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Die Wahrheit · 1899-01-17 · Heft 3 (17.1.1899) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 3 (17.1.1899)
Date
1899-01-17
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 3. Die Wahrheit. Seite 5. Bedürftige gelangen. Warum der Vorstand sich dieses ihm kostenlos zur Verfügung stehenden Behelfes bei seinen Wohlthätigkeitsacten begibt, ist schwer einzusehen. Haben wir dargethan, wie einerseits die in der Berliner Gemeinde vorhandene Steuerkraft grundverschieden von derjenigen ist, die wir hier wahrzunehmen Gelegenheit haben, und wie andererseits die Leistungen des dortigen Vorstandes sowohl in quantitativer als qualitativer Beziehung sich vortheilhaft von der hiesigen unterscheiden, so können wir es nicht als gerechtfertigt erachten, dass nach der erst vor nicht langer Zeit vorgenommenen Erhöhung der Cultnssteuer jetzt wieder eine solche mit Berufung auf die höheren Einnahmen der Berliner- Gemeinde geplant wird. Die Stellung des mosaischen Religionslchrers an den österreichischen Mittelschulen. Es war zu Weihnachten des Jahres 1896. In der Landeshauptstadt Mährens versammelten sich auf den Ruf einiger Männer, welchen das schwierige Amt zutheil geworden, die mosaische Religionslehre an unseren Mittelschulen vorzutragen, Vertreter dieses Faches aus allen Kronländern unseres Vaterlandes, um endlich auch einmal in gemeinsamer Berathung darüber zu verhandeln, wie denn diesen Parias im Lehrerstande geholfen werden könnte. Es wurden Reden gehalten, man beschloß, sich an die Regierung mit einer Petition zu wenden, um Systemisirung von Stellen für mosaische Religionslehrer einzuschreiten, sie zu bitten, für die Zukunft dieser Lehrpersonen, ihrer Witwen und Waisen Obsorge zu treffen, man schritt zur Bildung eines Verbandes der isr. Religionslehrer, man waringehobener Stimmung, es war alles so schön, so herrlich, so hoffnungsvoll, und siehe da, heute sind wir nach dem Jubiläumsjahre, zu Weihnachten kamen die Mitglieder des Verbandes diesmal in Wien zusammen, cs wurden wieder viele, sehr viele Reden gehalten, und es ist so, wie zur Zeit der Braunschweiger Rabbinerversammlung. Heine'schen Angedenkens, „Es bleibt Alles beim Alten". Man höre: Durch die soeben durchgeführte Gehaltsverbesserung wurde die Lage aller Beamten wesentlich zu ihren Gunsten verändert, man verhandelte im Reichsrathe das Dienergesetz, an Alle, Alle denkt man, nur an die Religionslehrer unserer Confession, welche an den Mittelschulen wahrlich mit heißem Bemühen, unter den ungünstigsten Verhältnißen wirken, hat man — ganz vergessen. Der jüdische Religionslehrer wird, wie der Dichter in der „Theilung der Erde", auf den Himmel vertröstet. Doch nein, wir thuu Unrecht, man hat an ihn nicht vergessen, man hat ihm einen Titel gegeben, er ist nicht mehr Unter- oder Hilfslehrer, er ist wirklicher Lehrer geworden, was ihm aber nicht einmal am 2. Dezember die k. k. Medaille eintrug, welche der k. k. Schuldicuer erhielt. In einem Kronlande gieng man noch weiter. Aus dem neuen Gehaltsregulierungsgesetze wurde interpretiert, .die „Remuneration" — das ist der Gehalt des jüdischen Religionslehrers — dürfe jetzt nur 50 st. per Stunde betragen, gegen 60 fl., die ihm früher gegeben wurden, und wenn sich das Ministerium dieser auf solche Art Verkürzten nicht annimmt, so haben wir auch eine „Gehaltsregulirung" aufzuweisen. So ist und bleibt der jüdische Religionslehrer der Letzte im Lehrkörper. Für ihn gibt es keine Quinquennien, keine Altersversorgung, er ist schlechter gestellt als der Supplent, ja schlechter als der