Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 3 (17.1.1899)
- Date
- 1899-01-17
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Gelte 6. Die Wahrheit. Nr. 3. Schülern sich befindet; und weiter meinen wir, es sei Sache der Cultusgemeinden, sich dafür einzusetzen, dass dort, wo die Bedingungen vorhanden sind, den jüdischen Religionslehrern dasselbe Recht zutheil werde, wie denen anderer Bekcnntniße, dass auch der Vertreter dieses so wichtigen Unterrichtszweiges bald jene Stellung erhalte, welche ihm vermöge seines Studiengauges, seines Wissens, seiner Pflichten und seiner Thätigkeit gebührt. Sind aber die Cultusgemeinden, sind unsere geistlichen Behörden nicht gewillt, hier einzugreifen, so thue es der Religionslehrcrverband, lasse er den Worten auch Thaten folgen. „Wenn nicht jetzt, wann denn?" Ein Einzelner kann wenig ausrichten, wo es nothwendig ist, dass die Gesammtheit, wie ein Mann sich erhebt und etwas zu erwirken trachtet für den Stand von Lehrern, die immer ihre Pflicht erfüllten, und für die bis jetzt so gut wie gar nichts geschehen ist. Schaffe man unter den Lehrern kein Proletariat, keine Enterbten. Wenn alle Beamten jetzt hoffnungsvoll in die Zukunft blicken, warum soll unser Blick stets umdüstcrt sein, warum sollen wir zu unserem Rechte nicht gelangen? Wir wollen doch aus dem Ghetto heraus, warum bewahren wir so conservativ die alte Ghettoeigenthümlichkeit, den Lehrer als den Letzten zu betrachten, an den man sich erst erinnert, wenn die Noth und das Elend, wenn Kummer und Krankheit an seine Thüre pochen. Wo der israelitische Religionslehrer die Befähigung sich erworben, an Mittelschulen zu unterrichten, wo die nöthige Zahl von Schülern vorhanden ist, wo der Lehrer allen seinen Verpflichtungen in gesetzlichem Maße nachgekommeu ist, wo er eine Reihe von Jahren zur Zufriedenheit seiner Vorgesetzten Behörden wirkt, dort soll man ihm alle jene Rechte cinräumen, die auch anderen Lehrpersonen zutheil geworden. Das, glaube ich, gebietet die Ehre des Judenthums, das gebietet der Grundsatz der Gerechtigkeit und Billigkeit, den wir Juden so gerne im Munde führen. Gemeinden, Rabbiner und Lehrer sollten nach unserer Meinung da einig Vorgehen. Keine Eifersüchtelei, keine Scheelsucht, kein falscher Hintergedanke, keine vorgefasste Meinung sollten hier herrschen, sondern nur allein das Wohl des Unterrichts und der Jugend und die Rücksicht auf Männer, die es wahrlich verdienen, dass man sich endlich einmal ihrer erinnert. Wenn aber auch in diesem Falle das alte Erbübel des Judenthums, das rivalisierende Gezäuke, den Sieg davon tragen wird über Gerechtigkeit und Billigkeit, dann wird man Verbitterung und Gehässigkeit nähren, und der Unterricht und nicht am wenigsten auch das Ansehen und die Zukunft des Judenthums werden darunter leiden. Darum ergeht unser Ruf: „Gebt auch dem jüdischen Religionslehrer, was ihm gebührt, befestigt seine Stellung und schaffet ihm seinen ruhigen, trostreichen Ausblick für die Zukunft!" Oheb Emefch. Züge aus dem Leben des berühmten Adolf Lremieux von Dr. M. H. Friedländer. Einer der hervorragendsten Redner uud Vorkämpfer gegen Vorurtheile des 19. Jahrhunderts war unstreitig Adolf Cremieux, der 1769 zu Nimes im südlichen Frankreich das Licht der Welt erblickt hatte. Er selbst erzählt die Geschichte seines Ursprunges in folgender Weise: „Ich bin in Wahrheit ein Sohn des Schreckens. Mein Vater gehörte der Municipialität unter der Schreckensregierung an, aber er ließ, so oft er konnte, ein Opfer entschlüpfen und gab den nicht vertheidigten Priestern oft Pässe. Als nach dem 8. Thermidor das Blatt sich wendete, zog sich ein