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Die Wahrheit · 1899-01-17 · Heft 3 (17.1.1899) · page 10

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 3 (17.1.1899)
Date
1899-01-17
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10. Die Mahrheit. Nr. 3. cs ist dies ein polnischer Edelmann reifem Alters, imponirender Gestalt, mit mächtigem Schnurbart, klugem und freundlichem Blick in den gutmüthigen, buschig überwölbten Augen. Er trug das polnische Nationalcostum, mit der weiß-rothen Consöderatka auf dem ergrauendcu Haupte. Mit ihm erschien ein halb deutsch, halb polnisch-jüdisch gekleideter Mann, den Bart gestutzt, im ordinären Gesichte zwei verschmitzte Augen, die jeden Physiognomiker warnen mussten. Mau machte ihnen Platz und der Pole erhielt einen Sessel, während die Andern in Gegenwart des Rabbi nicht sitzen durften. „Herr Rabbiner", sagt der fremde Gast in hartem, schwerfälligem Deutsch, „ich bin eines Streites wegen hergckommen, den ich mit diesem meinem Pächter Isaak Bart habe; denn ich weiß, dass Sie ein kluger und gerechter Mann sind. Ich bin kein Freund von Prozessen und sagte dem Pächter, der mir schon vier Pachtratcn nicht zahlte, gehen wir zu Deinem Rabbi. Er lachte mich aus und wollte nicht; da sagte ich, wie schämst Du Dich nicht, Du ein Jude willst Dich njcht auf Deinen eigenen Rabbi verlassen, und ich ein Christ tbue's? Endlich war dieser Sünder einverstanden. Der Mann zahlt keine Raten, düngt nicht, reparirt nicht und will nicht weichen. Ich könnte ihn durch das Gericht exequiren lassen, aber ich bin ein ruhiger Mensch, ich kannte schon seinen Vater, ein braver Schänker auf meinem Gute, ganz anders wie er. Die alten Juden waren mir lieber als die jetzigen, die nichts glauben nud nichts halten." „Warum zahlst Du nicht?" wendet sich 'der Rabbi, der alle Welt dutzte, an den Pächter. „Weil ich arm bin, Rabbi." „Nicht wahr!" ruft der Pole. „Nicht wahr! Zwei Töchter hat er verheiratet, seine Frau hat er nach Karlsbad geschickt und seinen Sohn, ein Taugenichts, lässt er in Lemberg studieren; für Alles hat er Geld, nur nicht für die Pachtraten!" „Meine Töchter waren nicht mehr jung, entschuldigt der Pächter, meine Frau ist sehr dick geworden, und mein Sohn kann doch nicht immer in der Dorfschule bleiben." „Und das Unglück Herr Rabbiner ist", bemerkt gutmütig der Gutsherr, „dass der Mann noch drei ausgewachsene, hcirathsfähige Töchter im Hause hat, dass seine Frau wieder so dick ist wie früher, und dass der Schlingel sein Sohn drei Jahre für Eine Classe braucht." „Jst's wahr?" fragt der Rabbi. „Nun was soll ich machen?" gegenfragt der Pächter, „sagt mir Rabbileben, soll ich meine Töchter ewig sitzen und soll ich meine Esther, die so dick ist wie ein Fass, bereifen lassen? Soll mein einziger Sohn in Lemberg betteln gehen?" „Für Alles ist Geld da", kopsschüttelt der Pole, „nur nicht für die Raten." „Nur nicht für die Raten," bestätigt unverfroren Isaak Bart, sich mit einem falschen Lächeln abwendend. Der Schiedsrichter denkt eine Weile nach. „Der Mann hat Unrecht", sagt er dann „und soll es nicht wieder thun. Was geschehen ist, ist geschehen; in Zukunft soll er zahlen." „Und wenn er doch nicht zahlen würde?" , Dann soll der Puritz mich holen lassen!" ruft der riesige Gabbe und schürzt den Aermel seines rechten Armes empor, der sich wie eine Keule präsentirt; „daun komme ich mit meinen Leuten und quartieren uns bei ihrem Pächter ein — das wird rascher wirken als eine gerichtliche Exemtion." Mit kräftigen Armen, wie mit zwei Rudern, bahnt sich' ein Weib aus dem Volke, das im Orte lebt und wegen ihres unsaubern Maules gefürchtet ist, den Weg zum Sitze des Wundermanues. „Still Malke, ruft man ihr von mehreren Seiten zu, vergesst nicht, wo ihr seid!" „Vergessen sollt Ihr das Leben! schreit sie entgegen; Ihr sollt in meiner Lage