Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 3 (17.1.1899)
- Date
- 1899-01-17
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 3. Die Wahrheit. Seite 7. liebte der spätere Kammerpräsident die Juristerei nicht. Cremieux ließ ihn bei einem großen Verschwörnngsprocesfe Mitwirken, aber sie trennten sich bald, um sich erst im Jahre 1870, als Gambetta für das Plebiscit im Corpus Legislativ sprach, wiederznfinden. „Als ich ihn da", erzählte Cremieux, „jene Beredtsamkeit entfalten hörte, die ihm später die Fi'chrerrolle vindicirte, traute ich meinen Augen und Ohren nicht. „Ist er es wirklich?" fragte ich mich, und als er die Tribüne verließ, konnte ich nicht umhin, ihn zu umarmen und zu beglückwünschen. Cremieux's Beredtsamkeit war von jener Gambetta's ganz verschieden. Es herrschte bei ihm Eleganz und Leichtigkeit vor. Er handhabte mit gleichem Geschick die Kunst, tief zu rühren, und jene, lächerlich zu machen. Als Legouvs einmal Mademoiselle Rachel auf Entschädigung klagte, weil sie ein Stück von ihm nicht spielen wollte, las Cremieux Scenen aus dem Stücke derart vor, dass der ganze Saal in Lachen ausbrach. Das Gericht sprach die Rachel frei, Legouvs aber konnte dem Advocaten nie verzeihen. Cremieux hielt sich als Advocat verpflichtet, Jedem beizn- . springen, der seine Dienste in Anspruch nahm, namentlich wenn er der unterliegenden Partei angehörte. Er hat die Minister Carls X., Louis Napoleons und die der Verschwörung angeklagten Arbeiter vertheidigt. Sein Salon war eine der seltsamsten Sammlungen von Andenken ans allen Ländern mrd von allen Parteien. Lange Zeit vertrat er die Familie Bonaparte. Er .war für die Candidatnr Louis Napoleons gegen Cavaignac, wendete sich aber gegen ihn und wurde am 2. December in Mazas eingesperrt. Von da an weigerte er sich, in die Tulerien zu gehen. Da traf es sich, dass die Juden in Marokko ein Wort an den Kaiser richten wollten. Niemand war mehrberechtigt und hatte mehr Aussicht auf Erfolg, als Cremieux. Er kämpfte lange mit sich und bekämpfte sich. Als er zurückkam, brach der alte Mann in eine Art Paroxismus aus: „Ja", platzte er zu den ihn Erwartenden heraus: „ich habe ihn gesehen", und fuhr sich mit den Händen in das weiße wollige Haar. „Er hat mir zngesagt" und wiederholt rief er unwillig die Worte: „Ja, ich habe ihn gesehen!" als hätte er sich da einer Unthat zu zeihen: aber er sah ihn nimmer wieder, wohl aber lief er oft den Ministern die Thür ein, wenn es sich um verfolgte Inden handelte. Cremieux war ein Jude in des Wortes reinster Bedeutung, ein Jude, dem das Heil und Wohl seiner Glaubens- und Stammesgenossen am Herzen lag, der sich mit Stolz einen Juden nannte, dessen Zorn entbrannte, so man auf gegnerischer Seite die Fehler und Verbrechen einzelner Juden zu generalisiren versuchte. Im Jahre 1858 fand vor dem Kriegsgerichte in Oran (Algerien) ein Process statt, in welchem mehrere Juden unter den Angeklagten sich befanden. Cremieux war ihr Vertheidiger. Gegen den Schluss seiner Anklage hatte sich der kaiserliche Commissarius eine überaus heftige Anschuldigung gegen die Inden erlaubt. Cremieux begann sein Plaidoyer mit einer energischen Zurückweisung dieser Diatribe. In dieser vorzüglichen Rede hieß es unter Anderem: „Meine Herren! Bevor ich mich mit der eigentlichen Sache beschäftige, will ich vor Allem auf den Schluß der Rede antworten, welchen das öffentliche Ministerium soeben ausgesprochen. Diese Worte haben mir das Herz durchschnitten. Dieser heftige Angriff gegen die Juden von Seiten des jungen Ofsiciers, der sich des Wortes wie des Degens mit gleicher Auszeichnung bedient, gehört nicht unserer Zeit, nicht unserem Lande an. Ich habe die Ehre, Jnde zu sein, meine Herren, und ich habe auch die Pflicht, die ich nie verletzt habe, den Angriff auf meine Glaubensgenossen abzuwehreu. Weil einige Individuen dieses Bekentnißes vor dem Gerichte stehen, schleudern Sie auf Alle eine beschimpfende Anschuldigung! Aber unsere Religion, was ist sie? Diejenige,' welche zuerst die Einheit Gottes begriff und verkündete, Diejenige, welche auf dem Berge Sinai die reinste Sittenlehre in ihren unsterblichen.Zehnworten, der Grundlage aller Eurer Gesetze, niederschrieb. Herr