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Die Wahrheit · 1899-01-17 · Heft 3 (17.1.1899) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 3 (17.1.1899)
Date
1899-01-17
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 3. Die Wahrheit. Seite 9. eigenes Haar und kleidet sich wie eine Pritze.3) Diese Leute haben einen Sohn, nicht frommer als der Vater, nicht besser als die Mutter; aber todtkrank, ohne Lunge und Leben. Die; Aerzte hatten ihn aufgegeben — heute, morgen soll es zu Ende gehen. In dieser verzweifelten Lage gehorchten die Eltern und der schwerkranke junge Mensch dem Nathe von Verwandten und Bekannten und fuhren hieher zum Rabbi, um bei ihm das zu suchen, was sie bei den Aerzten und in den Apotheken nicht mehr finden konnten. Anfangs wollte der Rabbi nichts von ihnen wissen, endlich bestürmten sie ihn und —" „Der junge Mann wurde gesund?" „Nein, er starb; aber nicht weil der Rabbi nicht helfen konnte, o, er könnte schon, doch wollte er nicht. Er hat's selbst gesagt, er wollte Gott nicht darein reden, da es sich um einen Apikores handelte; der verdient eher den Tod als das Leben." „Ein großer Manu!" „Ein Bal-Moses^). Er weiß alles, was kommen wird, nur darf er's nicht sagen. Oft, in später Nachtstunde sitzt er einsam vor der Kabale und schläft ein, das Gesicht im Folianten; aber er schläft nicht; er wacht im Himmel, wo er sich mit Elijuhe oder König David bespricht, und wenn er von dort zurückkehrt, da ruht der Abglanz auf seinem Gesichte. Niemals hat jemand erfahren, was er dort gesehen und gehört, und wenn ihn die Frau fragt, legt er den Finger aus den Mund und schweigt ein heiliges Schweigen." * Es ist Freitag Abends. Die jüdische Bevölkerung des Ortes hat das vorgeschriebene Bad genommen, und Schabbestoilette gemacht; die Männer haben ihre Streimel, die Frauen ihre Stirnbinden aufgesetzt; aus allen Fenstern strömt das Licht vieler Kerzen; alle Läden sind geschlossen, das Geschäft pulsirt nicht, und die Gassen liegen öde, denn Alle, die Einheimischen und die Fremden, sind in und vor der Synagoge versammelt, in der der Rabbi betet. Dort herrscht ein lebensgefährliches Gedränge; was nicht Platz darin fand, knäuelt sich draußen vor dem Eingang zu einer compakten Masse zusammen, um ihn beten zu hören und einzustimmen, dass es zuweilen aufbraust wie Donner und der Boden erdröhnt. Sind doch die meisten Leute, die hier zusammenkamen, schmerzbeladen und angsterfüllt, im wilden Aufschrei Erleichterung suchend. Nach Beendigung des Abendgebetes drängen sich die fremden fanatischen Männer an den alten Mann heran, um seine Hände, seinen Kaftan zu berühren, sie folgen ihm in seine Wohnung, sie überfluthen seine Zimmer, sie setzen sich ungebeten an seinen Tisch, sie stürmen die Plätze, welche der Frau und den Kindern gehören, und bemächtigen sich räuberisch des Kuchens, über welchen der Rabbi den Segen gesprochen, sie zerstückeln ihn in Brosamen, die sie sorgfältig wie ein Kleinod bewahren.^) Samstag ruht das Geschäft — aber Sonntag! Schon zu früher Morgenstunde beginnt die Wallfahrt in das Haus des Wundermannes. Lange, bevor die Audienzen beginnen, staut sich schon die Menge vor dem, vom stämmigen Gabbe bewachten und vertheidigten Eingang. Die Reihenfolge des Einlasses regelt die Höhe der Trinkgelder; man geuirt sich nicht, man bietet und überbietet, um so schnell als möglich vorzukommen, und so bald als möglich heimzurcisen, und wer es nicht kann, bleibt oft tagelang draußen vor der hohen Pforte, bis es ihm gelingt, zu dem Propheten zu gelangen. Dieser selbst jedoch feilscht nicht; er nimmt diskret jede Gabe, die vor ihm niedergelegt wird, und schiebt sie unbesehen in die offene Schublade seines mit Folianten beladenen Tisches. Ein alter Mann, der wohlhabenden Classe angehörend, führt einen etwa vierzehnjährigen Burschen, der sich sträubt und loszuwinden sucht, vor das Antlitz des Rabbi. 