden Bezirken in entsprechender Weise Rechnung getragen würde. Personen und Verhältniße könnten auf diese Art jene Beachtung finden, auf die Anspruch zu machen, sie das Recht haben. Die Einberufung des LI. Galizischen Gemeindetages. In kurzer Frist soll in Lemberg der 2. jüdische Gemeindetag abgehalten werden. Da frägt es sich wohl mit Recht, welche Ursachen die Einberufung desselben so gebieterisch erheischten, und ebenso kann man selbst beim besten Willen die Vorfrage nicht übergehen, welche Faktoren und welche Hinderniße sich dem galizischen Gemeindetag in den Weg stellten, der im Jahre 1878 als dringendes jüdisches Interesse erkannt und zwei Decennicn hindurch unterbrochen wurde. Es verlohnt sich wahrlich, auf dieseu so wichtigen Gegenstand und auf die Parteivcrhältnisse in Lemberg näher einzugehen. Die ersten Bestrebungen, eine große Körperschaft zu creiren, welche sich zur Aufgabe stellte, die jüdischen Interessen in dem stets judenfeindlichen Galizien zu wahren, gieng von dem prakt. Arzte Rüben Bierer aus. Derselbe brachte gegen Anfang September 1867 unter allerlei Anstrengungen die Gründung des ersten politisch-jüdischen Vereines „Sehomer Israel“ in Lemberg zustande. Das Hauptcontingcnt des Vereines bildeten -anfangs einige Lehrer, Aerzte und Kaufleute von ausgesprochener deuschcentralistischcr Richtung. Bald traten auch mehrere junge Advokaten hinzu, wie Dr. Mansch, Dr. Heinrich Gottlicb, Dr. Emil Byk und viele Andere. Im „Sehomer Israel“ war jedoch zumeist die Mittelpartei vertreten, der es ernst war um das Wohl der galizischen Juden, ohne ^welche Eingriffe in die religiöse Anschauung der Vereinsmitgliedcr sowohl als der gesammten Judenschaft Galiziens zu planen. Die jungen Advokaten entfalteten eine eifrige Thätigkeit und strebten nach Geltendmachung ihrer Individualität. Unter dieser jungen Garde ausgezeichneter Kräfte hat Dr. Emil Byk zielbewusst als Präsident des Vereines „Sehomer Israel“ gearbeitet, um alle Stufen zur Erlangung der höchsten Würde zu erklimmen, was ihm snccessive, freilich nicht ohne Frontwechsel in seinem politischen Glaubensbekentniße, gelungen ist. Mittlerweile trat im „Sehomer Israel“ eine Spaltung ein. Die polnischen Assimilationsjuden gruppirten sich um einen jüdisch-russich-polnischen Emigranten und unterschieden sich als Polacy mojzyszowego wyznania von den sogenannten Deutschen oder verfassungstreuen Juden, den Schomerianern. Abermals schien die Centralisirung der Juden Galiziens als eine unabweisbare Nothweudigkcit. Die Wahrung der jüdischen Interessen sollte dem zu creirenden galizischen Gemeindebunde übertragen werden. Ueber Antrag des damaligen Administrators des Vereines, Herrn Rüben Bierer, wurde die Einberufung des Gemeindetages beschlossen. Der „Sehomer Israel" berief nun im Vereine mit dem Lemberger Cultusvorstand den ersten galizifch-jüdischen Gemeindetag ein, dem 22 größere Gemeinden beitraten. Wie glücklich wären die 800.000 Juden in Galizien, wenn schon vor 20 Jahren eine Centralstelle geschaffen worden wäre, welche ihre politischen, socialen und ökonomischen Interessen mit wachsamen Augen und unablässigem Eifer verfolgt hätte. Allein das wäre zu schön gewesen, und hat nicht sollen sein. Unsere Veranstalter bargen in ihrer Mitte Mandatslüsterne auf der einen, und Assimilationsapostel auf der anderen Seite. Gewisse Zukunstsabgeordnete vergaßen den Hauptzweck des zweiten Gemeindetages, sie buhlten um Stimmen für die bevorstehende Rcichsrathswahl, und die Anderen wollten sofort an die Errichtung eines Rabbinerseminars schreiten, mit Prediger Löwenstein an der Spitze. Dieser letztere, obschon der letzte Punkt der Tagesordnung des ersten Gemeindetages bildete den Stein des Anstoßes, an dem das Institut der jüdischen Solidarität in Trümmer gieng. Aber das Schlimmste geschah bald nachher. Die orthodoxen Rabbiner, geführt von einem Winkelschreiber sehr zweideutigen Rufes, orgauisirten sich°zu einer politischen Partei, um die Schomerpartei in allem Thun zu paralysiren. Solchermaßen wurde Israel in drei Lager getheilt, und zwar: Polnische Assimilatoren, Assimilatoren mit deutsch-österreichischer Färbung und orthodoxe polnische Juden. Was thaten inzwischen die wenigen Streber? Sie arbeiteten für sich, erstrebten Mandate für sich, drängten sich der polnischen Schlachta auf und blieben von der Zeit an dem Schauplatze des Strebens für die 800.000 Juden fern. Allein von Zeit zu Zeit mussten sie sich dennoch durch etwas bemerkbar machen, weil dies der politische Anstand erheischt, und so trat einer der Abgeordneten mit der großen Wahrheit auf, dass es in Galizien keinen Antisemitismus gibt. Sapienti sat. In dem Hochgenüsse eines kurulischen Stuhles in Wien und in Lemberg kümmerte man sich nicht um den gesunkenen politischen Verein „Sehomer Israel" und ebensowenig um die Einberufung eines zweiten Gemcindctages. Nun haben sich die Zeiten geändert. Geändert zum größten Nachtheile der 800.000 Juden, welche niedergeschmettert von den Szlachzizcn, dem ärgsten Elende preisaegeben sind, eine zertretene Menschenmasse, der alle menschlichen Rechte auf unparlamentarische Weise entzogen wurden; österreichische Bürger, die nur zur Entrichtung enormer Geld- und Blutsteucr da sind; Menschen, fast Ureinwohner des Landes, denen jeder ehrliche Erwerb durch physische oder moralische Mittel zur Unmöglichkeit gemacht wird. Diese Argumente sprechen Bände. Unsere Abgeordneten fühlen es instinktiv, dass die 800.000 hungerigen Menschen fragen werden: ja haben wir Vertreter, oder haben wir dieselben als Proletarier gar nicht mehr nöthig? Und das Bangen über diese Frage macht den parlamentarischen Boden unter ihren Füßen wanken. Nimmt man noch hinzu, dass der Zionismus und die Socialdemokratie eine heilsame Wendung in demjenigen Thcile unserer jüdischen Bevölkerung hervorgerufen haben, welcher jeden bürgerlichen Muthes entbehrte, jeder selbstbewussten Hilfsaction fernstand und höchstens seinen Stimmzettel den Wahlmachern

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