Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 3 (17.1.1899)
- Date
- 1899-01-17
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Ais IDaHrchsil ^abhängige Keiischrrfi fix Mische Hnterejsen. Erscheint jeden achten Tag. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!" A- Bezugspreis: Ganzjährig.fl. 6.— Halbjährig .... fl. S.— Für Lultusbeamte: Ganzjährig . . . . fl. 5.— Für Ausland: Ganzjährig.12 Mark 6 Rubel oder 16 Frs. A-fc, Nrdsrtron u. ALminrstrakion Wien, II/l. K. k. österr. Postsparcassa. Check-Conto Nr. 846.251. Inserate 1V Kreuzer per Nonpareille-Zeile. Abonnements- und Jnsertionsbeträge sind in Wien zahlbar. . .17 Nr. 3. Wien, 17. Iännrr 1899. Inhalt: Ueber die confessionelle Schule. — Zum Berichte des Vorstandes der Wiener Cultusgemeinde. (Schluss). — Die Stellung des mosaischen Religionslehrers au den österr. Mittelschulen. — Zuge aus dem Leben Adolf Cremieux's. — Wallfahrten. — Tempel- und Synagogenmusik. Entstehung der Synagoge. (Schluss). — Kranzabläsuug. — Nochmals etwas für den Kore.— Der älteste Reformtempel. —Vereinsbote.— Publicationen des österr.-ung. Cantoren-Vereines. — Verschiedene Nachrichten. — Eingesendct. — Feuilleton: Ter Nihilist. (Fortsetzung). Ueber die confessionelle schule. Interview mit Ir. Friedrich Ellbogen, Wien. Seit dem bekannten Erlasse des niederösterreichischen Bezirksschulrathes, der mit Verletzung des Volksschulgesetzes vom Jahre 1867 das in demselben ausgesprochene Princip der interconfessionellen Schule durch administrative Maßregeln zu durchbrechen suchte, und bereits an mehreren Volksschulen in Wien die Sonderung der christlichen Schulkinder von den jüdischen bewirkte, steht die „confessionelle Schule" im Mittelpunkte der öffentlichen Discnssion. Die confessionelle Schule ist nicht nur ein sehnlicher Wunsch der Antisemiten, sondern unbegreiflicher Weise findet sie auch im Judenthum selbst — bei den Orthodoxen und Zionisten — eifrige Fürsprecher, die in der jüdisch-confessionellen Schule die einzige Panacee für das Judenthum erblicken. Eine so hochwichtige Frage von allen Seiten zu beleuchten, gilt uns als dringende Pflicht der jüdischen Publicistik, und darum beabsichtigen wir, in unserem Blatte die Anschauungen verschiedener hervorragender Glaubensgenossen zum Ansdruck zu bringen, und eröffnen heute diese Enunciationen mit einem Interview, das der Chefredakteur unseres Blattes mit Herrn Dr. Friedrich Ellbogen. Hof- und Gerichtsadvokat in Wien, gepflogen hat. Die Ansichten dieses Mannes verdienen umsomehr Beachtung, als er mitten im Getriebe des öffentlichen und praktischen Lebens steht und zu wiederholten Malen mit seinen ausgezeichneten Fähigkeiten für das Judenthum eingetreten ist. Er war es, der seinerzeit den berüchtigten Brimauus als Fälscher entlarvt hat. und er kennt, wie selten Einer, die dunklen Wege und die tückischen Anschläge der antisemitischen Partei. Auf die seitens unseres Redakteurs gestellten Fragen, ob er von der Errichtung confessioneller Schulen in politischer, pädagogischer und materieller Beziehung einen nützlichen oder schädlichen Einfluss auf unsere gegenwärtigen Verhältnis erwarte,x erklärte sich Dr. Ellbogen, nicht nur at§ freisinnig denkende Staatsbürger sondern auch als Jude, mit aller Entschiedenheit gegen die jüdisch-confessionelle Schule und knüpfte daran folgende Bemerkungen: „Die an mich gestellten Fragen legen mir es nahe, elnen Blick auf das derzeit noch jugendliche Alter der Judenemanzipatiou in Oesterreich zurückznwerfen. Jeder Baustein eines so mühsam errichteten großen Werkes sollte vor Allem von der Staatsgewalt sorgsam gehütet werden, denn ist einmal das Gefüge gelockert, daun ist nicht abzusehen, an welchem Punkte die Demolirung stille halten wird. Der Versuch, die confessionelle Schule im Verordnuugswege einzuschmuggelu, ist unzweifelhaft ein solch' reaktionärer Versuch, in die staatlich gewährleistete Gleichberechtigung der Juden Bresche zu legen. Es geschieht damit seit dem Jahre 1867 das erstemal, dass officiell eine Verschiedenheit in der Behandlung zwischen Christen und Juden auf einem Gebiete des öffentlichen Lebens in's Werk gesetzt werden soll. Und das soll nach den gleißnerischeu Versicherungen unserer Gegner in jüdischem Interesse geschehen sein! Timeo Danaos! In dieser Erwägung erschöpft sich die politische Seite dieser Frage; allein auch vom Standpunkte pädagogischer und rein materieller, ökonomischer Betrachtung gelange ich zum gleichen Ergebniße. Man kann auch auf jüdisch-nationalem Boden stehen, ja man kann sogar bis zu den äußersten zionistischen Consequenzen vorgeschritten sein, ohne der Nothwendigkeit sich zu verschließen, dass im Rahmen des Staatsganzen ein ruhiges Neben- und Miteinander zwischen christlichen und jüdischen Staatsbürgern der wünschenswertheste Zustand ist. Aber Das ist es ja gerade, was der antisemitischen Demagogie nicht passt. Sie braucht die Gegnerschaft für ihr Geschäft, den Zwiespalt, die Ungleichartigkeit, vor Allem in der äußeren Erscheinung. Und da sie denn doch glücklicher Weise zu schwach ist, unseren jüdischen Kindern den gelben Fleck au den Rock zu heften, so sollen diese Kinder wenigstens von den christlichen Mitschülern äußerlich abgesondert werden.