3) Edelfrau. 4) Wundermann. 5) Dem Verfasser dieser Skizze wurde einst von einem naiven Chassid, der von einer solchen Wallfahrt heimkehrte, als Beweis außerordentlicher Dankbarkeit für eine erwiesene Gefälligkeit, ein sorgfältig eingewickeltes Stück Weißbrot verehrt, das er am Tische des Rabbi eroberte und von dem er sich nur widerwillig trennen zu können schien! „Rabbi, jammert der Vater, nur Gott und Sie können helfen. Der Junge will nichts lernen, will nicht beten, will Vater und Mutter nicht folgen; tummelt sich mit dem Vieh auf der Weide und den Dirnen auf dem Felde. Güte und Strenge, Lohn und Strafe, die Ermahnungen des Vaters, die Thränen der Mutter — nichts hilft. Sie. Rabbi, sind unsere letzte Hoffnung." Ein freches Lachen des Jungen antwortet auf den lange forschenden Blick und die ernsten Ermahnungen des Wundermannes. Alle Zitate aus Thora und Talmud prallen wirkungslos von der eherneu Stirne des verderbten Burschen ab, der den frommen Mahner höhnisch anlächelt, während der Vater leise winselt. „Es sitzt ein Dibik in ihm,6) sagt der Rabbi, ein Dibik. Wie heißt Du, mein Sohn?" „Salmen." „Salmen heißt Du und Anan bist Du!" „Ich heiße Salmen und bin Salmen", erwidert der Junge trotzig. „Du lügst, Anau bist Du, der Kara'tte, der Talmudläugner; Auan, der im Grabe keine Ruhe findet und von Körper zu Körper wandert. Hinaus mit Dir, Du gottverfluchte Seele aus diesem jüdischen Leib!" schreit der Rabbi und schüttelt den Jungen, als ob er ein Lulew wäre. Alle Anwesenden standen wie festgewurzelt da und wagten kaum zu athmcn, als erwarteten sie eine Vision. Der mißhandelte Bursche zitterte in stummem Schreck; ihm ist das Lachen vergangen und er sah angstvoll auf den erregten alten Mann, der sich langsam beruhigte und dann sich zum Vater wendend sagte: „Der Dibik steckt noch in ihm, aber er wird weichen. Lasse Deinen Bocher bei meinem Gabbe und er wird ganz anders nach Haufe kommen, als er herkam." „Er wird nicht bleiben wollen, Rabbi." „Er wird nicht bleiben wollen!" lacht der Wuuderrabbi, „Schamschon!" Der herkulische Gabbe theilt die Menge und steht vor seinem Gebieter. „Nimm Dir diesen Jungen und bewahr' ihn bei Dir." Im Nu ist der zu Stein erstarrte Bursche von den kräftigen Armen des ungeschlachten Mannes cmporgchoben und bevor er sich zu einem Widerstande aufraffeu konnte, im anstoßenden Flur verschwunden. „Reise nach Hause, sagt nun der Rabbi zum Vater, „Du hast einen Sünder gebracht und wirst Dir einen frommen Bocher abholen; in wenigen Wochen wird seine Seele gereinigt sein." * * * Nun erscheint eine betrübte Mutter mit ihrem zarten, hektisch angehauchten Töchterlein, dessen große, schwarze Augen ängstlich blicken. Eins jener beklagenswertheu Geschöpfe, die wie fromme Büßer klaglos über Dornen wandeln und nach kurzem, schmerzlichem Erdeuwallen rasch verschwinden. Das Mädchen heißt Rachel und ist Somnambule, schlafwandelnd und schlafhandelnd; offenbar ein Spiel des Teufels, dem nur der mächtige Spruch des wunderthätigen Mannes beikommen kann. Dieser hört mit geschlossenen Augen die Klagen der armen Mutter. Erkennt das Übel; es ist nicht das erste Mal, dass ihm so ätherische Geschöpfe Vorkommen, die sich zu einem ephemeren Dasein ins Leben verirren. „Ich weiß, ich weiß", sagt er; „Hände reißen sie im Schlaf aus dem Bette, ohne dafs sie erwacht; eine unwiderstehliche Gewalt lenkt sie durch Thür und Fenster, über Dächer und Zäune; der Gang ist leicht und unhörbar wie der Schatten; die Strahlen des Mondes ziehen sie mächtig an — — nun wohl lasst in mondhellen Nächten sorgfältig die Fenster verhängen, eine Thora vor das Bett legen und sie so lauge das Nachtgebet wiederholen, bis sie einschläft." Jetzt erscheinen zwei neue Figuren vor dem weisen Mann, von denen die Eine Aufsehen in der bunten Versammlung macht. 6) Dämon.

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