kaiserlicher Commiffär, was Sie in diesem Augenblicke gegen die algierischen Juden sagen, das sagte man vor fünfzig Jahren gegen die französischen Juden. „Ich, mein Herr, wurde in meiner Kindheit von diesen Injurien, die mich zur Verzweiflung brachten, verfolgt in meinem reiferen Alter, vor zehn Jahren, war ich an der Spitze der französischen und algierischen Regierung. Diejenigen, welche die Juden anklagen, kennen diese nicht. Wenn nach so vielen Jahrhunderten der Sclaverei und der niedrigen Verfolgung sie die Gebrechen, welche aus der Sclaverei hervorgehen, und welche die entwürdigende Verfolgung der Seele eiupflanzt, angenommen hätten, wer könnte ihnen ein Verbrechen daraus machen? Aber im Grunde ihres Herzens hat immer das Andenken an den Schutz and an die Treue der Verheißungen Gottes fortgelebt; ich weiß nicht, welches heilige Feuer sie aufrecht erhält und nur eines Funkens wartet, um anfzulodern. „Sehen Sie, was die Geschichte von 1789 aus ihnen gemacht hat! Ein Vierteljahrhnndert reichte hin, um sie auf die Höhe derjenigen zu heben, die ihnen die Emancipation verliehen; ein anderes Bierteljahrhundert ist kaum verflossen, und Ihr habt sie sich in allen Carriören anszeichnen gesehen. Ich spreche nicht von der Bank, wo der größte Name unserer Zeit, der Name Rothschild, aller Orten durch seine scrupulöse Redlichkeit, seine Großmnth, seine Familientugenden die größte Achtung genießt, der, wenn er in England die Pforten des Hauses der Gemeinen sprengt, in Frankreich in Zeiten der finanziellen Unordnungen und Schwankungen gleichbedeutend ist mit dem Begriffe von Ehre, Ordnung und Loyalität. Aber in den Künsten, Wissenschaften, in der Magistratur, im Richteramt, was für mit Recht berühmte und geehrte israelitische Namen! Hat sie die Politik für unwürdig des französischen Namens befunden? In unserer Revolution von 1848 befanden sich zwei Juden unter den Leitern des Wagens, der damals so schwer zu lenken. Der Eine von ihnen war Mitglied der provisorischen Regierung und Minister der Justiz, das will heißen, des Heiligsten unter den Menschen; der Andere war Minister der Finanzen, das will heißen, der Redlichkeit unter den Menschen. Fraget unsere Mitbürger, sie werden Euch sagen, ob wir unsere unermesslichen Pflichten würdig und ehrlich erfüllt haben. „Hier meine Herren, ist es ein thatsächliches Unrecht, die Juden anzugreifei^; zwischen den Juden und den Arabern ist der Abstand der Intelligenz außerordentlich. Beurtheilen Sie blos nach diesem Processe: Vor der Feigheit dieses Haufens von furchtsamen Zeugen, die gewissermaßen, um besser lügen zu können, ihr Khalifat, ihren Kadi, ihren Kaid mit den Augen befragen, haben Sie einen von diesen beiden Angeklagten Ihnen antworten gehört: Sie lügen diese arabischen Zeugen, sie zittern vor ihren Häuptern; wir, die wir keine Häupter haben, die uns einschüchtern, wir, die wir nur von der französischen Behörde abhüngen, wir haben vor Niemandem Furcht. Verwenden Sie die Inden, um die Araber Ihnen zuzuführen. Dies ist das Band zwischen Ihnen; verwenden Sie meine Herren, diese industrielle, geschickte und treu ergebene Bevölkerung, die weiß, dass sie Frankreich das Ende ihrer verhassten Knechtschaft verdankt. Die Knechtschaft! Wenn Sie wüssten, wie sie diejenigen lieben, die sie davon befreit haben! Ihre ganze Religion beruht auf dem Haffe der Knechtschaft, auf der Dankbarkeit für ihren Befreier. Der Gott Israel sagt ihnen auf jeder Seite der Bibel: Ich bin der Herr; Dein Gott, der Dich aus dem Egypten, aus dem Hause der Knechtschaft gezogen. Und noch heute, nach vier Jahrtausenden, bei der Feier unseres Osterfestes, während ringsum die festliche Tafel, die Freude auf allen Gesichtern leuchtet, wendet sich der Sohn an den Familienvater mit der naiven Frage, die indem Gebete verzeichnet: Warum diese Freude, dieses Glück heute größer als alle Tage? Und der Vater gibt diese große und rührende Antwort: Mein Sohn, wir waren Sklaven in Egypten; es ist heute die Jahresfeier des großen Tages unserer Befreiung; darum ist es. dass wir so glücklich sind! „Meine Herren, wenn solche Gefühle in einer Religion vorherrschen, so sind diejenigen, welche sie bekennen, würdig,