Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 2 (9.1.1899)
- Date
- 1899-01-09
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 12. #r; 2. „Beilage: Gesterreichisch-nngansche <Lantoren-Ieitnng.^ spricht wohl von drei Beamtenkategorieu, deren Vertreter jedoch nur den Charakter von Verwaltuugsbeamten trugen. Es waren dies der Bosch haknessess, die G-abboe zedokoli und der Chasan haknessess. Der Bosch haknesses, das Haupt der Synagogengemeinde, hatte zu bestimmen, wer das Schema feierlich rezitireu, wer Abschnitte aus Thora und den Propheten vortragen und wer vor die Lade treten, d. h. wer die übrigen Gebete verrichten soll. Denjenigen, welcher vom Bosch haknessess bestimmt war, die Gebete zu verrichten, nannte mau 8chehack zibbur. Wie dieser, der Bote, der Abgesandte der Gemeinde, beim jeweiligen Gottesdienste aus der Mitte der anwesenden Gemeiudemitglieder gewählt wurde, so wurde auch einer der gerade anwesenden Schriftgelehrteu ersucht, den vorgeleseneu Schriftabschnitt zu erklären und Belehrungen au diesen zu knüpfen. Die Gabboe zedokoh, die Almosen-Einnehmer, sie sammelten Spenden für die Armen, bestehend in Geld und in Naturalien. Der Chasan haknessess endlich war der Synagogendiener. Seine Obliegenheiten bestanden nach der Mischnah unter Anderem darin, die Thora der Lade zu entnehmen, sie dem Bosch haknessess zu überreichen und sie nach der Vorlesung wieder an ihren Ort zu stellen. Er hatte die vorgeschriebene Geißelung vorzunehmen, er musste die Lulabim verwahren und austheilen, wenn das 8nccoth-Fest aus einen SabbatH siel, er hatte im Tempel die Dienstgewänder der Leviten in Verwahrung zu nehmen. Er war aber auch Kinderlehrer, tute aus Tractat SabbatH hervorgeht. Chasan in der Bedeutung eines Vorbeters von Berus siudet sich weder in der Mischnah noch in der Gemara. Laien waren es. welche das Vorbeteramt während des Tempelbestandes und lange nachher in den Synagogen versahen. Man verlangte nur zu jeuer Zeit von einem Scheliach zibbur, dass er ein „Hogon“ sei. Die Frage, wer ein Bogon genannt zu lverden verdient, beantwortet der Sehulehan aruch dahin: „Derjenige, der frei von Sünden ist; er darf keinen bösen Nus haben, auch von Jugend an nicht. Er muß demüthig und beliebt beim Volke sein, eine liebliche und angenehme Stimme haben und gelänsig mt§ Thora, Nebiim mit) Ketubim vorlesen können. Findet man Keinen, der all diese Eigenschaften in sich vereinigt, so bestimme man zum Vorbeten den Besten in der Gemeinde an Weisheit und guten Werken. Ist unter den Anwesenden ein Umviffender, der zwar alt ist, eine angenehme Stimme hat und beim Volke beliebt ist, so gebe man lieber den Vorzug einem 13jährigen Knaben, der da versteht, was er spricht, wenn er auch keine angenehme Stimme besitzt." Dass trotz dieses Laieuregimeuts die Gebete nicht declamirt, sondern rezitirt wurden, unterliegt keinem Zweifel. Wird uns doch authentisch berichtet, dass selbst die Halachoth oder MSsehnajoth, die überlieferten Gesetze und Gesetzesansleguugen, mittels eines ganz bestimmten Tonfalles dem Gedächtnis eiugeprägt werden mussten, da sie ursprünglich nicht niedergeschrieben werden durften. Dieser Tonfall, Sprechgesang oder Lernnigun, der noch heute bei den deutschen, polnischen, ja orientalischen Juden üblich ist, er lässt an Ursprünglichkeit, au Einfachheit nichts zu wünschen übrig. (Schluß folgt.) Der 2. Verbandstag der isr. Religionslehrer an den Österr. Mittelschulen fand am 27. und 28. v. M. hier im Restaurant Khuner statt. Die sehr instrnctiven Verhandlungen trugen