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Die Wahrheit · 1899-01-17 · Heft 3 (17.1.1899) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 3 (17.1.1899)
Date
1899-01-17
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8. Die Wahrheit. Nr. 3. mit Ihnen in Gemeinschaft zu treten; entmuthigen Sie sie nicht, reichen Sie ihnen im Gegentheil eine brüderliche Hand; Sie werden sehen, dass in ihrer Seele ein Widerhall lebt, der für die Ihrige ist. Und sehen Sie, den ersten eingeborenen Advokaten, geboren nach der Eroberung, mit Namen Enos, habe ich vor kurzer Zeit zu dem Advokateneide dem Gerichtshof von Paris vorgcstcllt. Enos ist Jude: er ist ein junger Israelit aus Algier, und ich bin stolz darauf, dies zu erklären." Ja bis zu seinem letzten Athemznge war er unausgesetzt bemüht, sich seiner unterdrückten Glaubensbrüder anzunehmen, um ihnen eine würdige Stellung zu erringen. Montesiore hatte seine günstigen Erfolge im Jahre 1840 im Oriente znmelst der Beredtsamkeit Cremieux's, der ihn begleitet hatte, zu verdanken. Als Napoleon III. in seinem, im Jahre 1865 erschienenen „Leben Casars" einen das Judenthum verletzenden Ausdruck gebrauchte, benützte Cremienx diese Stelle zu einer Reclamation. Der diesbezügliche Brief Cremieux's lautet: „Ich habe eben die Vorrede gelesen, welche Napoleon III., seinem „Leben Casars" voransetzt. Der freilich etwas gedämpfte Fatalismus einerseits, anderseits die den Völkern übrigens ziemlich eindringlich vor Angen geführte Pflicht, je nach ihren Zeitcpochen die Ideen Karls des Großen, des ersten Napoleon zuzulassen, hatten meine ganze Aufmerksamkeit wachgernfen, als ich bei den Worten anlangte: „Glücklich die Völker, welche dieselben begreifen, wehe denjenigen, welche sie mißverstehen, oder bekämpfen! Sie machen es wie die Inden, sie kreuzigen ihren Messias!" Wie konnte Napoleon diese Phrase niederschreiben! Wo hat der Historiker den Beleg für diesen Ausspruch, den er so kurzweg hinstellt, anfgefunden! „Die Juden haben ihren Messias gekreuzigt!" „Die jüdische Religion, welche in jenen Ländern, wo ihre Anhänger sich der politischen und bürgerlichen Rechte erfreuen, den übrigen Religionen gleichgehalten wird, sie, welche in jenen Ländern, wo ihre Bekenner der Verachtung, den Verfolgungen ausgesetzt sind, mit so vieler Tapferkeit ihre Unsterblichkeit aufrecht hält, die jüdische Religion erwartet ihren Messias. Die katholische Religion ist es, welche sagt, dass dieser Messias von den Juden verkannt, von ihnen gekreuzigt wurde. „Also die Vorrede zum „Leben Casars" wird jetzt von katholischem Standpunkte geschrieben! Eine Religions-These wird als ein historisches Axiom aufgestellt! O, wie weit haben wir uns von jenem großen Gedanken Napoleons I. entfernt, der durch die Berufung eines großen Sanhedrins und die Organisation des israelitischen Cultus die jüdische Religion anerkannte! „Wir leben in einer Zeit und in einem Lande, in welchem die Religionen und Culte sich im Gewissen verschließen, in den Tempeln sich frei bewegen können. Ein Priester mag von der Kanzel herab die Geburt des Messias und die Verblendung der Juden, welche ihn verkannt und gekreuzigt haben, verkünden. Ich kann dies als eine Ansicht der katholischen Religion, gegen welche übrigens ein Rabbi in der Synagoge von einer anderen Kanzel predigen kann, begreifen. Aber dass der Regent eines großen Reiches in der Vorrede eines Geschichtswerkes eine solche Aeußerung thut; dass er in einem Buche, welches er in alle Sprachen übersetzen lässt, neuerdings der Welt und Frankreich gegenüber, wo er alle Gewalt in seinen Händen vereint, gegen die Juden die Anklage erhebt, in ihrer Blindheit ihren Messias gekreuzigt zu haben, während dieser Messias Jesus Christus ist; dass er diese schreckliche und schmerzliche Anklage, welche die Ströme jüdischen Blutes, die darob vergossen wurden, aus dem Gedächtnis der durch die Philosophie aufgeklärten Nationen hinweggetilgt zu haben schienen, erneuert — war eine sehrunglückliche Eingebung!" Als Cremieux im Jahre 1870 in die Regierung der