sein! Ein Unglück ist geschehen, Rabbis und wenn Ihr nicht helft, häng' ich mich vor Euren Augen auf. Ihr kennt meine Tochter Rivkele? Nein? Die ganze Welt kennt sie; sie ist nicht schön — aber was braucht eine jüdische Tochter schön zu sein? sie sieht mit ihrem Einen Auge mehr, als wir Beide mit vier, und über Hinken ist gar nicht zu lacheu; hinken kann jeder Mensch. Wenn Ihr Ncbbeleben die Füße brechet, werdet Ihr nicht hinken? Nun habe ich sie zum Masel verlobt mit Gimpel dem Belfer; ich habe ihr eine Ausstasfirung gegeben, wie einer Fürstentochter; über fünfzig Silber hat es mich gekostet! Von den achtzig Gulden Nadan, die ich versprochen, kann ich gottlob die Hälfte gleich erlegen. Heute sollte die Trauung stattfinden, die Gäste sind geladen, der Lekach?) ist gebacken, die Chupe steht bereit, die Braut fastet — aber der Bräutigam ist verschwunden und mit ihm eine funkelnagelneue Pekesche^), die ich ihm zur Trauung habe machen lassen. Rebbelebcn, die Schande überlebe ich nicht; Hier vor Ihren Augen hänge ich mich aus." „Du weißt nicht, wo man den Belfer finden könnte?" „Bei alle Riches!^) Wie soll ich's wissen? Gestern holte er sich die Pekesche, nahm auf Rechnung der Mitgift zwei Gulden auf Spesen; holte sich heimlich aus dem Cheder seine Sachen, und kein Mensch weiß, in welcher Richtung er gegangen." Die Blicke des Rabbi's mustern langsam die Versammlung. „Komm her Bocher", redet er einen ganz jungen, blassen, verkümmerten Menschen an, der ein fahles Gesicht, einen blöden Ausdruck, geröthete Triefaugen und lange, dünne Locken hat; „komm her — willst Du ein Weib nehmen?" Der arme Junge würde erröthen, wenn er Blut hätte. Die Augen senkend, verzerrt er den breiten Mund bis zu den vorstehenden langen Ohren; es ist ein verlegenes Grinsen. Der Rabbi weiß, was dieses Schweigen sagen soll. „Ist Dir dieser Bocher recht?" fragt derselbe die verzweifelte Mutter. „Was soll ich thun; es muß mir ja recht sein. Der Lekach ist gebacken, die Gäste sind geladen, meine Tochter fastet; soll sein dieser; aber diesem gebe ich blos fünfzig Gulden Mitgift; der ist nicht mehr werth." „Geh mit dieser Frau und heirathe ihre Tochter. Gott wird Euch Helsen. Ich wünsche Euch Maseltow!"*0) Und der von höchster Instanz zur Heirath verurtheilte defecte Jüngling folgt ohne ein Wort der Weigerung, unter dem Maseltowrufeu der Gläubigen seiner küuftigen Schwiegermutter. die keinen Moment zögert, der daheim harrenden Braut aus der Hand des heiligen Mannes einen Ersatz für den flüchtigen Bräutigam zu bringen. Niemand staunt ob der raschen Entscheidung des Rabbi, dessen Handlungen durch Eingebungen von Oben regulirt werden. An den barsten Widersinn wagt sich keine Kritik — was der Wunderrabbi thut, ist wohlgethan, und der Strom der Pilger fließt weiter! Vereinsbote. Wien. (Oesterreichisch-israelitische Union.) Samstag, den 14. d. M., halb 8 Uhr Abends, fand im Saale des Restaurants Khuner, I., Adlergasse 6, eine Vereinsversammlung der Oesterreichisch-israelitischen Union mit folgender Tagesordnung statt: 1. Mittheiluugen des Präsidiums; 2. Vortrag des Herrn Dr. Berthold Oppenheim, Rabbiners in Olmütz: „Das Judenthum im Staate"; 3. Anträge und Interpellationen; 4. Discussion. (Ausführlicher Bericht folgt in nächster Nummer.) — Anden Vorstand desPolit.Volksvereines und an den Vorstand der Oesterr.-israelitischen Union ist je eine Zuschrift gelangt, laut welcher der Herr Statthalter von Niederösterreich mit Erlass vom 23. December 1898 für die von den genannten Vereinen anlässlich des Allerhöchsten Regierungs-Jubiläums dem Kaiser dargebrachte Huldigung den Allerhöchsten Dank bekanntgegeben hat. (Fortsetzung der Rubrik in der Beilage, Seite 13). T) Fladen 8) Langer Rock. 9) Bei allen Teufeln. i°) Es ist dies ein Vorkommnis aus dem Leben

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