noch dazu bei, die Bedeutung der" Versammlung zu erhöhen. Um Uhr eröffnete der Obmann Dr. A. Weiß (Wien) den Verbandstag mit einer längeren Ansprache, die in dein Satze gipfelte: „Die israelitischen Religionslehrer müssen die Regeneration des Judenthnms zu erzielen suchen." (Lebhafter Beifall.) Nachdem er die Herren Jnspector Rabbiner Dr. Caro, Rector Dr. Schwarz (der theol. Lehranstalt), Lector Frieduiaiiii, Prof. Büchter, Jnspector Dr. Jon. Wolf (Wien), Dr. I. S. Bloch, Herausgeber der „österr. Wochenschrift", I. Bauer. Herausgeber der „Wahrheit", Prof. Carl Wotke (Verein „Mittelschnle") und Prof. Dr. Herzl begrüßt hatte, eröffnete er die Versammlung mit Hochrufen auf den Kaiser, in die die Versammelten begeistert einstimmten. Hierauf geht die Versamnilung zur Tagesordnung über. Zum ersten Punkt „Rechenschaftsbericht" ergreift der Obmann das Wort; Der Verband sei unter günstigeit Anspicien gegründet worden; nachdem ihm auf sein Brunner Huldignngstelegramm am 4. Jänner 1897 der Allerhöchste Dank allsgesprochen wurde, konnten wir mit frendigenl Eifer an's Werk gehen. Der erste und wichtigste Schritt war die Petition an das Unterrichts-Ministerium. die in folgenden Forderungen gipfelt: 1. Wo die gesetzlichen Bedingungen dafür vorhanden sind, Lehrstellen für beit Religionsunterricht zu systemisiren. 2. An Orten, wo mehrere Mittelschulen existiren, die jedoch nicht die geniigende Schülerzahl aufweisen, insvferne für diese zusammen eine Lehrkraft bis zur vollen Dienstleistung erforderlich ist, Lehrstellen zu systemisiren. 3. Wo eine Systemisirung nicht stattfinden kann, den Religionslehrern eine nach der durchschnittlichen Stundenanzahl bemessene Altersversorgung zuzuerkennen. 4. Dem Religionsunterricht sei überall die gesetzliche Stundenzahl einzuränmen. 5. Sei der Titel „Hilfslehrer" abzuschaffen. Die Mittheilnngen des Herrn Sectionsrathes Wiener, dass man wohl von der principiellen Systemisirullg dermalen absehen müsse, weil sie mit sehr großen Schwierigkeiten verbunden ist. und dass man nur persönliche und locale Ausnahmen machen könne, ist immerhin eine sehr dankenswerthe Aufklärung, die uns Präjndize schafft, mit Hilfe derer ein leichteres Fortkommen in principieller Hinsicht geboten werde. Auch liegt in der Abschaffung des Titels „Hilfslehrer" schon ein gewisses Zugeständnis in der Frage der Systemisirung. Die Schritte, die der Ausschuß auf Anregung des Herrn Dr. Kisch (Prag) in Angelegenheit der Jnbiläums-Medaille für Civil-Staatsbeamte gemacht, blieben jedoch erfolglos. In der hierauf folgenden Debatte beteiligten sich die Herren Rector Schwarz, Rabbiner Dr. Kisch, der beantragt, mit dein neugegründeten „Allgemeinen israel. Bunde" in Fühlung zu treten, um in der Frage des Lehrplanes ans eine einheitliche Grundlage zu gelangen. Ferner sprach Herr Dr. Bloch. Hierauf wurde die Debatte unterbrochen und hielt Herr Jnspector Dr. Jon. Wolf seinen Vortrag über „Vergleichende S ch u l st a ti st i k", der sich eine sehr anregende Discnssiou anschloß, geführt von den Herren Dr. Ad. Weiß (Wien), Rector Schwarz, Jnspector Kanitz (Wien).Dr.G o l d h a m iit e r(Wien) und Rabb. Dr.Kisch (Prag) Schluss der 1. Sitzung 1 Uhr Mittags. Die 2. Sitzung begann um l/Ah Uhr unter dem Vorsitze des Herrn Obmann-Stellvertreters Rabb. Dr. Feuchtwang (Nikolsburg), der namens des Ausschusses ein Huldigungs- Telegramm au Se. Majestät den Kaiser abzusenden beantragt. Die Versammlung nahm den Inhalt zur Kenntnis. Nachdem noch einige Einläufe verlesen wurden, begrüßte der Vorsitzende