Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 3 (17.1.1899)
- Date
- 1899-01-17
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 12. „Beilage: Vesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitmig." Nr. 3. sortfahrcu, s. Notcnbcil. 4 , um Ihnen zu zeigen, dass sie bei uns aus der Tephillah-Rezitation sich entwickelt hat und keine .Spur slavischcr Auklänge aufweist. Derselbe Text findet sich auch in den Gebeten für Kranke, und da ist es denn interessant zu beobachten, wie unsere Rezitatiousgattung durch Benützung der kleinen Septime einen ungemein elegischen Charakter erhält. S. Notenblge. 4c, von g nach c transponirt. Bergt. 4d In te Domine und per evangeliea mit Ss’lichah, Vorbeter und Gemeinde. Andere Beispiele siche Notenbeilage 5a, b, c und d. In diesen Ihnen von mir vorgeführten einfachen Weisen dürfen wir Grundelcmente erblicken, aus denen sich im Laufe der Jahrhunderte Rezitationsgattungen in unserem Cultus entwickelten, Grundelcmente, von denen wir annehmen können, dass sie im Altcrthum wurzeln. Aus den Vergleichen mit den ältesten Psalmenweisen der Kirche könnten Sie den Verdacht schöpfen, als ob wir Juden die genannten Rezitationen der Kirche entlehnt hätten. Dieser Annahme stehen jedoch die Aussagen einiger Kirchenväter und vieler Forscher entgegen, welche insgesammt betonen, dass die ersten Christen für ihre Rezitation der Psalme die Tempelweisen bcibehielten, denen im Gegensatz zur heidnischen Musik feierlicher Ernst, erhabene Würde innewohnte. Bischof Ambrosius von Mailand und Papst Gregor haben diese Weisen gesammelt und erweitert, und der jüdischem Boden, jüdischer Eigenart entsprossene ambrosianische und gregorianische Kircheugcsang wird heute noch in der römisch-katholischen Kirche als ältestes musikalisches Hciligthum gewürdigt, geschätzt und treu behütet. Freilich sind auch an ihm die verschiedenen Stufen der musikalischen Entwickelung spurlos nicht vorübergegangen; auch er lies hin und wieder Gefahr, durch das Ueberwuchern moderner Musik aus der Kirche verdrängt zu werden, aber immer wieder griff man auf jene alten Tonweisen zurück. Die obersten Kirchenbehörden erblickten eine ihrer vornehmsten Aufgaben darin, die alten überlieferten musikalischen Heiligthümer mit ihrer Autorität zu decken, sie schrankenloser Willkür zu entreißen. Wie anders sah und sieht es dagegen bei uns Juden in dieser Beziehung aus. Wirkliche Förderung haben die musikalischen Bestrebungen in der Synagoge seitens der Gelehrten in der Diaspora, seitens der tonangebenden Körperschaften niemals oder nur selten erfahren. Sowie aber das jüdische Volk, trotz des fast immerwährenden Martyriums, wie ein wandelndes Wunder noch heute durch die Weltgeschichte schreitet, so konnte auch wunderbarer Weise der Wechsel und Wandel der Zeiten, so konnten auch die unleugbaren Einflüsse fremder Siugweisen aus unsere Liturgie dennoch jene Reste alt- oder original-jüdischer Musik uns nicht rauben, welche wohl als alte, aber nicht veraltete Zeugen einer glorreichen Vergangenheit noch in unsere Zeit hiueinragen, welche uns Allen, ob liberal oder orthodox, ob conservativ oder resormirt, gleich heilig, gleich untastbar sein und bleiben sollten. Kranz-Ablösung. Bekanntlich datirt die übliche Gleichheit und Einfachheit bei der Bestattung jüdischer Leichen, (Tachrichim) seit Rabbi Gamaliel, welcher von richtigem Zartgefühl für die