Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 3 (17.1.1899)
- Date
- 1899-01-17
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Die Wahrheit. Nr. 3. Die Judenemancipation beruhte auf der Gleichartigkeit der Cultur. Diese soll nun durchbrochen werden. Christ und Jude sollen äußerlich wenigstens ihr Wissen, ihre Bildung, ihre Erziehung aus verschiedenen Culturquellen schöpfen. Der Geist der Verschiedenheit soll in dieser Aeußerlichkeit gezüchtet und genährt werden; es soll in den Augen der christlichen Kinder das jüdische Kind aufhören, Mitschüler zn sein — mit einem Worte, noch nie wurde ein frecherer und zugleich heuchlerischerer Vorstoß der antisemitischen Demagogie unternommen, als hier. Der Antisemitismus, der im Kreise einiger Wilder im selige» Reformverein vereinigter Gesellen angefangen hat, hat es klug verstanden, in seine Kreise große Massen der christlichen Frauen hineinzuzieheu. Der unverdorbene Geist des Kindes, durch die interconfessionelle Schule den Einwirkungen der elterliche» Athmosphäre entrückt, soll nun gleichfalls in die Kampforgauisatiou der Antisemiten eiugereiht werden. Schon in der Schule und durch sie soll das Kind antisemitisch geimpft und vergiftet werden. Ich habe niemals begreifen können, wie sich auch nur ein einziger vernünftiger Jude finden konnte, der die ganze Niederträch tigkeit dieses Manövers nicht sofort bis zn seinen Wurzeln durchschau hätte. Hier ist wirklich eine Lebensfrage des Judenthnms auf die Tagesordnung gestellt, und wenn die Juden sich nicht nach dem faulen Frieden ihres alten Ghettos zurücksehneu> so müssen sie sich endlich gegenüber einer solchen Vergewaltigung des klaren Rechtes und des gesunden Sinnes, unbekümmert um nebensächliche Parteiungen, zu einer unüberwindlichen, ehernen Phalanx zusammenschließen. Zum Berichte des Vorstandes der Wiener Lultusgemeinde. in. Wie hebt sich die Brust jedes warmfühlenden Juden, wenn er die Botschaft hört, dass die II. Vorstandssection bemüht ist, die israelitische Jugend zu begeisterten Anhängern ihres Glaubens zu erziehen! Wie sie das nur anstelle» mag? Gemeiniglich wird angenommen, dass die Begeisterung ein Ergebnis elementar wirkender Gefühle und Empfindungen ist, die ihre Impulse von Erregungen empfangen, die das Innere durchfluthen, oder von äußeren Einwirkungen, die wie ein elektrischer Strom den ganzen Menschen mäcbtig ergreifen. Auf welchem Wege soll nun die Jugend die Begeisterung erhalten? Sie könnte hervorgerufen werden durch die überwältigende Macht der Religionswahrheiten, durch den Zauber der in den biblischen Erzählungen zur Darstellung gelangenden Charactere, durch Vorführung von Heroeugestalten in der jüdischen Geschichte welche aus dem Glühofen einer vielhundertjährigen schweren Prüfung, wie Abraham ohne Einbuße an Glaubenstreue, Gottvertrauen und Hingebung für die Interessen ihres Stammes hervorgegangen sind. Um aber auf diese Weise begeisternd auf die Jugend zu wirken, müssen auch diejenigen begeistert sein, welchen die Aufgabe zugefaüen ist, der Jugend durch Lehre und Beispiel als Führer und Leiter zu dienen. Soll nun die Verheißung nicht wieder ein Spiel mit Worten sein, so müsste vor Allem die Gewähr dafür geboten werden, dass die von ihr requirirten Religionslehrer ihrer Aufgabe bewusste, glaubenseifrige und gesetzestreue Juden sind, weil nur solche es vermögen, „die Jugend zu begeisterten Anhängern ihres Glaubens zu erziehen." Welche Meinung von der Qualification unserer Religionslehrer aber scheint der Vorstand selbst zu besitzen, wenn er, um ein geeignetes Lehrbuch für den Geschichtsunterricht zu erhalten, sich an eine auswärtige Lehrkraft zu wenden bemüssigt glaubt und nicht von den vielen Lehrern einen herauszufinden vermag, den er mit der Abfassung eines solchen Lehrbuches betrauen konnte.