Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 3 (17.1.1899)
- Date
- 1899-01-17
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Oestrrr.-ungar. Cantoren-ZritunA. Nr. 3. Beilage zur Zeitschrift „Die Wahrheit". is. >hrg. Tempel- und Synagogenmusik. Entstehmlg (Sch,ns-.> der Synagoge. Von E, Kirschner, München. Bei einer näheren Betrachtung des Sprechgesanges, einer Prüfung seiner musikalischen Bestandtheile gewahren wir die ausschließliche Anwendung des gebrochenen Dreiklanges. Um eine Frage, eine Erklärung, eine Aufzählung zu vertonen, bediente man sich des Grundtons, der Terz, der Quinte und Oetave, während eine Antwort oder der Schluß durch Hinzuziehung der Unter-Quinte sehr charakteristisch wiedergegeben wird. Siehe Notenbeilage Nr. 1. Diese Mischnah besagt: „Nicht weniger blies man als 21 Stoßtöne im Tempel und nicht mehr als 48. An jedem Tag blies man dort 21 Stoßtöne im Tempel: 3mal beim Oeffnen der Thore, 9mal beim Opfer des Morgens, 9mal beim Opfer des Abends, und bei den Zugabeopfern bliesen sie noch 9mal" u. s w. Es ist bekannt, dass solch sprunghafte Jntervallenfortschreitungen dem Ohre sich eher einprägen, als diatonische Touf.olgen, dass sie leichter ausführbar sind, dass sie gewissermaßen als noch vernehmbare Obertöne in der Luft liegen, nachdem wir einen Ton als Grundton angegeben haben. Mit dem primitivsten Instrument sind sie leicht hervorzubringen, und thatsächlich liefern sie auch das Tonmaterial für das gewiss wenig entwickelte Schofar, dessen Tonfolgen ebenfalls zumeist aus dem Sprung in die Octave oder Quinte bestehen. Wir besitzen nun eine sehr große Anzahl von Rezitationen in der süddeutschen Liturgie, welche vorzugsweise auf solchen Naturtönen, wie ich sie nennen möchte, gebaut sind. Einige Beispiele mögen genügen. Siehe Notenbeilage Nr. 2. In all diesen Rezitationen tritt als ganz hervorstechende Eigenthümlichkeit in die Erscheinung die sehr häufige Anwendung des gebrochenen Dreiklangs. Er erscheint als ein musikalisches Prinzip, und die Tonweisen, in denen er dominirend auftritt, schließen in vielen Fällen ab mit der Modulation in die Unterparallele. Man wende nicht ein, so geartete Tonweisen entbehren der chrarakteristischen Merkmale, die sie von der Musik anderer Zeiten, anderer Völker unterscheiden, sie entsprechen bis auf einige Schlüsse unserem modernen Durgeschlecht. Ich könnte darauf nur erwidern, dass auch im Alterthum, trotz der vielen für uns nahezu unverständlichen theoretischen Spitzfindigkeiten, wie wir sie in den zahlreich erhaltenen Werken der Griechen finden, ich sage, dass trotz dieser Theorie die Völker des Alterthums, also auch die Inden, Weisen mit ganz natürlichen und nicht durch Specutation gewonnenen Tonfolgen erfanden und sangen, welche von unseren Vvlksgesängen vielleicht gar nicht so verschieden waren, als man glauben machen möchte. Abgesehen aber davon, finden wir ja auch thatsächlich unter den griechischen Octavengattnngen in der lhdischen Tonart unser C-dur vollständig wieder. Freilich entwickelten sich neben solchen Naturweisen auch nationale Gesänge, welche sich durch charakteristische Merkmale tonlicher oder rhythmischer Art bei dem einen Volk von denen der anderen Völker unterschieden. Es wäre aber unbegründet, wollte man nur diesen Weisen einen Originalcharakter einräumen, während jene, von theoretischen Tüfteleien unberührten Gesänge von der Bezeichnung als Originalweise ausgeschlossen werden sollten. Ich behaupte vielmehr, Rezitationen, wie sie in der Notenbeilage unter Nr. 1 und 2 verzeichnet sind, tragen, trotz des Mangels jedes fremdartigen Charakters, gerade wegen ihrer Einfachheit und Natürlichkeit, den Stempel hohen Alters an sich. Sie sind schon in der Zeit des Tcmpelbestandes bei den Inden in Gebrauch gewesen und dienten gewissermaßen für viele Weisen, welche später entstandenen Texten untergelegt wurden, als musikalisches Vorbild. Auf unsere Thora-Cantillationen, von denen ein nicht unbeträchtlicher Theil ebenfalls den Gruppen 1 und 2 beigezählt werden muß, gehe ich heute nicht ein, weil ich die Absicht habe, sämmtliche Arten der Cantillationen aus der Thora- und den Propheteuabschuitten gesondert zu behandeln. Eine ähnliche Entwicklung aus einfachsten musikalischen Keimen tritt uns in einer anderen Rezitationsweise entgegen. Die Tephillah oder Achtzehngcbct ist, wie schon gesagt worden, einer der ältesten Bestandtheile unserer Liturgie. Die Wochcutagsrezitation derselben siehe Notenbeilage Nr. 3a. Das Charakteristische dieser Rezitationsgattung liegt darin, dass sie nicht den Grundton, sondern die Quinte zur Basis hat, mit welcher begonnen und geschlossen wird. Die Septime findet sehr selten Anwendung, vielmehr erhält diese Rezitation ihr ganz eigenartiges Gepräge dadurch, dass der Sprung von der Quinte in die Unter-Terz einerseits und durch die Sext in die Octave andererseits ausfallend oft wiederkehrt. Wenn ich den Priestersegen noch besonders vortrage, obwohl auch er, wie die ganze Sehemoneh essreh nach derselben Weise rezitirt wird, so geschieht das, um Ihnen die Brücke zu zeigen, welche von dieser einfachen Wochentagsrczitation zu derjenigen führt, die wir am Jom Kippur außerordentlich oft zu hören bekommen. Ich lasse deshalb unmittelbar auf den Priestersegen die Weise von Ss’lach lonu nach den Midoss folgen. S. Notenbeilage 3 b und 3 c. Sie haben gehört, wie diese beiden Rezitative Ton für Ton übereinstimmen, und Sie werden weiterhin hören, dass das Sagen der Ss’lichoss überhaupt, mit geringen Modifieatiouen, auf dieser Rezitatiousweise basirt. Ueberaus interessant und zugleich ein Beweis für die Entstehung eines Theiles unserer Synagogenweiscn in der Zeit des Tempelbestandes ist nun meine Wahrnehmung, dass der älteste Kirchengesang, die Art, wie einzelne Psalmen in der Kirche rezitirt werden, eine große Aehnlichkeit erkennen lässt mit unserer Tephillah- und 83'lacb-Weise, mit noch anderen in der Notenbeilage angeführten Beispielen aus der süddeutschen Liturgie. Die Beispiele der ältesten Kirchenweisen sind entnommen dem „Officium in Nativitate Domini et Hebdomadae sanetae“ bearbeitet von Raymund Schlecht. 2. Auflage. Nr. 4a Vergleich der Psalmodie des II. Psalms mit ^vagaarvor. Ich will gleich mit der Rezitation der Middoss