Schuldiener. Dafür verlangt man von ihm: Begeisterung für seinen Berns, umfassende pädagogische Bildung, Universitätsftudien womöglich talmudisches und biblisches Wissen, Erlangung des philosophischen Doctorgrades, geschichtliche Keuntniße, Eignung zum Exhortator und noch vieles andere, was eben ein Universalgenie leisten kann. Werfen wir nun unseren Blick auf die verschiedenen Lehrpersonen, welche den Unterricht in der mosaischen Religionslehre an unseren Mittelschulen versehen, so sind es an den kleineren Orten die Rabbiner meist, welche das Schulamt als einen Appendix, ein Anhängsel ihres Amtes betrachten. In großen Städten, wie Wien, Prag, Krakau, Brünn, Olmütz u. a., sind Schulmänner angestellt, von denen man wirklich nicht weiß, wem sie eigentlich angehören, wie ihre Stellung auszufassen ist. Sind sie Staats- oder Gemeindebeamte? Den erhebenden Titel aus der weiland Stremayr'schen Epoche, selig liberalen Andenkens, den Titel „Nebeulehrer" führen sie nun freilich nicht mehr. Sie werden aber nach der Zahl der Stunden besoldet, remuneriert, haben alle Pflichten angestellter Lehrer, dürfen z. B. auch allen langwierigen Conferenzen anwohnen, haben aber sonst keine Rechte. Wie nun, wenn ein solcher Lehrer sich den Luxus erlaubt, z. B. zu erkranken. Wer sorgt dann für ihn? — Wenn ein solcher Lehrer stirbt, wer sorgt für seine Witwe und seine hiuterlassenen Kinder? Wenn er alt wird und sein Amt nicht mehr versehen kann, wer sorgt für seine Existenz? Wie man sieht, sind das Fragen, welche in unserer Zeit berathen und erwogen werden, wenn es sich um Fabriksarbeiter handelt, nur wir haben das traurige Vorrecht, dass wir keine Hand rühren, wenn es gilt, derer sich anzunehmen, die unsere Jugend bekannt machen sotten mit den heiligen Wahrheiten unseres Glaubens, welche die Pflicht haben, unsere Jugend zu begeistern, für all' das Große und Bedeutende, das unser Judenthum geleistet, kurz für diejenigen, denen die religiöse und sittliche Erziehung unserer Jünglinge anvertraut ist. Fürwahr, ärger können der Jndifferentismus und die Indolenz, welche unsere heutigen Juden kennzeichnen, nicht zu Tage treten. Männer, welche umfassende Studien gemacht haben, welche eines der schwierigsten Erziehungswerke verrichten, die im Schweiße ihres Angesichtes von Schule zu Schule laufen, unter den widerwärtigsten Zeitverhältnißen ihre besten Kräfte aufwenden, um ihre Pflicht zu erfüllen, sie müssen sich sagen: „Um Nichts habe ich mich bemüht, meine Existenz ist nicht gesichert, meine Zukunft nicht bestellt". Wo sollen sie die Freude hernehmen für den Unterricht, welche ja doch nur allein einen guten Erfolg in Aussicht stellt?- Wir haben Mittelschulen, besonders in den oben genannten größeren Städten der Monarchie, in denen die jüdischen Schüler einen starken Perzentsatz ausmachen. Und doch werden Clasfen zusammengczogen, und in starken Abtheilungen wird Jünglingen verschiedener Altersgrade derselbe Lehrstoff vorgetragen. Abgesehen von dieser pädagogischen Ungeheuerlichkeit, durch welche die Arbeit des Lehrers verdoppelt wird, abgesehen von der Ungerechtigkeit, welche darin liegt, dass die Schüler der verschiedenen Bekenntniße nicht mit gleichem Maße gemessen werden, liegt auch darin der Anlass, warum zu der so nothwendigen Systemisierung von Lehrstellen für den mosaischen Religionsunterricht nicht geschritten wird. Das Gesetz besagt, dass eine solche nur eintreten kann, wenn der Unterricht classenweise ertheilt wird. Wir denken nun, das ist doch leicht möglich, wo eben die angemessene Zahl von

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