Gewitter über dem Haupte meines Vaters zusammen. Die Opfer aber, welche er gerettet, gaben Zeugnis für ihn; doch wagte man es nicht, meinen Vater aus dem Gefängniße zu entlassen, aber man erlaubte meiner Mutter, ihn zu pflegen, uud dieser Jndulgenz verdanke ich mein Dasein". In seiner Gebnrtsstadt absolvirte Adolf Cremieux die Gymnasialstudien und widmete sich später der juridischen Laufbahn. Infolge seiner großen, hinreißenden Beredtsamkeit und ungewöhnlichen oratorischen Begabung erwarb er sich frühzeitig einen glänzenden Ruf und gelangte zu solcher Popularität, dass er nach der Februarrevolution 1848 zum Justizminister und zum Mitgliede der provisorischen Regierung ernannt wurde. Seine ersten Lorbeeren als Advocat errang er sich auch in Südfraukreich. Ein Pariser Berichterstatter der „N. Fr. Pr." Nr. 554 theilt folgendes hierüber mit: Beim Beginn der Restauration hatten sich im Süden förmliche Banden gebildet, welche auf die ehemaligen Republikaner Jagd machten. Die Regierung, weit entfernt, die Verbrecher zu bestrafen, zeichnete sie noch aus. So fiel der alte Marschall Brun, der Vertheidiger Frankreichs, in den fürchterlichen Tagen. Cremieux wagte es, den Mörder, ein Lastträger, Namens Trestaillons, vor Gericht zu ziehen und dessen Verurtheiluug durchzusetzen. Damit kehrten bei der Bevölkerung der Muth und das Sicherheitsgefühl wieder. Das Prestige der Missethäter war verschwunden und Cremieux hatte sich einen Namen gemacht. Talma, der sich um jene Zeit in Aix befand, wollte den jungen Advocaten sprechen hören. Nach der Vertheidigung eines auf den Tod Angeklagten gieng der große Mime auf ihn zu und ertheilte ihm Lobsprüche. „Ich muß eilen, Kleider zu wechseln", sagte Cremieux. ich bin ganz vom Schweiße durchnässt". — „Man darf sich nie echauffiren", sagte Talma, „wenn man stecitirt". — „Und wie machen denn Sie es?" meinte Cremieux. — „Ich", erwiderte Talma, „bin immer hier (aufs Herz zeigend) ganz ruhig, nur da arbeitet es", fügte er (die Hand auf den Kopf legend) hinzu. Ein anderes Mal vertheidigte Cremieux einen Mann, der augeklagt worden war, die Marsailleuse gesungen zu haben. Der Vertheidiger trug den alten republikanischen Schlachtengesang derart vor, dass die Richter in Thränen ausbrachen, und der Angeklagte war gerettet. Später hat er die Rachel diesen Gesang recitiren gelehrt, und sie hat damit nicht minder das Publicum entzückt, als mit ihren dramatischen Vorstellungen. Sie verdankt überhaupt dem berühmten Advocaten ihren Ruhm und ihre Stellung. Sein Salon war unter der Juli-Monarchie einer der beliebtesten und besonders der Sammelplatz der Künstler und Kunstliebhaber, zu denen auch er gehörte. Eines Tages wurde ihm das etwas vernachlässigte Mädchen vorgestellt. Er erkannte das Talent in der Rachel und ließ sie zu sich kommen. „Sie war," erzählte er „sehr unwissend. Ich gab ihr Stücke aus „Phädra", „Andromache", „Iphigenie" zu recitiren. Sie declamirte sie mir sehr reizend; aber, sagte ich zu ihr, es scheint, dass du nicht verstehst, was du hersagst"? „Wie, Väterchen," erwiderte sie, „komme ich denn dazu, diese Sachen zu kennen?" Ich gab ihr eine Lectüre über die Fabel der Stücke, über den mythologischen Hintergrund, ging die Verse mit ihr durch, schickte sie in ein Nebenzimmer und sagte: „Jetzt lerne und recitire es mir!" Als sie zurückkam, stand bereits die große Schauspielerin vor mir. Sie declamirte hinreißend. Wir setzten unsere Lectionen fort und bald konnte sie auf der ersten Bühne Frankreichs ihre Nebenbuhlerinnen verdunkeln." Talente anerkennen, sie ans Licht ziehen, war ihm ein förmliches Bedürfnis. Gambetta war sein Gehilfe gewesen, doch