nationalen Vertheidigung als Mitglied eintrat, benützte er vor Allem die günstige Gelegenheit, um den Juden Algiers mittelst Decretes das französische Bürgerrecht zu verleihen, ohne den Vorwurf, den ihm seine Gegner gemacht, dass er seine Stelle für confessionelle Interessen ausbeute, zu scheuen. Seine größte und herrlichste That war unstreitig die Gründung des die Interessen des Judenthums in solchem Grade fördernden, die edelsten und humariitärsten Zwecke verfolgenden Vereines „Alliance universelle Israelite“ (1860) in Paris, dessen Präsident er bis an sein Lebensende gewesen ist. Wallfahrten. von Leo Herrberg-Frankl. Zwischen dem Beginne des Jahres, jüdischer Zeitrechnung, und dem Versöhnungstage liegt die zehntägige Bußperiode, in welcher die Frommen in vermehrter Frömmigkeit zu Gott um Vergebung ihrer Sünden beten, fasten und sich kasteien. Dies ist auch die Messezeit der Wunderrabbis. Da pilgert Alles, was sich noch den gläubigen Sinn aus der Kindheit bewahrte an die Märchen der Mutter, an die Erzählungen des Belferst) von den staunenerregenden Leistungen gottbegnadeter Männer, in die abseits der großen Heerstraßen gelegenen Residenzen der Heiligen, um Hilfe, Rath und Fürsprache zu suchen. Der sieche Mann, das unfruchtbare Weib, das kranke Kind, die alternde Jungfrau, der reuige Sünder, jämmerliche Krüppel, verrannte Spekulanten, waghalsige Lieferanten, Candidaten des Todes — Alle wallfahrten sie zu Fuß oder zu Wagen, unter Wegs darbend oder prassend, aber alle mit einer Gabe in der Tasche, zu dem frommen, wunderthätigen Manu, dem die Thore des Himmels offen stehen, und dem es vergönnt ist, Immediatgesuche auf den Stufen des göttlichen Thrones niederzulegen. Am Fuße der biiftern Karpathen, eingeklemmt zwischen Wald und Berg, liegt das jüdische Mekka, ein niederer Ort mit hölzernen Häusern, Strohdächern, morastigen Gassen, armseligen Krämereien und elenden Gasthäusern, in denen cs von Bettlern und Insekten wimmelt. Dazwischen ein größeres, langgestrecktes Haus mit Schindeldach, und hart daneben ein weites Gotteshaus mit Bogenfenstern, eisernen Läden und steinernem Portale. Hier residirt der Rabbi, hier betet er, und hierher strömen Alle, die aus der Ferne kommen, ihn zu sehen, zu hören, seine Fürsprache zu gewinnen. Der kleine Ort kann die Besucher nicht fassen, und die müden Menschen sind froh, wenn sie ein enges Plätzchen auf faulem Stroh finden, das der habgierige Hausherr nur einmal im Jahre, zu Ostern, erneuert und das ihm eine hundertperzentige Rente abwirft. Kein großstädtisches, noch so splendides Hotel bringt seinem Eigenthümer ein so hohes,percentuales Erträgnis, wie diese morsche Hütte, als Massenquartier. Einige harte Bänke und ein Langer von Schmutz- und Fettflecken inkrustirter Tisch bilden das Ameublement, die Dielen, die Betten. Hier liegen sie Mann an Mann, eng und dicht gebettet, wie in einem Massengrab. Die Einen laut schnarchend, die Anderen laut sprechend, auch wohl stöhnend, und der Gegenstand der Unterhaltung ist immer wieder der Wunderrabbi, seine Frömmigkeit, seine Weisheit, sein Klarblick, seine Kuren. Jeder weiß was zu erzählen, das eine Verherrlichung ist. „So lange ich lebe, ruft ein Mann in Extase, habe ich ein solches Schema-Israel nicht gehört, es geht durch Mark und Bein." „Ich bin ein Kälberhändler", sagt ein Zweiter, „und komme überall herum, ein solches Schema-Israel habe auch ich nie ghört. Himmel und Erde zittern Ist es ein Wunder, wenn Gott ihm alles zu lieb thut, wenn er so was hört?" „Jedes Wort, jede Silbe, so langsam und lang — bald leise, dass man nichts hört, bald laut wie ein Schofer, dass man bebt." „In einem Orte," erzählt ein Anderer, „lebt ein reicher Pächter, ein aufgeklärter Mann, ein halber Meschumed, jemach schemoi1 2) er rasirt sich den Bart, kleidet sich deutsch, raucht und schreibt am heiligen Schabbes." „Jemach schemoi!“ ruft es im Chor. „Die Frau ist wie der Mann," fährt jener fort, „sie trägt 1) Unterlehrer. 2) Sein Andenken sei vernichtet:

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