Armen geleitet, für alle zu Beerdigenden ohne Unterschied leiuene Kleider einführte. Diese Rücksichtnahme aufdie Aermereu,umdieselbendurchden grellen Contrast mit den reichlicher Ausgestatteteu nicht zu beschä men, studen wir auch im Talmud (Gittiu 50). Am Versöhuuugstage wurde nämlich, nachdem der Hohepriester glücklich seines hohen Amtes gewaltet hatte, ein Freudenfest mit Tanz veranstaltet, bei welchem die wohlhabenden Mädchen den unbemittelten von ihrem Ueberflusse liehen, um so indirekt zu ihrer guten Versorgung behilflich zu sein, indem man weniger auf Mitgift als auf sonstige Mitgaben, wie Schönheit, Familienrang und dgl. die Aufmerksamkeit hinzulenken suchte. Daher erklärt sich auch die Vorlesung der Parschath Erwah beim Minchah-Gottesdienste am Jomkippur. Ob nun unsere Gemeinde-Institutionen von gleichem demokratischem Geiste erfüllt und beseelt sind, indem sie für Trauungen und Todesfälle Classenunterschiede statniren und dem einen Kränze und Blumenschmuck gewähren, was selbstredend dem anderen versagt ist, erscheint wohl fraglich — abgesehen davon, dass durch mehr oder minder prunkvolle Leichenwägen, durch die Zahl der Fuuctiouäre und dgl. die Unterschiede offen hervortreten. Bezüglich der beir Verstorbenen gewidmeten Kränze sollte das schöne Beispiel der Gemeinden Pest und Prag nachgeahmt, und statt der theureu Kränze eine beliebige Summe öffentlich für Wohlthätigkeits-Vereine bestimmt werden. Das wäre sicherlich für das Seelenheil förderlicher, als unnöthige Geldausgaben, zumal die Kränze nicht einmal zur Verzierung des Grabes verwendet, sondern in dasselbe versenkt werden. Ohne uns in rituelle Discussionen einzulassen, kann es immerhin als Nachahmung fremder Sitten angesehen werden, und namentlich in dieser so bewegten und aufgeregten Zeit sollte jeder pompöse Luxus möglichst vermieden werden. Auch das ist traditionell echt jüdisch, wie ja der einfach gezimmerte Brettersargan die „Hütte des Friedens" erinnert, die wir nach unserem Glauben beim Austritte aus diesem Leben an der Pforte der Ewigkeit beziehen. Hier muß also der Streit und Mißklaug vermieden werden, und besonders sollte die Chewra-Kadischa darauf achten, dass mehr Gleichförmigkeit und nichts Unjüdisches überhand nehme. —n. Nochmals etwas für den Kore. In der ersten Nummer Ihres neubegründeten Blattes „Die Wahrheit", in einem „Etwas für den Kore" betitelten Artikel bespricht Herr Dr. Kahan den auf den ersten Blick befremdenden Ausdruck „Baal-Kore.“ Er vergleicht diesen Ausdruck mit Baal-Habajis und Baal-Haschor, was den Herrn des Hauses, den Herrn des Ochsen, nicht aber das Hans selbst, oder den Ochsen bezeichnet. Demnach wird also richtiger der Thora- Vorleser oder Rezitator einfach Kore zu neunen sein. Ebenso wird wohl der allgemein übliche Ausdruck für den Schofarbläser „Baal-Thokea“ nicht korrekt und mit „Thokea“ zu ersetzen sein. Jedoch näher betrachtet, sind diese beiden Ausdrücke nicht ganz verwerflich. Denn einerseits werden sie stets mit dem Artikel gebraucht: der (ein) Baal-Lore, der (ein) Baal- Thokea, hebräisch richtig K~lpn »Ppinn 'DH; anderseits ist nicht zu vergessen, dass der Sinn von „Baal" hier gar nicht analog mit dem des Baal-Habajis und Baal-Haschor ist. Hier drückt es nicht den ursprünglichen Begriff des Besitzes, sondern des Standes, der Eigenschaft oder Befähigung aus, wie im Arabischen das „Dsu" und „Bachib" und so