- Ist es auch wahr, dass der vom Vorstande erwählte Fachmann unbestritten gu den angesehensten Geschichtskennern des Judenthums zählt, so lässt sich doch nicht leugnen, dass es von wesentlichem Vortheile für die Unterrichtszwecke gewesen wäre, wenn die Ausarbeitung dieses Buches einem Fachmanne hätte anvertraut werden können, der die diesbezüglichen Bedürfniße unserer Schuljugend aus eigener Wahrnehmung kennen zu lernen Gelegenheit hat. „Eines schickt sich nicht für Alle." - Da von der begeisterten Anhänglichkeit an den Glauben die Rede ist, welche der Religionsunterricht zuwege bringen soll, so wird es wohl nicht als ein Sprung angesehen werden, wenn wir von der Schule auf die Synagoge übergehen; wo sonst als in der letzteren soll „das beständige Licht" der Gotteslehre genährt werden, an dem die Begeisterung für den Glauben sich entzünden kann? Die Kanzel, von der aus das Wort Gottes verkündet wird, muß daher die erste Stelle in der Reihe der gottesdienstlichen Einrichtungen einnehmen; sonderbarerweise thut der Vorstandsbericht ihrer keine Erwähnung. Anders im Berichte der jüdischen Gemeinde in Berlin. Schon dass er von der Erbauung der fünften Synagoge in der Lützowstraße so eingehend spricht und die Errichtung weiterer Synagogen in den anderen Stadttheileu in Aussicht stellt, zeigt von der hohen Bedeutung, welche dem „Predigt-Gottesdienst", wie er im Berichte genannt wird, beigelegt, wie hoch sein Werth angeschlagen wird. Es geht das auch hervor aus der in Aussicht genommenen weiteren Anstellung von Rabbinern, beziehungsweise Predigern und aus der Höhe der Ausgaben, die der Vorstand diesem Titel des Gemeindebudgets zuwendet; sie beträgt ungefähr 300.000 Mark. Fassen wir das in's Auge, was in Sachen der Wohlthätigkeit seitens des Vorstandes der jüdischen Gemeinde in Berlin geschieht, so nehmen wir erst recht den Unterschied wahr, welcher zwischen dort und hier rücksichtlich der Gemeindeverwaltung besteht. Während in Berlin die Armenpflege, Waisenversorgung u. s. w. aus den eigenen Einnahmen bestritten wird, ist es hier nur ein minimaler Theil, welcher diesem Zwecke aus. dem Gemeiudesäckel geboten wird, während der Löwenantheil der erforderlichen Ausgaben aus Jahresbeiträgen wohlthätiger Mitglieder sich zusammensetzt. Umso befremdender ist es, dass der hiesige Vorstand bei der Beschränktheit seiner Mittel es für zweckmäßig erachtete, ein „Armenamt" zu schaffen, und es nicht vorzog, die hieraus erwachsenden Erhaltungskosteu der altbewährten Armenanstalt der israelitischen Cultusgemeinde zu widmen, wodurch sehr vielen Hilfesuchenden thatkräftig unter die Arme gegriffen werden könnte. Nicht zu reden, dass die dem Armenamte zur Verfügung gestellten Mittel kaum entsprechender hätten verwendet werden können, als eben durch die genannte Anstalt. Der Umstand, dass sie direct von angesehenen Mitgliedern der Gemeinde geleitet wird, bietet die Garantie, dass die einfließenden Gelder in gewissenhafter Weise und an wahrhaft